Von «Satanic Rites» bis zur «Alten Metzg»

Martin Stricker hatte als Bassist von Celtic Frost und Hellhammer sowie als Gastronom in Zürich enormen Einfluss auf die Metalszene. Hannes Reitze, Gitarrist der Band Excruciation und langjähriges Mitglied der Zürcher Szene, erinnert sich.

22766709_1480135052098418_578775897_oSpuren einer Legende: die Hellhammer- und Celtic-Frost-Sammlung von Hannes Reitze.

Die schockierende Nachricht vom unerwarteten und tragischen Tod Martin Strickers ereilte mich in einer Whatsapp-Gruppe, die nahezu ausschliesslich aus Leuten besteht, die ich in der ehemaligen Bar «Alte Metzg» kennengelernt hatte. Dieser von Martin mitgegründete, wunderbar gestaltete Bauchnabel der Zürcher, ja Deutschschweizer Metalszene, widmete sich ausschliesslich dem Heavy Metal in all seinen Spielarten und hat während seinem kurzen Bestehen viele Freundschaften entstehen lassen, ohne die mein Leben völlig anders verlaufen wäre. Nun sitzen wir, viele Metalfans, Freunde und Familie von Martin, wie gelähmt da und versuchen zu verarbeiten, was passiert ist: Martin Eric Ain, Slayed Necros oder eben Martin Erich Stricker, Bassist von Celtic Frost und Hellhammer, Zürcher Gastronom und offizielle Legende des Heavy Metal, ist nicht mehr da. Ich war kein naher Freund von Martin, doch wir kannten uns, begegneten uns in unregelmässigen Abständen, und was er auf die Beine gestellt hat, hat mein Leben massgeblich beeinflusst. Deshalb ist es mir eine Ehre, meinen persönlichen Bezug zum Wirken von Martin hier auszuformulieren.

Meinen ersten Kontakt mit Martins Musik beziehungsweise Hellhammer hatte ich als 14-Jähriger, als mir ein guter Freund und Türöffner für den Metalunderground auf einer raubkopierten Kassette aus Polen das von Martin mitgeschriebene Hellhammer-Stück «Messiah» vorspielte. Ich hatte schon meine ersten Erfahrungen mit harter Gitarrenmusik gemacht, aber was da aus den Boxen wummerte, beeindruckte mich unglaublich. Das war zwar langsamer als Metallicas «Ride The Lightning», aber noch finsterer und atmosphärischer, noch tiefer gestimmt als Black Sabbath, noch kaputter als Motörhead und mindestens so bösartig wie Venom. Ich war begeistert – aber auch ein wenig eingeschüchtert.

Verlacht und ganz und gar uncool
Als ich Ende der 90er Jahre auf einem Flohmarkt in Solothurn beim Stöbern aus einer Vinylkiste eine handnummerierte Picturedisc-Version von Hellhammers «Satanic Rites» herauszog, konnte ich mein Glück kaum fassen. Für einen lächerlichen Preis von 15 Franken – ich musste mein ganzes, sehr dürftiges schauspielerisches Können aufbringen, um meine Euphorie zu verbergen – durfte ich sie mitnehmen. Aber ja, der Preis war offenbar fair. Vinyl war damals nicht besonders beliebt und Heavy Metal ein verlachtes und ganz und gar uncooles Genre.

An meiner Schule gab es ausser mir genau vier Metalfans. Von ihnen lernte ich, dass aus Hellhammer die angeblich noch besseren Celtic Frost hervorgingen. Kurz darauf fand ich im Brockenhaus das Celtic-Frost-Album «Into The Pandemonium», ebenfalls auf Vinyl, für einen Fünfliber. Die eine Albumhälfte traf mit krachenden Riffs wie bei «Babylon Fell» genau meinen Geschmack, die andere Hälfte mit Songs wie dem gruftimässigen «Tristesse de la lune» oder dem klagenden Gesang in «Mesmerized» irritierten mich. Mit dem unerwarteten Avantgarde-Anteil bei Celtic Frost konnte ich als 15-jähriges Pickelgesicht einfach nichts anfangen. Als ich das dem bereits erwähnten Freund erzählte, lachte er mich aus und drückte mir die titanische EP «Morbid Tales» in die Hände. Nun war‘s endgültig geschehen: Was für eine Band! Songs wie «Dethroned Emperor» oder «Into Crypts Of Rays» toppten alles, was ich bisher kannte. Wie cool war dieses minimalistische visuelle Design mit dem von Martin entworfenen, roten Heptagram und sowieso die ganze Atmosphäre! Und dann waren Celtic Frost auch noch Schweizer und dem Underground immer treu ergeben gewesen – keine Skandale, keine Medienschlammschlachten – nur musikalische Düsternis und ein paar dämonische Bandfotos. Ich war begeistert und bin es 20 Jahre später immer noch.

Für viele Fans eine Initialzündung: Celtic Frost spielen 1985, ein Jahr nach ihrer Gründung, im Schweizer Fernsehen. 

In der Metalbar Green Wolf im nahen Deitingen, die ich kurz darauf entdeckte, trugen alle ihre Shirts von Celtic Frost und Hellhammer mit grossem Stolz und das berühmte Bandfoto von «Apocalyptic Raids» mit Martins dämonischem Gesicht grinste mich an nahezu jedem Konzert von einem Rücken an. Für die Fotos in den Booklets warf sich Martin teilweise in exzentrische Outfits mit Augenmakeup und Rüschenhemden, insbesondere für das eine Foto mit dem weiss geschminkten Gesicht und dem langen Mantel aus der Zeit von «To Mega Therion». Für mich waren das alles Gruftisachen und somit uncool – doch wenn Martin von Celtic Frost sie trug, mussten sie doch gut sein. Jahre später begriff ich, dass diese optischen und musikalischen Elemente eine spannende Weiterentwicklung der Band bedeuteten und wie gross der Einfluss von Gothicbands wie Bauhaus oder Christian Death auf Martin und Celtic Frost schon zu Beginn gewesen waren.

Auch weil er ihn selber geschrieben hatte, sei «Mesmerized» einer seiner Lieblingssongs von Celtic Frost, sagte Martin dem Magazin «Deaf Forever»: «Der Song hat für mich eine grosse Bedeutung, da wir in Sachen Songwriting komplett neue Wege gegangen sind. Von der New Wave der Marke Christian Death und Bauhaus inspirierter Metal.»

Ein paar Jahre darauf sah ich mit meinen Metallerfreunden zufällig in Bern die Show «Karaoke From Hell»: eine grossartig eingespielte Liveband, die hundert Songs der Gitarrenmusik zusammen mit freiwilligen Sängerinnen und Sängern aus dem Publikum darbot. Und als Anheizer, Stimmungsmacher und Moderator fungierte: Martin Eric Ain von fucking Celtic Frost. Ich war überrascht und beeindruckt: was für ein tolles Konzept! Nach dem grossartigen Abend konnten wir immer noch nicht glauben, dass der Bassist dieser knallharten Undergroundmetalband eine solche Party veranstaltete.

Karaoke-Host und Satanclaus
Als ich ein paar Jahre später nach Zürich zog, besuchte ich die «Karaoke From Hell»-Shows im Mascotte regelmässig und lernte dort auch meine grosse Liebe kennen, mit der ich seither zusammen bin. Um sie zu beeindrucken, wollte ich mich auch im Singen versuchen und brüllte Motörheadsongs von der Bühne. Als Moderator kannte Martin meinen Namen und mein Gesicht und grüsste mich von da an immer freundlich, wann immer wir uns in Zürich über den Weg liefen, und plauderte ein wenig mit mir. Bei «Karaoke From Hell» überliess er das Rampenlicht stets den Sängerinnen und Sängern, denen er mit Respekt und Freundlichkeit begegnete. Manchmal konnte er sie aber auch wie ein grosser Bruder mit einer gesunden Portion Ruppigkeit auf den Boden der Tatsachen zurückholen, wenn sie sich beim Singen übernommen hatten. Im Mascotte waltete Martin am 6. Dezember zeitweise auch als Satanclaus und zollte einem seiner Idole, dem Kasperlitheater-Sprecher unzähliger Bösewichte, Teufel und Monsterfiguren Paul Bühlmann, Tribut beim Zürcher Splatterlitheater (haha), wo Martin als Sprecher waltete.

Die offizielle Reunion von Celtic Frost 2006 wurde von meinen Solothurner Freunden und mir euphorisch mit einem Konzertbesuch im fernen Wil eingeläutet. Dort sahen wir: Anstatt einfach den Faden aus den klassischen Zeiten aufzunehmen, hatten Celtic Frost sich weiterentwickelt. Sie spielten die alten Stücke schwerer und böser, sodass sie gut zu ihren neuen Songs passten. In der später erschienenen, für meinen Geschmack teilweise etwas zu emotionalen Dokumentation «A Dying God» des Schweizer Fernsehens erklärte Martin, dass sie eben nicht eine von unzähligen langweiligen Reunions durchziehen, sondern sich weiterentwickeln und darauf besinnen wollten, was diese Band für jeden einzelnen bedeutete.

Laut Martin hatten Celtic Frost den Song auf der Studioaufnahme aus den 80er Jahren zu schnell gespielt. 2006 hat die Band das Stück live langsamer gespielt, so habe es erst seine ganze Kraft entfaltet.

So schrieben Celtic Frost auch zusammen das Comeback-Album «Monotheist», das zu recht in vielen Bestenlisten zeitgenössischer Metal-Alben vertreten ist. Ich durfte meine erste und bisher einzige in einem Magazin veröffentlichte Rezension über dieses Album schreiben. «Monotheist» entspricht genau Martins Ausführungen – es ist immer noch Celtic Frost, aber neuer, böser und um es aus Musikersicht zu sagen: besser. Die Komplexität und avantgardistischen Elemente der späten Bandphase wurden kongenial vereint mit der archaischen Wut von Hellhammer. Martins teilweise sperrige, aber sehr stimmungsvolle Ansagen am Wacken Open Air, das ich 2006 besuchte, sowie das ganze Konzert dort werde ich nie vergessen. Martin Eric Ain wollte echt sein, mit einem hohen künstlerischen Anspruch. Das alles blieb mir eine Inspiration für mein eigenes kreatives Tun.

Ein Teil dieses «kreativen Tuns» lebe ich in der Metalband Excruciation aus, bei der ich 2008 einstieg. Der Name dieser Band wurde 1984 von Martin selber vorgeschlagen, als die nur wenig jüngeren – ich war damals übrigens jährig – Zürcher Bandgründer den englischen Muttersprachler und Hellhammer-Bassisten Martin um einen Namensvorschlag baten. Die Freundschaft zwischen den Musikern hielt über all die Jahre und Excruciation durften sowohl im Mascotte wie auch in Martins neuem Club Kinski drei Alben taufen und Konzerte spielen – stets unter den bestmöglichen Bedingungen.

Er liebte «Black Out» von den Scorpions
Martins klar differenzierte und reflektierte Aussagen in der Dokumentation «A Dying God» beeindruckten mich und wirkten auf mich sehr sympathisch. Stets war er respektvoll und dennoch bestimmt. Als die japanische Hellhammer-Tributband Gallhammer nach dem Celtic-Frost-Konzert in Tokio beispielsweise unangekündigt den Backstageraum betritt, ist die Stimmung am Boden. Beim Konzert lief vieles schief und jemand ruft: «Schmeiss die raus, Martin!» Aber dieser geht mit den begeisterten Musikerinnen vor die Tür und plaudert ein wenig. Am anderen Tag besuchen er und Schlagzeuger Franco Sesa die grössten Hellhammerfans von Japan trotz engem Zeitplan und vielen Terminen, und wohnen ehrlich lächelnd ihrer Bandprobe bei. Dieser Respekt vor seinen Fans mit dem gleichzeitigen Bewusstsein, dass man nicht mehr in den 80ern lebt und sich auch sonst kritisch mit dem eigenen Tun auseinandersetzt, hat mich sehr beeindruckt und nachhaltig geprägt. Genauso Martins Verweigerung, schmutzige Details über die Auflösung von Celtic Frost in einem grossen Interview mit dem Magazin «Deaf Forever» (04/2015) preiszugeben. Über die Auflösung der Band wurde ich 2008 von Martin und Franco in der «Alten Metzg» zufälligerweise persönlich informiert. Ich war bestürzt und Martin tröstete mich sogar noch deswegen, obwohl jenes Ereignis und seine ganze Vorgeschichte für ihn zumindest emotional lebensverändernde Konsequenzen hatten.

Beim Einleben in Zürich war mir die «Alte Metzg» eine grosse Hilfe, ich durfte mich dort auch als DJ versuchen. Als ich «Black Out» von den Scorpions spielte, kam Martin zu mir und fragte, ob ich von jetzt an regelmässig hier auflegen möchte, was ich äusserst gerne tat. Es war offenbar einer seiner Lieblingssongs und er hatte ihn lange nicht mehr gehört. Ich war noch nicht besonders erfahren im Auflegen, aber Martin gab mir Tipps und übersah grosszügig meine Pannen. Die von Martin mitbegründeten Bars «Mata Hari» und «Acapulco» suchte ich ebenfalls oft auf, aber die «Alte Metzg» wurde mein zweites Wohnzimmer und Fumoir, als ich in der Nähe wohnte und lieber dorthin auf ein Bier ging als auf meinen Balkon.

Ich werde Martin leider nie mehr persönlich treffen und ihm all das sagen können, aber was er getan, gesagt und geschrieben hat, wird mich für immer begleiten. Danke für alles, Martin!