Sola fide: Deathspell Omega und die Reformation des
Black Metal

Nicht nur die Kirche feiert dieses Jahr ein Reformationsjubiläum. 2018 jährt sich auch die Gründung von Deathspell Omega zum zwanzigsten Mal, wenn es denn stimmt, was trotz streng gehüteter Anonymität über die Band kursiert. Mit der französischen Band begann eine musikalische und performative Reformation des Black Metal. Ein Rückzug in die Gestaltlosigkeit, der sich heute auch in den leeren Kapuzen von Mgła spiegelt.

Black Metal hat sein Gesicht verloren. Sein leichenhaftes, böses Gesicht, wie es einst auf den Artworks und Bandfotos von Darkthrone und Immortal aus dem Dunkel von Kellern und Wäldern leuchtete. Mit dürren, geisterhaft geschminkten Gestalten hat sich die schillerndste Spielweise des Metal in die Ikonographie der Musikgeschichte eingeschrieben. Nach der Reihe von Kirchenbrandstiftungen, Morden und Selbstmorden vor allem in Norwegen und der medialen Resonanz auf diese Ereignisse war es ein bisschen so, wie wenn man sich die Vergangenheit im Schwarzweiss von Filmen vorzustellen beginnt: In den Neunzigern mussten diese Typen in Bergen und Oslo so auf der Strasse herumgelaufen sein.

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Albumcover von Darkthrone von 1992

Bei der Inszenierung jüngerer Black-Metal-Bands sucht man Corpsepaint hingegen oft vergeblich. Weg von der Tünche, hin zum Tuch: so lässt sich die Entwicklung kurzfassen, deren prominenteste Gesichter heute die verhüllten Gestalten von Mgła oder der Bands der boomenden isländischen Szene sind. Wie kam es zum grossen Abschminken und was erzählt es über die musikalische und ästhetische Verwandlung des Black Metal, die seit etwas mehr als einem Jahrzehnt im Gang ist?

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Einar Selvik auf dem ikonischen Foto von Peter Beste, als er noch Drummer bei Gorgoroth war

In den 90er Jahren erklärten sich Black-Metal-Musiker in Norwegen zu Kriegern gegen Kultur und Gesellschaft, gegen Kirche und guten Geschmack, aber auch gegen die musikalischen und ästhetischen Konventionen des Metal, wie er bis dahin existierte. Mit nekrophiler Lo-Fi-Produktion, primitiven Akkordfolgen und Blastbeats wandten sie sich gegen den als kommerzialisiert kritisierten Death Metal, das zweite grosse Genre im extremen Metal. Zum klanglichen Terror kamen bald Feuer, Schrotflinten und Messer, Holzkirchen wurden abgebrannt und Menschen getötet.

Die Liste der Morde und Selbstmorde ist bekannt: Per Yngve «Dead» Ohlin erschoss sich, Varg Vikernes metzelte seinen Bandkollegen bei Mayhem und einstigen Freund Øystein «Euronymous» Aarseth mit dutzenden Messerstichen nieder, Bård «Faust» Eithun von Emperor und Jon Nödtveidt von Dissection wurden zu Mördern an Homosexuellen. Nödtveidt, Mitglied des satanischen Zirkels Misanthropic Luciferian Order, erschoss sich zwei Jahre nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis. Seine Leiche fand man in einem Kreis aus Kerzen, gemäss Dissection-Gitarrist Sed Teitan lag daneben ein Buch mit okkulten Formeln.

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Die Pervertierung des selbstzerstörerischen Rockstars: Per Yngwe «Dead» Ohlin, ehemaliger Sänger von Mayhem

Die bleichen Gestalten, Count Grishnack (Vikernes), Faust (Eithun), Dead (Ohlin) und Euronymous (Aarseth), geisterten nicht länger nur durch Probekeller, Klubs und handgemachte Fanzines, sondern plötzlich auch über Bildschirme, Radios und Titelseiten, durch Gerichtsäle und Gefängnisse. Die Figuren, die sich die Musiker geschaffen hatten, waren aus den subkulturellen Räumen und Diskursen in die äussere Welt getreten.

Ohne die Gewaltexzesse wäre die Semantik des Corpsepaints vielleicht einfach eine der Radikalisierung und Pervertierung des Typus des selbstzerstörerischen weissen Rockstars geworden, wie ihn davor etwa Sid Vicious oder Kurt Cobain ikonisch verkörpert hatten. Die drogenbleiche Morbidität von Punk und Post-Punk verband sich bei den Bands der sogenannten ersten Welle des Black Metal wie Venom, Sarcofago, Mercyful Fate oder Celtic Frost zudem mit dem imaginativen Potential der Maskerade von Arthur Brown, David Bowie, Kiss und Alice Cooper.

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Der Hippie Arthur Brown, hier auf einer Aufnahme aus den 60er Jahren, gilt als Erfinder des Corpsepaints

Diese symbolische Verschränkung von Selbstzerstörung und Gestaltwandlung führte für die Musiker aber keineswegs in die Anonymität, wie es eine verbreitete Lesart nahelegt. Vielmehr entstanden durch sie fiktive Charaktere, ausgestattet mit teils in Literautr und Mythologien vorliegenden, teils neu kreierten Geschichten. Nach den realweltlichen Exzessen flossen die Biographien der Musiker selbst in die Semantik des Corpsepaints ein. So blieben die geschminkten Gesichter der skandinavischen Todesjünger nicht nur ein Spiel mit Rollen und Narrativen, sondern wurden zur Chiffre einer real Schaden anrichtenden, monströsen Subjektivität. Wenn Vikernes in Gefängnisinterviews von Blut und Boden raunte, sich Niklas Kvarforth von Shining Arme und Oberkörper zerschnitt oder Gorgoroth auf einer polnischen Bühne nackte Frauen an Kreuze banden, war das nicht mehr nur bizarr und selbstreferentiell. «When we (…) are using corpsepaint, we are usually in a state of mind that makes us feel like we are getting nearer darkness», sagte Eithun 1995 in der legendären zehnten Ausgabe des Fanzines Slayer Mag. Ihre Inszenierung schien tatsächlich etwas mit den Akteuren anzustellen.

Die Black Metaller hatten bewiesen, dass sie es ernst meinen konnten mit der Gewalt, mit Diskriminierung und Selbstzerstörung. Die Exzesse zogen natürlich auch Aufmerksamkeit von jenseits der inneren Kreise der Black-Metal-Szene auf sich. Teenager auf angstlüsterner Suche nach intensiver subkultureller Erfahrung entdeckten den Black Metal; Presse, Radio und Fernsehen lieferte er packende Bilder und Geschichten. Dank der Berichterstattung, zuerst in Norwegen, dann auch in anderen Ländern, wusste man bald nicht nur, was die Black Metaller taten, sondern auch, wer sie waren – und dank ihrer grellen Inszenierung mit dem Corpsepaint als Kainsmal konnte man sich ein Bild von ihnen machen.

Die letzten «grossen» geschminkten Bösewichte des Black Metal waren Hoest von Taake und Gaahl von Gorgoroth. Beide sassen Gefängnisstrafen für Gewaltverbrechen ab, Hoest sorgte ausserdem für einen Eklat, als er 2007 bei einem Konzert in Deutschland mit einem auf dem Bauch aufgemalten Hakenkreuz auftrat. Erst kürzlich wurden Taake wieder von den alten Gespenstern heimgesucht: Eine US-Tour musste nach Protesten von Künstlern und Absagen von Konzertlokalen abgeblasen werden.

Bei Gaahl erreichte das Corpsepaint als Insigne kauziger Bösartigkeit vielleicht seinen glamourösen Zenit. Mal zeigte er sich mit seinem Freund, einem norwegischen Model, an Modeschauen, mal trank er mit Vice-Journalisten Rotwein in seinem Haus in den Bergen, zeigte ihnen die entlegene Gipfelhütte seiner Vorfahren und seine an den Surrealismus angelehnten Ölbilder. Gaahls kaltblauer Blick fuhr noch tiefer in die Knochen als sein fieses Kreischen an den brachialen Konzerten von Gorgoroth. Und, wie sich beim überraschend auratischen Auftritt seiner aktuellen Band Gaahls Wyrd im letzten Dezember in Zürich zeigte, hat das Blitzen aus Gaahls geschwärzten Augenhöhlen bis heute nicht an Bannkraft eingebüsst.

gaahl_quietusAuf dem glamourösen Zenit: Corpsepaint auf dem Gesicht von Gaahl, Ex-Sänger von Gorgoroth

Gaahls Darstellung als in einer Hütte einsam über den norwegischen Fjorden lebender Künstler-Satanist in der Vice-Dokumentation True Norwegian Black Metal fing jedoch gleichsam das Kippmoment zwischen Mysterium und Karikatur ein, in dem sich Black Metal in immer stärkerem Mass wiederfand, seit er im Fokus der Öffentlichkeit und auf Metal-Mainstream-Labels wie Nuclear Blast gelandet war.

Musikalisch hatte sich Black Metal verschiedenen Einflüssen, besseren Produktionsstandards und damit der kommerziellen Verwertbarkeit geöffnet. Satyricon flirteten auf Rebel Extravaganza und Volcano mit Industrial und Hard Rock und auf den Gesichtern von Dimmu Borgir und Cradle Of Filth, die mit filmsoundtrackartigen Kompositionen und disneyartigen Kostümen die Hitparaden eroberten, schmolz die Aura des Obskuren und Gefährlichen unter dem Scheinwerferlicht der grossen Hallen zum Zuckerguss des Pop-Karnevals zusammen.

DimmuBorgir_Soundwave2011_260211_024Der Zuckerguss des Karnevals: Shagrath, Sänger von Dimmu Borgir

Dem Black Metal kamem damit gleichzeitig der Schrecken und das Potential als ernstzunehmende radikale Musik abhanden, als die er auf den frühen Alben von Bands wie Burzum oder Darkthrone die Musikwelt verblüfft hatte. Gerade diese Bands hatten jedoch mit ihrer Produktionsästhetik der einsamen Wölfe die Saat bereits gesetzt, aus der sich das Genre erneuern sollte. Das «Projekt» – in Abgrenzung zur Band – wurde zur bevorzugten Form des neuen, künstlerisch ambitionierten Black Metal.

Doch Mitte der Nullerjahre befand sich der Black Metal in der Sackgasse. Einige seiner grössten Künstler waren tot oder sassen im Gefängnis, musikalisch herrschte grosse Verwirrung. Einen Ausweg aus der Atrophie fanden Bands wie Alcest aus Frankreich, oder Weakling, Wolves in the Throne Room, Nachtmystium und Deafheaven aus den USA, indem sie Black Metal mit Shoegaze, Postrock und Postpunk mischten. Bei manchen von ihnen bekam die musikalische Dämmerung auch ein frisches konzeptuelles Gesicht. So gaben sich Wolves in the Throne Room eine ökologisch-soziale Ausrichtung und begründeten damit den sogenannten Cascadian Black Metal, benannt nach ihrer Heimatregion im Nordwesten der USA. Bands wie Deafheaven oder Oathbreaker aus Belgien kommen ohne Konezptnarrativ aus und geben sich urban und indieesk.

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Deafheaven

Doch auch der orthodoxe Black Metal – hier vor allem eine inhaltlich-konzeptionelle Kategorie zur Beschreibung von Bands, die sich als satanisch-okkulten Themen verpflichtet deklarieren– musste sich neu erfinden, wollte er eine Zukunft haben. In Schweden schufen Bands wie Dark Funeral oder Marduk zwar weiterhin kompromisslosen Black Metal. Doch auch ihrer plakativen Satans- und Kriegsverherrlichung ging allmählich die Luft aus.

Es waren Bands wie Ofermod oder die aus dem Umfeld von Dissection stammenden Bands Watain und Arckanum, die eine traditionell «schwedische» Spielweise (dem Death Metal näher und gut produziert) wieder mit einem ostentativ ernst gemeinten Narrativ des wüsten Treibens verbanden. Bis heute betont Erik Danielsson von Watain, dass man zu seiner Zeit ein Black-Metal-Konzert auch mal im Krankenwagen verlassen konnte, weil mitunter bewaffnete Anhänger konkurrierender Strömungen des Genres aufeinander losgingen. Während sich Watain mit kunstvollem Corpsepaint als Gralshüter der goldenen Tage des Black Metal gerierten, präsentierte sich Johan «Shamaatae» Lahger, der solitär lebende Musiker hinter Arckanum, bereits Mitte der 90er Jahre als maskierter Waldgeist, was ihn gewissermassen zum Pionier der Ästhetik der Verhüllung macht, die Ende der Nullerjahre auf verschiedenen Ebenen Konturen anzunehen begann.

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Frühform der Ästhetik der Verhüllung: Cover von Arckanums Kostogher, 1997

Der entscheidende Impuls zur Wiederbelebung des Genres kam dann aber aus Frankreich, gesetzt von Blut aus Nord und Deathspell Omega. Dem Kult um Figuren wie Satyr (Satyricon), Nergal (Behemoth) oder Abbath (Immortal) und der musikalischen Stagnation stellten sie einen doppelten Rückzug in die Gestaltlosigkeit entgegen: die Unkenntlichmachung von Autorschaft und die Dekonstruktion der musikalischen Normen.

Als Thesenanschlag dieser Reformation kann das 2004 erschiene Si monvmentvm reqvires, circvmspice von Deathspell Omega gelten, wobei sich die zentralen Neuerungen auf dem Album noch weniger auf musikalischer als auf konzeptueller Ebene äusserten. Hatte die Band in einem im Jahr 2000 gegebenen Interview (zu finden hier und hier) noch die üblichen Provokationen inklusive Glorifizierung der Verbrechen des Nationalsozialismus als Inbegriff von Negativität von sich gegeben, präsentierte sie sich in einem Interview zu Si monvmentvm rund vier Jahre später intellektualistisch und distinguiert. Das interviewte Mitglied referierte nun Bataille und Warhol statt Belial und Wotan und wollte das neue Album als «Ausdruck einer neuen, höheren Ebene eines metaphysischen Kampfs» verstanden wissen. An Deathspell Omega zeigt sich so in nuce die Verschiebung von Monstrosität zu Opazität, mit der sich die Neubestimmung des Black Metal vollzog.

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Der Thesenaschlag der Reformation: Deathspell Omegas Si Monvmentvm Reqvires, Circvmspice, 2004

Mit Blick auf das Albumcover von Si monvmentvm ergibt sich eine Koinzidenz, die, obwohl Zufall, wegen ihres allegorischen Potentials für das Denken der Geschichte des Black Metal Beachtung verdient. Auf der Illustration ist ein aussätziger Engel zu sehen, der eine Denkfigur des Philosophen Walter Benjamin in Erinnerung ruft. In den Geschichtsphilosophischen Thesen vergleicht dieser die Bewegung der Geschichte mit dem Engel von Paul Klees Angelus Novus:

«Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst.»[1]

angelus-novus_paul_klee_1921Der Engel der Geschichte: Angelus Novus von Paul Klee, 1920

Was sieht der Engel der Geschichte des Black Metal, der uns von Deathspell Omegas Albumcover anblickt? Einen sozialen, ideologischen und künstlerischen Trümmerhaufen aus ruinierten Leben, hohlen Schockphrasen und seichter Musik. Doch in seinem Rücken rufen aus der Zukunft schon die Visionäre, die sich nicht mehr damit zufriedengeben, der verkohlte Ast des Wahnsinns im Stammbaum der Rockmusik zu sein: «Maybe certain individuals here and there have finally the will and understanding to truly materialise Black Metal out of the ashes of what it never fully was? Let me tell you that the real potential of Black Metal hasn’t yet been realised», heisst es im oben zitierten Interview mit Deathspell Omega. Beschworen wird eine wenige Personen umfassende Avantgarde, die im Begriff steht, das verschüttete Potential des Black Metal zu verwirklichen.

Personelle Anonymität und konzeptuelle Verrätselung sind die eine Seite der Ästhetik der Verhüllung, mit der die französischen Pionierbands den Black Metal reformierten. Wie aber schlug sie sich auf musikalischer Ebene nieder? Blut aus Nords The Mystical Beast of Rebellion (2001) und The Work Which Transforms God (2003) sowie Deathspell Omegas Si monvmentvm reqvires, circvmspice (2004), vor allem dann aber Fas – Ite, Maledicti, in Ignem Aeternum (2007) dekonstruierten die etablierten klanglichen, rhythmischen und harmonischen Strukturen des Black Metal.

Diese Verschiebungen lassen sich auch innerhalb des Werks der beiden Bands feststellen. Ihre frühen Alben (Deathspell Omegas Infernal Battles und Inquisitors of Satan und Blut aus Nords Ultima Thulée und Memoria Vetusta I: Fathers of the Icy Age) waren noch weitgehend den harmonischen, rhythmischen und klangästhetischen Normen des ursprünglichen Black Metal verpflichtet. In Teilen gilt das auch noch für Si monvmentvm – es dominieren gekreischte Vocals und sinister-feierliche Melodien, die der Musik trotz der Verwischung durch rauschige Produktion eine konturierte, figürliche Gestalt verliehen.

Dieses Profil zerfloss auf den folgenden Alben der Bands in einem musikalischen Schmelztiegel zu einem zuweilen bis zur Gestaltlosigkeit komplexen Amalgam, in dem plötzlich auch Essenzen aus Industrial und Technical Death Metal, aber auch aus Jazz und Neuer Musik eine Rolle spielten. Das oberflächliche Erkennungsmerkmal dieses Black Metal waren nicht mehr die flirrende Riffmelodie und der klapprige Blastbeat, sondern die dunkel morphende Textur aus dissonanten Gitarren und polyrhythmischem Schlagzeugspiel, die eher zu konzentrierter Kontemplation als zu hypnotisiertem Headbangen animierten.

Deathspell Omega umreissen im zitierten Interview das Ethos des weltabgewandten Black-Metal-Mönchs, der in der Klause religiöse Texte studiert und dunkle metaphysische Kräfte in Musik kanalisiert, statt Kirchen anzuzünden und Blut zu vergiessen. Es zeigt sich eine Parallele zur kirchlichen Reformation: Deathspell Omegas neuer puritanischer Musiksatanismus verzichtete auf «weltliche» Werke wie Konzerte und Brandanschläge, sein Ziel war nun weniger der Körper als die Seele, die Musik ein Vehikel für dunkle metaphysische Kräfte. Kaum umsonst tragen zwei Songs auf Si monvmentvm Luthers theologisches Prinzip sola fide im Titel, wonach allein der innere Glaube des Christen zur Teilhabe an Gottes Gnade und der Erfüllung mit dem heiligen Geist führt. Dass der Musiker in dieser neuen Ordnung auf die Position des bedeutungslosen Werkzeugs rückt, entbehrt nicht einer gewissen Ironie; Deathspell Omegas Musik wurde ab Si monvmentvm kompositorisch und technisch immer komplexer und brillanter.

Heute hat sich die performative Obskurität weitgehend aus der Verschränkung mit dem musikalischen Avantgardismus gelöst und ist zu einem visuellen Code geworden, den Bands aus dem ganzen musikalischen Spektrum des Genres verwenden und variieren. Ob neoklassisch-rifforientiert wie Murg, Mgła, Panphage oder Uada, «polymorphic» wie die schweizer Projekte DSKNT und Antiversum oder Noise-verzerrt wie Dragged Into Sunlight – die Liste aktuell aufsehenerregender Bands, die ihre Identität und/oder Gesichter im Dunklen halten, liesse sich lange weiterführen. Wöchentlich schiesst auf Bandcamp, spezialisierten YouTube-Kanälen und Undergroundlabels eine unüberschaubare Zahl obskurer und gut gemachter Black-Metal-Projekte ins Kraut, von denen sich viele ähnlich präsentieren und ähnlich klingen.

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Der neue visuelle Code bot neues Potential für figürliche Assoziation: Dragged Into Sunlight

Die Anwendung und Variierung dieses Codes in einer gefühlten vielfältigen Uniformität hat auch damit zu tun, wie (Pop-)Musik heute produziert und verbreitet wird. Die Kommunikations- und Distributionskanäle von sozialen Netzwerken, Video- und Musikplattformen und Streamingdiensten haben nicht nur den ökonomischen Aufwand für den Austausch zwischen MusikerInnen, CoverkünstlerInnen, Studios und Untergroundlabels gesenkt. Sie haben auch dazu geführt, dass der Karrierestart einer Band weniger davon abhängt, ob das mühsam aufgenommene Demotape vom Briefkasten eines Labels direkt in den Müll wandert oder den Weg ins Abspielgerät findet und eventuell auf interessierte Ohren stösst. JedeR kann seine Musik heute von zuhause durch die globale digitale Rohrpost schiessen und darauf hoffen, dass sie bei einem Multiplikator landet. So werden musikalische und visuelle Trends unter den Bedingungen der digitalen Kommunikation immer schneller reproduziert.

Auch die doppelte Verhüllung des Black Metal, musikalisch wie performativ, verbreitete sich nach dieser Logik. Besondere Resonanz fand das Erbe der französischen Reformation in der boomenden Black-Metal-Szene Islands. Der Sound von Bands wie Wormlust, Mannveira oder Svartidauði wäre ohne Deathspell Omega kaum denkbar, auch wenn viele von ihnen den musikalischen Avantgardismus von Deathspell Omega oder Blut aus Nord mit der Rückbesinnung auf klassischen, melodieorientierten Black Metal versöhnen. Neben der Musik spiegelt sich diese Synthese auch in der Präsentation auf Bandfotos und bei Auftritten.

Der Metalblog Cvlt Nation hat aus einigen dieser Fotos, aufgenommen von Hafsteinn Viðar von Wormlust, einen eindrücklichen Fotoessay zusammengestellt. Die Gesichter der Musiker sind unter Kapuzen und Tüchern versteckt, bleiben im Schatten oder werden erst auf Fotoabzügen zerkratzt, die dann digital abfotografiert werden. Gleichzeitig bedienen sie sich mit Corpsepaint, Tierschädeln, Räuchergefässen und Schneelandschaften ausgiebig bei der mystisch-okkulten Bildwelt der 90er Jahre.

Im Zuge ihres Aufstiegs zur bevorzugten Inszenierungsform für Black-Metal-Bands wurde die Ästhetik der Verhüllung wieder von der Assoziation mit mythischen Gestalten eingeholt. An die Stelle von dämonischen Geistern traten maskierte Aussenseiterfiguren wie der Hooligan, der Henker oder der Gesetzlose im Stil des Western-Banditen. Sturla Viðar von Svartidauði hat gegenüber Kim Kelly von Noisey ausserdem angegeben, dank eines Videos des Wu Tang Clan auf ihre Variante der Verhüllung gekommen zu sein. Wenn Svartidauði oder Almyrkvi mit um die Köpfe geschlungenen Tüchern auftreten, lässt das eine neue Aura des Gewalttätigen entstehen. Im Kontext einer Black-Metal-Band verweist diese Aura auch immer auf die monströse Subjektivität, die einst unter dem Corpsepaint lauerte, welches sich allmählich wieder unter dem Tuch hervortraut.

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Bei vielen Bands der gegenwärtigen isländischen Szene traut sich das Corpsepaint allmählich wieder unter dem Tuch hervor, wie hier bei Svartidauði

Viele der genannten Bands treten auch auf und die meisten verhalten sich dabei wenig anders als andere Metalbands. Mgła aus Polen jedoch, vielleicht die Black-Metal-Band der letzten Jahre schlechthin, versuchen die Absenz der Autorschaft erklärtermassen auf der Bühne aufzuführen. Dabei geht es der Band nicht um den Mythos der Anonymität. Zum Soundcheck stehen die Musiker meist unmaskiert auf der Bühne. Doch bevor das Konzert beginnt, ziehen sie schwarze Masken über die Köpfe und schlagen die Kapuzen ihrer Pullis darüber.

Mikołaj «M» Zentara, Spiritus Rector von Mgła, erklärt dieses Auftreten in einem Interview mit «Bardo Methodology» mit der Absicht, mit dem Publikum zu verschmelzen, das ja zu neunzig Prozent angezogen sei wie die Band. Ziel sei die Auslöschung der Musiker als Individuen, bis sie bloss noch eine eigenschaftslose «Einheit», «ein Gefäss» oder «Werkzeug» seien. Tatsächlich bleibt in den beinahe bewegungslosen Performances von Mgła wenig übrig vom imponierenden Unterwerfungs-Gestus von Frontmannen wie Satyr oder Nergal. Die Hierarchie von predigender Gestalt und unterworfenem Publikum, so die Absicht, löst sich in eine egalitärere Medium-Empfänger-Konstellation auf.

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Aufführung der Absenz: Mgła live

Doch die uniforme Schwärze im Konzertraum hat Risse. Kann sich die Aufmerksamkeit beim Anhören reiner Studioprojekte wie Deathspell Omega und Blut aus Nord tatsächlich auf die Musik konzentrieren, wirken die verhüllten Musiker bei Mgła auf der Bühne erst recht faszinierend. Die magische Erfahrung von elektrisch verstärkten Konzerten speist sich ja auch aus dem Kontrast von kleinräumigem Hantieren am Instrument und übergross-göttlichem Klang, wobei sich im Tun auf der Bühne die relative Untätigkeit und Unterworfenheit des Fans spiegelt. Für Metal-Konzerte gilt das mithin in besonderem Mass. Diese für die Grammatik des Konzerts konstitutive Dialektik wird durch die Verhüllung nicht aufgehoben, sondern durch die mysteriösen, musizierenden Kapuzen eher noch verstärkt.

Während die Körper headbangender MusikerInnen sich ähnlich mimetisch zur Musik verhalten wie die Fans, kontrollieren die reglos musizierenden Kapuzen von Mgła den Klang wie die Inkarnation eines erhabenen, quasi-göttlichen Subjekts, darin vielleicht dem DJ näher als dem Rockstar. Anfang des neuen Jahrtausends musste der Black Metal seine mythische Gestalt verlieren um sich zu retten. In Mgłas Aufführung der Absenz gewinnt er sie in neuer Gestalt zurück.

[1] Benjamin, Walter: Über den Begriff der Geschichte, in: Benjamin, Walter: Erzählen. Schriften zur Theorie der Narration und zur literarischen Prosa. Ausgewählt und mit einem Nachwort von Alexander Honold, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2007, S. 133.