Soundozean und Champagner-Doom

, 22.08.2018

Mit «Dropout» haben Pallbearer dieses Jahr einen Song veröffentlicht, der auch ohne Album funktionieren will. Die doomige Heavyness weicht einem popaffinen Retrorock. Doch beim Konzert im Gaswerk liess das Donnergrollen dem neuen Glitzer wenig Raum. Davor besiegten Earthless das Gitarrensolo mit seinen eigenen Mitteln.

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Man merkt die Absicht und ist verstimmt. So arg wie im Spruch von Goethe ist es ja nicht mit Heartless, dem letzten Album von Pallbearer, das die Band aus Little Rock, Arkansas endgültig in den Metalmainstream katapultiert hat. Zwar finden sich darauf im Gegensatz zu früheren Alben auch kompaktere Songs wie das eingängige «Thorns», aber letztlich kann man sagen, dass Pallbearer auf Heartless ihrem epischen Songwriting bloss eine veränderte Richtung gegeben haben. Foundations of Burden und Sorrow and Extinction waren Alben, deren Songs – trotz kurviger Spannungsbögen und einiger besonders hell leuchtender Momente wie «Worlds Apart» oder «Given to the Grave» – erst aus der Distanz und mit Blick aufs Ganze ihren Zauber entfalteten. Heartless hingegen ist vom Songwriting her heterogener, hat mehr Brüche, an denen sich die einzelnen Teile voneinander abheben. In der dreizehnminütigen Serpentine «A Plea for Understanding» droht das epische Songwriting den Fokus zu verlieren, in Nummern wie «Thorns» zeigt sich, wie schon auf der EP Fear and Fury, hingegen eine ganz neue Seite der Band: eine Lust an kompakten Songs, in denen Pallbearer die doomige Heavyness eintauschen gegen einen popaffinen Retrorock.

Perlen tauchen, Champagner trinken
Die vorläufige Spitze dieser Entwicklung hin zur kleinen Form folgte im vergangenen April mit der bei Nuclear Blast erschienenen Single «Dropout». Die jubilierende Rockgitarre am Anfang, das moduliert wiederholte Scharnier-Lick im letzten Teil des Songs, die Gesangshooks: So eingängig waren Pallbearer noch nie. In einem Statement zu «Dropout» gab die Band denn auch zu verstehen, dass sie es genossen hätten, für einmal einen Song zu schreiben, der für sich alleine statt als Teil eines Albums funktionieren müsse. Bei ihrem Konzert im Rahmen der Winterthurer Musikfestwochen im Gaswerk spielten sie «Dropout» als zweiten Song nach dem düsteren Epos «Watcher in the Dark». Damit zeigte sich schon zu Beginn des Konzerts, dass Pallbearer live als beides funktionieren wollen: Als Soundozean, in dem wir nach Perlen tauchen und uns genüsslich aufweichen können, aber auch als süffiger Sprudel, den wir glasweise geniessen, Champagner-Doom sozusagen.

Im Auftritt von Earthless, die im Gaswerk vor Pallbearer spielten, sucht man vergeblich nach solchen Momenten des Umschwungs oder gar offenen Brüchen. Die Musik von Earthless kommt scheinbar ganz ohne erkennbare Liturgie, ohne Idee von Struktur aus. Oft genügt sich die Band in minutenlangem Surfen auf Isaiah Mitchells kometenhaft über Mike Egintons schweren Bassriffs dahinschiessenden Improvisationen. Selten kommt es vor, dass Mitchell sich an der Riff-Arbeit beteiligt, eher dienen ihm die rollenden Stonergrooves als Startrampe für seine solistische Ekstase.

Das Solo im Solo ertränken
In ihrer ausufernden Präsenz unterwandern diese Solos jedoch gerade das Egomanische des klassischen Rocksolos; in seiner inflationären Häufung oder gar völligen Dominanz über den Song wird dem Solo sein phallischer Stachel gezogen. Das suggestive Imponiergehabe des Gitarrenhelden weicht bei Mitchell einer nerdigen Entrücktheit, die uns auch nicht böse ist, wenn wir ihrem Exzess nicht überall hin folgen wollen. Tatsächlich haben die Songs von Earthless nach einer Weile eine geradezu meditative Wirkung – nicht einmal unähnlich einer Band wie Sleep, die hingegen auf dem Weg der Reduktion zu dieser Wirkung gelangen. Solche Musik hat immer etwas Radikales, weil sie der Linearität eines Songs und damit der zeitlichen Dimension der Musik an den Kragen geht.

Auch wenn Pallbearer gerade im Modus des Soundozeans weilen, stellt sich diese Wirkung bei ihnen nie ganz ein. Im Vergleich zu Earthless ist ihre Musik eine Berg-und Talfahrt, ekstatisch vor allem in ihren leuchtenden Höhepunkten und Wiederholungen, die eher subtile Modulationen oder Steigerungen etwa von melodischen Motiven sind als tatsächliche Wiederholungen. Das Konzert im Gaswerk klang auf Kosten der Leadgitarre vergleichsweise roh. Der Glanz der melodiösen Kontur schabte sich im Donnergrollen ab. Dadurch glichen sich die Songs aus den verschiedenen Schaffensphasen wieder an, eingesogen von einem sumpfigen Chaos. Das Schöne daran war, dass es dem zur Übertreibung tendierenden Studioeifer der jüngsten Veröffentlichungen etwas Dreck entgegensetze.