«Wie kannst du als Rechter verdammt nochmal so über den Wald singen?»

Dawn Ray’d haben ein rauschendes Jahr hinter sich: Ihr Debütalbum The Unlawful Assembly begeisterte nicht nur die politische Metalöffentlichkeit, es bescherte dem Trio aus Liverpool auch einen Platz am wählerischen Roadburn Festival. Wir haben Dawn Ray’d am Tag nach ihrem Auftritt im holländischen Tilburg getroffen und mit ihnen über den norwegischen Wald und autonome Räume in Zürich gesprochen.

dawnrayd_teoralf_isfjordson_hrBild: Teoralf Isfjordson

 

Alpkvlt: Dawn Ray’d, welches Konzert habt ihr hier am Roadburn am meisten genossen – abgesehen von eurem eigenen?
Simon Barr: (Lacht) Wir waren klar die besten, oder?
Alle: Aerial Ruins.
Simon: Panopticon in der Kirche und Mizmor.
Fabian Devlin: Panopticon habe ich hier zum ersten Mal gesehen. Vor allem über die Lieder ab Kentucky habe ich mich gefreut, das Album habe ich oft gehört.

Waren Panopticon eine grosse Inspiration für Dawn Ray’d?
Simon: Sicher für unser politisches Selbstvertrauen, weniger als direkte musikalische Inspiration. Man kann sicher sagen, dass Panopticon mit Alben wie Kentucky eine Bresche für Black-Metal-Bands mit anarchistischer Message geschlagen hat.

Habt ihr einen anarchistischen Konsens in der Band?
Alle: Ja!

Wenn sich Black-Metal-Bands auf linke Strömungen berufen, dann scheint es: eher auf den Anarchismus als auf den Kommunismus. Selbst bei den grusligsten Charakteren des Black Metal könnte man etwas Anarchistisches sehen…
Matthew Broadley: Ich bin mir nur nicht sicher, ob diese es auch realisieren.

Sie tun das Richtige aus den falschen Gründen?
Simon: Ja! Ich meine, Kirchen anzünden? Unbedingt, eigentlich.
Fabian: Es ging bei Black Metal immer auch um die Ablehnung von Autorität und Status Quo. Das ist eigentlich eine ur-linke Haltung und darin liegt auch die Kraft dieser Musik.
Simon: Dasselbe gilt meiner Meinung nach auch für die ganze Wildnis-Thematik im Black Metal. Der Schutz der Natur und die Liebe zu ihr kann doch nur eine linke Position sein. Wer Faschismus oder Kapitalismus unterstützt, fördert die Mechanismen, die die Umwelt am schnellsten zerstören. Wie kannst du als Rechter verdammt nochmal so über den Wald singen?

Es geht vielleicht eher um den Wald als Idee oder Atmosphäre als darum, sich wirklich um Bäume zu sorgen…
Matthew: Genau – es geht um den norwegischen Wald. Der erste Baum hinter der Grenze zu Schweden kann weg. (lacht)

Liegen eure musikalischen Wurzeln eher im Metal oder im Punk?
Simon: Wir alle haben vor Dawn Ray’d in anderen Bands gespielt, als Musiker sind wir in der internationalen DIY- und Squatszene aufgewachsen.
Fabian: Als Musiker ist es schon inspirierend, wenn Bands wie Dragged into Sunlight oder Coltsblood in deiner Nähe entstehen. Für unsere politische Haltung war es aber prägender, lange Zeit in Squats in ganz Europa unterwegs zu sein.

Wie beeinflussten die Squats eure Band?
Fabian: Zunächst durch all die Bands und die Leute, die wir dort kennen lernten. Du triffst auf kritische und empathische Geister, die extreme Musik spielen und autonome Räume gestalten und verteidigen. Diese Kraft nimmst du mit, wenn du weiterziehst.
Simon: Eine leider noch immer verbreitete Haltung sagt, dass gewisse Genres politisch zu sein haben und andere nicht. Aber der Auftritt einer Band wird schon dadurch politisiert, dass er in einem anarchistischen Squat stattfindet. Du kriegst so viele verschiedene Bands durch einen anarchistischen Filter zu sehen. Der Squat als politisierter Raum macht eine Trennung wie «Punk hat politisch zu sein, Black Metal nicht» obsolet.

fabian_dawnrayd
Fabian Devlin, Bild: The Dude Abides Photography

Squats sind ja musikalisch oft sehr offen.
Fabian: An nichtkommerziellen Orten ist viel mehr Kreativität möglich. Wenn mit einem Klub kein Geld verdient wird, muss es nicht immer die bestmögliche Show mit der bestmöglichen Musik, gespielt von den bestmöglichen Leuten sein. Zürich ist für solche Räume übrigens wirklich fantastisch!

Wo wart ihr?
Simon: Wir haben zum Beispiel im autonomen Beautysalon gespielt…

…den es leider nicht mehr gibt…
Fabian: Oder in Bremgarten, wie hiess das nochmal?

KuZeb, Kulturzentrum Bremgarten.
Fabian: Die haben da dieses Osterfestival, ein absolutes Chaos! (lacht)
Simon: Ein wundervoller Ort!

Zieht ihr es also vor, in Squats zu spielen, wenn ihr wählen könnt?
Matthew: Ich würde nicht das eine über das andere stellen. Aber für Anarchisten ist es natürlich komfortabel, an autonomen Orten zu spielen.
Fabian: Natürlich könnten wir nur in Squats auftreten, wir möchten aber an so vielen verschiedenen Orten wie möglich spielen und nicht immer vor den gleichen Leuten. Das bekommt schnell etwas Exklusives und kann zu einer Blase werden.

Ist es euch wichtig, eure politische Botschaft an Orte zu tragen, wo sie weniger präsent ist?
Simon: Definitiv. Wir sind in erster Linie einfach eine Band. Aber wir sind auch eine Band, die sich für eine bessere Welt einsetzt. Ich habe beispielsweise viele Freunde in England, die auf Extreme Metal stehen, aber kaum noch zu Shows gehen, weil sie immer wieder Probleme mit Rassisten haben. Ich will verdammt nochmal, dass sich das ändert!

Eine Erfahrung, die man als Weisser schwer nachvollziehen kann. Man sieht den Leuten an den Konzerten ja nicht an, ob sie RassistInnen sind.
Matthew: Du musst nur Leuten zuhören, die nicht weiss sind.
Simon: Ich liebe diese Musik, sie ist mein ganzes Leben. Und ich will nicht zuschauen, wie eine kleine Minderheit von Nazis die Szene für alle anderen ruiniert.

Dawn Ray’d – die Antifa-Black-Metaller. Ist es manchmal auch anstrengend, immer darüber zu sprechen?
Simon: Wir sprechen in Interviews tatsächlich mehr über Politik als über Musik. (lacht) Aber ich finde es nach wie vor interessant und wichtig.

Das Interesse zeigt ja auch, dass viele Leute in der Szene darauf warten, dass MusikerInnen die Stimme erheben.
Simon: Viele Bands mit coolen Leuten haben sich in der Vergangenheit nicht getraut, ihre Haltung offen auszusprechen, auch aus Angst, sich zum Ziel von Nazis zu machen. Aber ich habe den Eindruck, dass sich das ändert. Wir erleben gerade eine grosse kulturelle Verschiebung.

Wie äussert sich das deiner Meinung nach?
Simon: Mit dem Aufstieg neuer Faschismen auf der ganzen Welt bekommen die Leute das wahre hässliche Gesicht dieser Ideologie zu sehen. Sie merken, dass Faschismus nicht irgendein modisches Accessoire ist, sondern eine Bedrohung, gegen die wir uns im Alltag stellen müssen. Die meisten Menschen sind keine Rassisten. Die meisten Menschen sind keine Sexisten. Und die meisten Menschen sind empathisch.

Den zweiten Teil des Gesprächs mit Dawn Ray’d gibt es in Kürze hier zu lesen.