Schwarze Vorboten des Sommers

Bekanntlich ist Black Metal die beste Musik, um Ostern zu feiern. An diesem heiligen Wochenende präsentierte Vendetta Records einige seiner feinsten Bands. Darunter Ultha, die auf der Bühne eine Kontroverse ausfochten.

Ist der Frühling der bessere Festivalsommer? Zu dem Eindruck konnte gelangen, wer am vergangenen Wochenende in Berlin das Vendetta Fest besuchte, zumal mit der Aussicht auf das Roadburn am Wochenende darauf. Seit Anfang April versuche ich in Berlin Fuss zu fassen, wo ich die nächsten Monate verbringen werde. Die Flut des Angebots an Konzerten und Lokalen kann dabei auch mal überfordernd wirken, würden da an Litfasssäulen und Plakatwänden nicht auch immer wieder Inseln des Vertrauten in Sicht kommen. King Woman, Sumac, Pallbearer – in den Tagen um den Gipfel in Tilburg zieht es die aktuelle Metal-Avantgarde auch an die Spree. Im wunderbaren Plattenladen «Bis aufs Messer» in Friedrichshain kaufe ich mir Tickets fürs Vendetta Fest.

Das Kulturlokal Tiefgrund beim Bahnhof Ostkreuz kommt mit seinem heruntergekommenen Industrieruinen-Flair dem Black Metal ebenso entgegen wie dem handgemachten Charakter des Labels und seines Festivals. Vendetta steht für ideologisch progressiven Black Metal, der dabei, ähnlich wie die Cascadian-Black-Metal-Bewegung in den USA, keinen Deut musikalische Schärfe preisgibt.

Überschneidung und Wiederholungszwang
Karfreitag. In einem Nebenraum werden neben dem Bandmerchandise vegane Currys und Nachos verkauft, während Solbrud eiskalte Riffs durch die Kellermauern jagen. Die junge Band aus Dänemark ist eine der Überraschungen des Abends. Ihre episch langen Songs voller melodiösem Sturm und Drang entwickelten einen unwiderstehlichen Sog in den Heavy-Black-Metal-Himmel.

Ein Grossteil der Bands des Vendetta Fests treten auch am Roadburn auf. Das zeugt von der Stärke von Vendetta Records und bietet aus Sicht des erlebnisoptimierenden Festivalbesuchers die Chance, Dramen vorzubeugen, die sich aus Überschneidungen ergeben könnten. Wobei dieser Schuss in meinem Fall nach hinten losging. Die berauschenden Auftritte einiger Bands lösten vielmehr eine Art Wiederholungszwang aus und damit zum noch komplexeren Dilemma, ob man nicht beispielsweise auf Crippled Black Phoenix verzichten könnte, um Ashborer noch einmal zu sehen.

Oder Fórn, deren Auftritt am Ostersamstag mehr bot, als man in einer Dreiviertelstunde erstmaliger Begegnung erfassen konnte. Da waren Doom-Riffs, die scheppern statt wummern, plötzlich zu Black-Metal-Klingen geschliffen werden, um dann in geigenden Twin-Läufen à la Pallbearer zu verglühen. Und da war Sänger Chris Pinto, der bestialisch gurgelte und kreischte und dabei gestikulierte, als wolle er sich das Mikrofon in den Hals stopfen, um daraus noch abgründigere Stimmperversionen hervor zu würgen.  Auch die Wonne, die die New Yorker Woe mit ihrem Black Metal von fast grindcoreartiger Wucht bereiteten, erschöpfte sich nicht in dem einen Konzert.

Die Sache mit Inquisition
Dramaturgischer und musikalischer Höhepunkt des Festivals war der Auftritt von Ultha, dem die Band ein kurzes Statement zu den Vorkommnissen der vorangehenden Tage vorausschickte. Ultha und Woe waren auf Drängen der Betreiber des Hamburger Clubs Hafenklang vom dort stattfindenden Droneklang-Festival ausgeladen worden. Dies mit der Begründung, sie würden durch ihre Teilnahme an einem Festival in Rotterdam die Band Inquisition «reinwaschen», die ebenfalls dort auftritt und der wegen Vorfällen in der Vergangenheit rechtsextreme Tendenzen nachgesagt werden. Gitarrist und Sänger Ralph Schmidt verteidigte in seinem Statement vor dem Konzert das Festhalten am umstrittenen Auftritt und kündete an, Ultha als offen linke Black-Metal-Band werde auch weiterhin «dorthin gehen, wo es wehtut». Schliesslich widmeten die Kölner ihr Konzert den Label- und Festivalmacher von Vendetta, die in den Tagen zuvor wie sie selbst das Ziel von Drohungen waren.

Vielleicht führte auch dieser Ereignisrahmen zu der vibrierenden Vehemenz des Konzerts. Ulthas Meisterschaft, aus schlichten Akkordprogressionen fünfzehnminütige Songs ohne Längen zu schreiben, kommt live noch stärker zum Ausdruck. Die Wechselspiele von verzweifeltem Kreischen und wütenden Growls, von triumphalen Blastbeat-Passagen und post-punkigen Arpeggien sind in ausgeklügelten Kompositionen aufgehoben, die gleichermassen kontemplativ wie dynamisch wirken. Für «Mirrors In the Black Room» kam Rachel Davies, die grossartige Sängerin von Esben and the Witch, auf die Bühne. Ein zauberhafter Moment, den der Festivalfrühling bald erneut entstehen lassen könnte, am Roadburn in Tilburg, wo beide Bands auftreten werden.