Zu laut für die Traumreise

, 08.03.2017

Ein Konzert der Chicagoer Postmetal-Band Russian Circles verspricht zwei Stunden Weltflucht. Wären da nicht die kratzigen Momente und die Transparenz, die ihre Monumentalmusik auf der Bühne aufschlüsselt.

DSCF6436

Russian Circles’ Alben sind auf verschiedenen Ebenen Kunstwerke der Auslassung. Obwohl nur zu dritt, stehen Mike Sullivan (Gitarre), Brian Cook (Bass) und Dave Turncrantz (Drums) seit ihrem Debüt Enter (2006) für virtuos arrangierte Monumentalmusik, die als akustische Projektionsfläche für cineastische Streifzüge durch die eigene Vorstellungskraft dienen kann. Die Konstitution dieser imaginären Welten im Raum der Musik unterstützen die Song- und Albumtitel, die meist aus einem echoenden Wort mit undefiniertem Kontext bestehen. Oft sind es Namen von Orten oder Menschen und immer wieder Zahlen, die das Grosse, Geschichtliche, Tragische evozieren. Seit Station (das Cover zeigt ein schwarzweisses Truppenbild) führen Fotografien diese unkommentierte, rätselhafte Ikonographie auch auf der Ebene der Artworks weiter: ein abweisendes Gebäude (Geneva), ein Mensch im lichtdurchfluteten Wald (Empros), die Luftaufnahme eines Gebirges (Memorial), ein von Soldaten flankiert marschierender Gefangener (Guidance).

All eyes on Turncrantz
Für zwei Stunden innere Emigration vor dem Regen, Wilders, Le Pen und Ganser war der Stopp der Band aus Chicago in Zürich also allemal willkommen. Doch das Konzert in der Roten Fabrik ging weit über eine sonntagabendliche Traumreise hinaus. Denn, einmal auf der Bühne, zelebrieren Russian Circles die Transparenz. Da ist kaum Dampf, kein Strobo, nur die Silhouetten der Musiker im meist goldenen Licht, das in Säulen hinter dem Schlagzeug zur Decke des Raums strahlt und die Band wie vor einer untergehenden Sonne stehend erscheinen lässt. Ein Ventilator lässt Drummer David Turncrantz’ Haare fliegen, während er aufrecht sitzend spielt und dabei wie ein Krake hantiert. Mit dem Licht fällt auch die meiste Aufmerksamkeit auf Turncrantz. Dem entspricht durchaus die markante Stellung des Drummers in der Band, in der sein synkopisches Spiel gegenüber Sullivans geschichteten Gitarren eine mindestens ebenbürtige Stellung einnimmt. Sein Spektrum reicht von tribaleskem Trommeln bis zu Marschrhythmen und mit dem Crescendo und Decrescendo von hochfrequenten Wirbeln fügt er Russian Circles’ Musik an manchen Stellen ein beinahe melodiöses Element hinzu.

So auch am Übergang von «Asa» zu «Vorel», den ersten beiden Songs ab dem aktuellen Album Guidance, mit denen am Sonntag auch das Konzert begann. Am Ende von «Asa», das eigentlich ein vierminütiges Intro ist, schwillt ein Snare-Schauer zu einem alles übertönenden Rauschen an, das sich dann in marschartigen Akzenten auflöst und dem triumphalen Eröffnungsriff Platz macht. An diesem ersten lauten Punkt des Konzerts, beim Aufheulen dieser goldenen Motorsäge, verscherbelte es den Sound im Clubraum ein wenig. Das passte aber ganz gut, weil dieser kratzige Moment nach dem verträumten «Asa» daran erinnerte, dass Russian Circles eben nicht Explosions In The Sky sind.

Kleine Yngwie-Malmsteen-Momente
Bei deren Konzert im letzten Juni in der Aktionshalle geschah irgendwann, was bei der typischen Dynamik des Postrock immer als Gefahr mitschwingt: dass der Reiz des Umschlagens in der stetig an- und abschwellenden Soundflut irgendwann untergeht. Dass dies bei Russian Circles nicht geschieht, dafür sorgen auch diese berstenden Momente, in denen die Kraft von Metal und Hardcore in thrashigen Riffs und dunklen Breaks durschlägt. Die flinkfingrigen Tappings in «Youngblood» und «Mlàdek» bescherten dem Konzert gegen Ende zudem sogar kleine Yngwie-Malmsteen-Momente. Der direkte Klang im niedrigen, gut gefüllten Clubraum hob die metallische Wucht der meisten Songs zusätzlich hervor, dagegen verblasste das von schmelzenden Melodien geprägte «Afrika» beinahe ein wenig.

An der Darbietung des unerreichten «Harper Lewis» liess sich wunderbar studieren, wie Russian Circles ihre Verdichtungen und Lichtungen konstruieren. Zuerst agiert nur Turncrantz, über dessen archaische Rhythmen alsbald Cook seinen brummenden Bass und gespenstische Synths ausgiesst, bevor Sullivan helle Drones und perlende Arpeggien hineinloopt. Und dann, Stück für Stück, wird alles wieder voneinander genommen. Man sieht, wie Cook in sein Synthie-Köfferchen greift und Sullivan auf die Pedale tritt, wie Turncrantz’ seine Stöcke aus gespannten Handgelenken steuert. Und schliesst die Augen.