Zeit zertrümmern
im Riff-Paradies

Nach Sunn O))) oder Liturgy in früheren Jahren spielte mit Sleep auch an der diesjährigen Band Bonn Kilbi im Freiburgischen Düdingen wieder der avantgardistische Metal auf. Im Cannabis-Messianismus von Sleep ist das Paradies nur noch meditatives Dröhnen.

DSCF6736Gitarre statt Bong in der Hand: Sleep in Düdingen.

Sleep begannen gleich da, wo es um alles geht: bei Dopesmoker, dem monumentalen Höhepunkt ihres Schaffens und einem der radikalsten Alben, das je eine Metalband aufgenommen hat. Sleep spielten eine geraffte Version des gleichnamigen Songs, der in seiner vollen Länge von über 63 Minuten das gesamte Album füllt. Doch das klingt nun alles ganz falsch, weil viel zu fest nach Gigantismus und Spektakel. Denn die Radikalität von Sleep ist eigentlich eine ganz subtile, ja flüchtige. Wenn man die Band live erlebt, wie an der diesjährigen Bad Bonn Kilbi im Freiburgischen Düdingen, wird das umso deutlicher.

Laut der Band selber soll es ja gar nicht möglich sein, ihre Musik zu beschreiben. «The words have failed them all», heisst auf der Facebookseite von Sleep. Abgesehen davon, dass weitsichtige Musik dies immer ein stückweit für sich beanspruchen kann, ist an der unbescheidenen Selbstdiagnose schon etwas dran. Und das hat vor allem damit zu tun, wie Sleep mit der Zeit umgehen, sprich: wie sie die Zeit zertrümmern. Darum lässt sich ein Konzert von Sleep kaum im Sinne einer Abfolge von Ereignissen nacherzählen.

Ohne Anfang
Das beginnt schon damit, wie die Band in dieses Konzert einsteigt. Es erinnert an Electric Wizard, die andere grosse Doom/Stoner-Band der 90er Jahre, wie Al Cisneros (Bass, Gesang), Matt Pike (Gitarre) und Jason Roeder (Schlagzeug) statt eines richtigen Anfangs, geschweige denn eines warnenden Auftakts, nach ein paar unkoordiniert wirkenden Seitenanschlägen wie von einer äusseren Kraft geleitet in ihren rollenden Groove hineinrutschen. Und dann ist man ist man sofort fest umschlossen von diesem mächtigen, aber watteweichen, in mal langsamen, mal sehr langsamen Pulsen voranrollenden Soundstrom. Aber was tun die da eigentlich?

Grundsätzlich nicht viel. Wenn Pike nicht gerade zu einem Solo ausschert, folgen er und Cisneros denselben, meist ganz einfachen Wendungen ihrer Riffs. Jede unnötige Verzettelung würde den meditativen Fokus stören, Kraft abziehen vom dröhnenden Flow. Die Arbeitsteilung zwischen Pike und Cisneros ist keine funktionale, sondern eine des musikalischen Temperaments. Cisneros ist der Psychedeliker, der Zerstreuer, Pike der Kraftbolzen, der Motor von Sleep. In den beiden Bands, die die beiden nach der Auflösung von Sleep Ende der 90er Jahre gegründet haben – Om und High on Fire – kommen diese beiden Temperamente je in reiner Form zur Entfaltung. Sleep ist die Synthese.

Roeder, der als Schlagzeuger von Neurosis mindestens schon so lange wie Cisneros und Pike zu den prägenden Figuren der doomigen Seite des Metal gehört und seit 2009 den ursprünglichen Sleep-Schlagzeuger Chris Hakius ersetzt, machte beim diesem Konzert im Übrigen einen phänomenalen Job. Die zusätzliche technische Finesse, die er im Vergleich zu Hakius einbringt, verleiht dem Spiel der Band noch mehr Kontur.

Ohne Zeit
Hier müssen wir noch einmal auf «Dopesmoker» zurückkommen. Denn an diesem Song lässt sich am besten erkunden, wie diese Band funktioniert. Dass Sleep den Song abkürzten, spielt im Grunde gar keine Rolle. Denn eigentlich handelt es sich dabei gar nicht um einen Song, sondern eher eine Idee des Zusammenspiels, der man sich wahlweise für zehn Minuten, aber auch für drei Stunden hingeben könnte. «Dopesmoker» ist ein Aufruf zur Versenkung in eine Welt, in der die Zeit keine Rolle spielt. In der man sich in die Tiefe bewegt statt vorwärts. Deutlich wahrnehmbare Brüche gibt es nur dann, wenn Sleep effektreich das Tempo wechseln. Dazwischen werden die Riffs, immer wieder nur auf einem einzigen Ton gespielt, nur leicht moduliert – wohl bei jedem Konzert wieder ein bisschen anders.

«Drop out of life with bong in hand / Follow the smoke toward the riff filled land.» In den ersten Zeilen von «Dopesmoker», die in der Studioaufnahme erst nach über acht Minuten einsetzen und die Cisneros mit endlos in die Länge gezogenen Silben wie einen monotonen Mönchsgesang intoniert, hallt auch das psychedelische Motto von Hippie-Papst Timothy Leary wieder: «Turn on, tune in, drop out». Doch im Cannabis-Messianismus von Sleep liegt die Erlösung nicht in einem spirituellen Jenseits, sondern in der Materialität des Sounds selber. Das rhythmische Dröhnen der Verstärker ist kein Mittel, um in eine andere Welt zu flüchten, es ist selber diese andere Welt.

Sleep und die Bad Bonn Kilbi – das verträgt sich auf Anhieb wunderbar. Im Ablauf des Abends fügen sich die Metalveteranen aus Kalifornien, die vom Publikum ausgelassen (sogar mit Moshpit) gefeiert werden, geschmeidig ein. Nach der Folk-Rock-Sängerin Angel Olson, deren lässig geschalte Begleitband ihr schönes letztjähriges Album My Woman leider etwas gar zahm intonierte, glichen Sleep mit ihrem neun Verstärker zählenden Arsenal den Druckabfall wieder aus. Und vor Lord Kesseli and the Drums mit ihrem «synthetic Science Fiction» hoben Sleep den Abend bereits in den Schwebezustand.

Ohne Länge
Doch der Metal ist sowieso tief in die DNA der Kilbi eingeschrieben. Das wird bereits auf den zweiten Blick klar, denjenigen aufs Festivalarmband und die kvltigen Buchstaben, die sich darauf finden. Im schönen Editorial zum Festival lesen wir, die für die Kilbi verwendete Typographie sei «ein Morphing aus Esoterik oder Spiritualität und keltischen Schriftzeichen, derer sich vor allem Metalbands gerne bedienen». Und dann schaut man ein bisschen in die Vergangenheit und sieht, dass dieses hipste aller Schweizer Festivals auch bei der vereinzelten aber regelmässigen Auswahl seiner Mertalbands gerne im Avantgarde-Töpfchen fischt: vom Drone Metal von Sunn O))) bis zum transzendentalen Black Metal von Liturgy.

Zwar scheint Dopesmoker dem formalen Extremismus jener Bands zu gleichen, doch Sleep sind weder so langsam und heavy wie Sunn O))), noch ist ihre Musik auch nur annähernd so komplex komponiert wie diejenige von Liturgy. Insbesondere wenn man Dopesmoker live hört, wird klar: Es geht dabei nicht um die Länge, sondern immer um die Tiefe.