Roadburn II: Zeal and Ardor
und Schammasch

, 14.05.2017

Das musikalische Temperament der beiden Basler Bands ist völlig unterschiedlich – das haben ihre Konzerte am Roadburn Festival gezeigt. Doch beide Auftritte werden in die Geschichte des Festivals eingehen.

zeal&ardor_foto_paul_verhagen-1Völlig cool: Manuel Gagneux, Foto: Paul Verhagen

Auch der Kollaps der Technik konnte die Erlösung nicht aufhalten. Zeal and Ardor hatten bereits die Hälfte ihres triumphalen Konzerts am Roadburn Festival absolviert, als plötzlich der Ton ausfiel. Damit ging auch irgendwie das Licht aus im «Het Patronaat», dem Konzertraum mit den Heiligenbildern in den Fenstern. Drummer Marco von Allmens Doublebass war noch zu hören – ein schrecklich hohles Proberaum-Geknatter –, Manuel Gagneux’ inbrünstiger Gesang ebenso, Gitarrist Tiziano Volante und Bassistein Rafaela Dieu ruckten weiter konzentriert vor und zurück. Die Backgroundsänger headbangten zur Blastbeatpassage, in der die Band gerade stecken sollte. Es war ein dramatischer Moment: Jemand aus dem Publikum schrie «Stop it, stop it», andere winkten mit den Armen oder fuhren sich mit der Handkante über den Hals. «Der Sound ist tot, hört auf!»

Der Schmerz war beinahe körperlich, als man gezwungen war, zuzusehen, wie der musikalische und emotionale Furor der Band in kalten Saiten und Mikrofonen verpuffte. Man wünschte sich, dass es aufhörte. Und fragte sich: Was war geschehen? Lag es wirklich daran, dass der Stromkreislauf irgendwo zufällig ausgestiegen war, oder lag irgendwo im Bühneninnern ein puristischer Black-Metal-Märtyrer gegrillt neben einem durchgebissenen Kabel?

«We love you anyway!»
Der Hingabe des Publikums und Gagneux’ Coolness war es zu verdanken, dass sich die peinliche Stimmung umgehend auflöste. «We love you anyway», durchbrach eine Stimme die Stille und Gagneux sagte, verschmitzt lächelnd: «I think that’s what happens when you play music like this in a church.» Als die Band schliesslich unter tosendem Applaus zum ersten Mal die Bühne verliess, schrie er noch ins Publikum: «We’ll be right back!»

Als die Band dann endlich weiterspielen konnte, kündete sich bereits in den ersten Takten neuerlich das Unheil an. Wieder flackerte es bedrohlich in der Gitarrenwand und im nächsten Augenblick war der Sound zum zweiten Mal weg. Doch es war, als verlangte ein transzendenter Wille, an dem Band, Publikum und die in den farbigen Kirchenfenstern des «Het Patronaat» abgebildeten Heiligen Anteil zu haben schienen, dass es weiterging. Während im Hintergrund Techniker das Notfalldispositiv stabilisierten, kam es zum jetzt schon legendären Moment. Das Publikum begann, den Call-and-Response-Hit «Devil is Fine» zu singen, Gagneux machte mit, minutenlang hielt sich das a capella.

Auf die Gefahr hin, dass es nach idealisierender Sinngebung ex post klingt: Erst hier, im Moment der Krise, zeigte sich die ganze Liebe, mit der das Roadburn-Publikum Zeal and Ardor empfing.

Die Geschichte von Zeal and Ardor muss an dieser Stelle nicht nochmals erzählt werden. Es genügt, zu beschreiben, wie die Stimmung während des Unterbruchs und schon vor dem Konzert gewesen war. Nichts war zu spüren von Skepsis, ob die Fusion von Black Metal und Black Music, die auf dem Debüt Devil is Fine ihren Bricolage-Charakter stolz zur Schau stellt, live in eine funktionierende Form gebracht werden konnte. Während die Band einrichtete, musste Gagneux unentwegt Hände schütteln, die ihm aus der ersten Reihe entgegengestreckt wurden – schon da schallten im wörtlichen Sinn Liebesbekundungen zur Bühne.

Es war, als stünde hier die sehnlichst erwartete Erlösung des Black Metal bevor, der Exorzismus der wüsten Gespenster von Rassismus und Reaktion, die diese Musik auch heute, da Black Metal als musikalische Ausdrucksform längst in lichtere Gebiete des Pop eingedrungen ist, noch heimsuchen.

Den Alptraum gewendet
Eigentlich lief ja alles perfekt: vom als Intro eingesetzten Muezzin-Dubstep «Sacrilegum I» über die bekannten Stücke «Come On Down», «Blood in the River» oder «Children’s Summoning», die von der Band gespielt besser als auf den Albumaufnahmen klingen, bis zu den zahlreichen neuen Stücken, die erahnen liessen, dass es auf dem nächsten Release auch in Sachen Metal stilistisch vielfältiger zu- und hergehen könnte.

Über dem von Dieu und von Allmen mit ordentlich Druck ausgestatteten Grundsound modulierte Gangeux seinen souligen Gesang in verschiedenen emotionalen Registern – mal klagend, mal bittend, häufig zornig, zuweilen bis an den Rand der gutturalen Screams, für die er an das mit reichlich Hall belegte zweite Mikrofon wechselte.

Doch dann eben verpuffte der Sturm und Drang jählings – für jetzt schon legendäre zwanzig Minuten. Von welch unschätzbarem moralischem Wert muss es da für die BaslerInnen gewesen sein, dass sich der Alptraum jeder Band zu ihren Gunsten wendete, und sie den umjubelten Auftritt noch zu Ende bringen konnten.

Die Verbindung von Erscheinung, Fall und Auferstehung von Zeal und Ardor zu einem Zusammenhang der Euphorie konnte in dieser Intensität wohl nur in «Het Patronaat» stattfinden. Wer weiss, was geschehen wäre, wenn sich das Ganze im «Green Room», einem wenig schmucken, funktionalen Konzertraum abgespielt hätte. Vielleicht wäre das Publikum einfach zu Baroness weitergezogen, die zwei Wände nebenan auf der Mainstage spielten. Doch hier, in diesem langen, schmalen Raum, in dem wegen seiner sakralen Erscheinung auch Bands spielen, die eigentlich zu gross für ihn sind, war rausgehen keine Option. Wer ein Konzert unbedingt sehen wollte, stand hier am besten schon bei der Band davor an.

Obwohl ihr Konzert bereits auf den frühen Nachmittag angesetzt war, war dies auch bei der zweiten Schweizer Band der Fall, die am Roadburn für Furore sorgte: Schammasch.

schammasch-RB17-NielsVinck-hreswebSchammasch: Verglühen im «Het Patronaat», Foto: Niels Vinck

Schammasch hatten den längsten Slot aller Bands am Festival erhalten – fast zwei Stunden. Denn sie waren vonseiten des Festivals zu einer besonderen Mission gerufen worden: ihr vor einem Jahr erschienenes Monumentalwerk Triangle in voller Länge auf die Bühne zu bringen. Neben Schammasch widmeten auch Ahab, Bongzilla, Warning und My Dying Bride ihre Roadburn-Auftritte einem einzigen Album. Doch handelte es sich bei diesen Bands nicht um derart gross angerichtete Alben, und vor allem eher um Denkmalpflege als um avantgardistische Ambition.

Mit Spannung erwartet worden war insbesondere die Umsetzung des dritten, von ruhigen Ambient-Passagen dominierten Teils von Triangle. Weil die Band diesen Teil im Studio mithilfe von unzähligen Instrumenten und kaum Synthesizern aufgenommen hatte, galt er als grösste Herausforderung bei der Live-Umsetzung.

Natürlich fand die Inkarnation von Triangle ebenfalls im «Het Patronaat» statt. Doch während Zeal und Ardor diesen herrlichen Raum spätnachts mit ihrem Satans-Gospel zum Kochen brachten, herrschten bei Schammasch ganz andere Vibes. Triangle an einem Stück – das fühlt sich eher an wie ein stufenweises Verglühen, bei dem die Intensität trotz stetig zurückgehender Lautstärke nicht abnimmt. Und das auch noch mitten am Nachmittag, als sanftes Licht von draussen durch die vielfarbigen Kirchenfenster drang und eine atmosphärische Ambivalenz erzeugte, die an einem völlig verdunkelten Abendkonzert nicht möglich wäre. Diese Stimmung entging auch dem vom Auftritt der Basler rundherum begeisterten Journalisten der britischen Zeitung «The Independent» nicht.

Als Schammasch kurz nach dem Roadburn für die portugiesische Band Moonspell im Zürcher Dynamo eröffneten, wurde einem schlagartig bewusst, wie stark die Band eine für sie günstige Umgebung und Atmosphäre braucht, um sich voll entfalten zu können. Die Dauer des Konzerts war mit knapp fünfzig Minuten zu kurz und die Fans von Moonspell, die mittlerweile eine leichtbekömmliche, metallisch aufgeputzte Form von Gothic-Rock spielen, mochten sich nicht so richtig auf den ungleich dichteren Sound von Schammasch einlassen. Umso schöner leuchtete nach diesem Abend die Erinnerung an ihre Roadburn-Show.

Geradeso gut fünf Stunden
«Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt» – so könnte man die Gefühlslage am Konzert von Zeal and Ardor mit einem geflügelten Wort aus Goethes Egmont auf den Punkt bringen. Nach dem ersten Ausfall war da immer dieses Hin und Her zwischen Furcht und Erleichterung, Anspannung und Erlösung. Abgesehen davon, dass keine unerwarteten Ereignisse den Fluss der Erfahrung störten, ist ein unstetiges Auf und Ab dem musikalischen Temperament von Schammasch auch völlig fremd. Eher war ihr gesamtes Konzert auf einen auflösenden Moment hin ausgerichtet – der aber bewusst nie richtig eintritt. Darum könnten Schammasch geradeso gut auch fünf Stunden spielen.

Wer für die Umsetzung der Ambient-Passagen nun ein riesiges Arsenal von Perkussions- und elektronischen Instrumenten erwartet hatte, wurde überrascht. Von wolkigen Klangfetzen bis zu satten Drones erzeugte die Band, die durch Tourgitarrist John B. verstärkt wurde, die meisten Sounds in diesem Teil mit Gitarren und Effektgeräten. Für den dritten Teil verliess Boris A.W. erst einmal sein Schlagzeug und überliess den Rhythmus Sänger Chris S.R., der auf einer Standtrommel die tribalistischen Beats schlug. M.A. spielte ausserdem ein Saxophon, das sich da und dort subtil in den Ambient-Sound einfügte oder sich mit einem Solo exponierte.

Noch stärker als in den vom Black Metal dominierten Teilen des Albums bedienen sich Schammasch hier einer sakralen Ästhetik. Diese wird vor allem über den Gesang ausgelebt. Manchmal vereinen sich mehrere Stimmen tatsächlich zu einem Chor-Klang, der eindeutige Assoziationen hervorruft. Doch auch die langgezogenen, nach Beschwörungen klingenden Growls oder die unmenschlich anmutenden, elektronisch oder gesangstechnisch modulierten Stimmen, hinter denen man entrückte Bewusstseinszustände vermutet, sind Schattierungen dieser Ästhetik.

Versenkung auf Nadeln
Die Musik, die dazu spielt, ist meditativ und angespannt zugleich. Sie fordert zwar auf zur Versenkung, doch dank unheilvoller Dissonanzen ist es eine Versenkung auf Nadeln. «The Third Ray of Light», der erste Song im Ambient-Teil, ist eine an- und abschwellende Progression verschieden schattierter Drones. Nach einer Weile setzt ein einfacher, repetitiver Beat ein, über dem sich parallel zur Intensität der Drones verfremdete, entrückte Stimmen ohne erkennbare Artikulationen erheben. Am Schluss des Songs dreht sich das verloren wirkende Saxophon in repetitiven Schleifen über einem bedrohlich-schwebenden Sound, der eine unheimliche Szene eines Science-Fiction-Films begleiten könnte.

Musikalisch löst der allerletzte Song «The Empyrean» insofern etwas auf, als hier die Gitarren wieder als solche erkennbar zurückkehren. Ebenso die Worte, wenn Chris S.R. zu einem finalen, eher gesprochenen als gesungenen Monolog ansetzt, der mit der Feststellung der Einheit und gleichzeitigen Nichtigkeit von allem endet.

Nun, nicht ganz – es folgen noch ein paar im Chor gesungene Zeilen auf Hindi. Ein Rätsel also – das kann keine Erlösung sein. Die Gitarren spielten noch ein wenig weiter und sind irgendwann einfach weg. Dann standen wir so da und das ambivalente Licht passt noch besser zur Stimmung als am Anfang.

Dieser Moment hätte kaum so intensiv gewirkt, wenn er nicht das Ende eines Metalkonzerts gewesen wäre. Ihren musikalischen Ursprung, der auch den Ausgangspunkt von Triangle bildet, haben Schammasch in einem bombastischen, komplex aufgebauten Black Metal, der am ehesten mit deutschen Bands wie Ascension oder Secrets of the Moon vergleichbar ist. Was Schammasch mit diesen Bands teilt, ist die Überzeugung, dass Black Metal neben einer rituellen und einer atmosphärischen auch eine kompositorische Kunst ist. Nur wenn man durch die Windungen der dichten Kompositionen in den ersten zwei Dritteln hindurchgegangen ist, kann man diese diffuse Spannung zum Schluss hin richtig geniessen. Es ist, als würden Schammasch den Raum zuerst vollständig ausfüllen, um dann mit dem Vakuum zu spielen, das dahinter liegt.

Die Erfahrung, ein solches Werk an einem Stück live zu hören, kann man als Protest gegen das Zeitalter des musikalischen Kurzfutters verstehen, als Übung in Konzentration und Achtsamkeit oder auch als Austreibung von bösen Geistern. Auf jeden Fall hat man das Gefühl, dass Triangle diese Aufführung gebraucht hat, um sich als Kunstwerk vollständig zu entfalten.

Lautréamont: Die nächste Trilogie
Es war dafür ja auch höchste Zeit. Denn wie Schammasch auf Facebook angekündigt haben, ist bereits ein neues Album in Arbeit: der erste Teil einer weiteren Trilogie. Erscheinen soll das Album im nächsten Juni. Als Grundlage der Trilogie dient «Die Gesänge des Maldoror», das 1874 erschienene Hauptwerk des französischen Schriftstellers Comte de Lautréamont. Es gilt als prägend für den Surrealismus und als eines der radikalsten Werke der Literaturgeschichte. Der Band hat das Buch bereits in ihrem bisherigen Schaffen als Inspiration gedient. Während der Einfluss des Werks auf die ersten beiden Schammasch-Alben jedoch subtil war ­ (sodass er gerade mal belesene Menschen wie Doktor Fisch auffiel), soll seine schauerliche Welt auf den kommenden Alben voll ausgebreitet werden.

Neben diesem literarischen Bezug macht vor allem neugierig, dass Schammasch in dem Post auch versprechen, die musikalische Experimentierfreudigkeit von Triangle noch zu überbieten: «Focus lies on telling instead of singing, atmosphere instead of technique, flow instead of structure.» Egal, wie das dann klingen wird, der Ankündigung nach tönt es verdammt nach Black Metal.