Roadburn I: Am hellen Rand
der Finsternis

, 08.05.2017

Konzerte, die Kinoerlebnissen oder musealen Ausstellungen gleichen, von Bands, die von innen und aussen die Grenzen des extremen Metal verschieben. Eindrücke vom Roadburn 2017, dem distinguiertesten Metalfestival der Welt.

Ulver-RoadburnZondag-23042017-JostijnLigtvoetFotografie-48
Ulver auf der Hauptbühne des 013 Poppodium, Foto: Justin Ligtvoet

Die Ausstellung avancierten Metal-Schaffens begann mit einer hohen Dosis von entgiftetem – schwarze Zungen sagen auch, entseelten – Black Metal. Der Donnerstag des Roadburn Festivals 2017 hielt auf der Mainstage etwa Deafheaven und Wolves in the Throne Room (WITTR) bereit, die dort vor mehreren Tausend Zuschauern spielten. Für beide Bands bedeuteten die Konzerte eine Art Heimkehr. Für WITTR im buchstäblichen Sinn, hatten sie hier doch vor neun Jahren ein Livealbum aufgenommen. Für Deafheaven war es eher eine Heimkehr in kultureller Hinsicht, indem sie dahin zurückkehrten, von wo aus sie mit dem Alben Roads to Judah und dann vor allem mit Sunbather ausgezogen waren, um dem Black Metal die Zähne zu ziehen: an seinen avantgardistischen Rand.

Im Doom-Metal-Museum
Zu seinen Anfangszeiten lag der Schwerpunkt des Roadburn in den Bereichen Doom und Stoner Metal. Heute treten in Tilburg so stilistisch heterogene Bands auf, dass als gemeinsame Klammer vielleicht am ehesten noch die Begriffe «forward-thinking» und «heavy» taugen, mit denen das Festival sich gerne selbst beschreibt. Bands, die es sich in einem bestimmten Nest – sei es das des Thrash, Death, Heavy oder Black Metal – gemütlich gemacht haben, werden von den ProgrammmacherInnen um Initiator Walter Hoeijmakers heute kaum mehr eingeladen.

Die britische Band Memoriam, die mehrheitlich aus ehemaligen Mitgliedern des unlängst implodierten Death-Metal-Panzers Bolt Thrower und von Benediction besteht, bildete hier die Ausnahme. Eine eigene Kategorie bilden die verschiedenen Shows altgedienter Bands, in denen diese ihre wegweisenden Alben in voller Länge aufführen. Dadurch erhalten diese Konzerte musealen Wert. So spielten die Epic-Doom-Metal-Pioniere My Dying Bride ihr klassisches Album Turn Loose the Swans, ebenso wie Bongzilla Gateway.

my_dying_bride_foto_paul_verhagen-1
My Dying Bride mit Sänger Aaron Stainthorpe, Foto: Paul Verhagen

Der Auftritt der Krautanbeter aus Wisconsin wurde zum unerwarteten Spektakel. Von grünem Licht und Nabel umwabert schlurften die bemützten Bandmitglieder von Bongzilla auf der Bühne herum, während sie ihre grandiosen, mit übersteuertem Fuzz belegten Riffs abfeuerten, und das Kiffen feierten. In Tilburg, wo sich alle FestivalbesucherInnen in den nahegelegenen Coffeeshops legal mit Joints eindecken können, verpuffte das subversive Moment, das eine kiffende Band aus Wisconsin in manch illiberaleren Milieus entfalten mag, in einer gigantischen süsslichen Wolke. Die Visuals aus Schnipseln von Drogenprävention in Schwarzweiss hatten sowohl einen beklemmenden wie einen satirischen Effekt; und zusammen mit dem Dreck in Sänger Michael Makelas Geraspel sorgten sie dafür, dass Bongzilla trotz ihrer monomanisch durchgehaltenen Gras-Obsession nicht ins Lächerliche abglitten.

Zu Bongzillas versiffter Black-Sabbath-Anbeterei stellte der Auftritt von Deafheaven ein paar Stunden zuvor das pure ästhetische Gegenteil dar. Hatten Bongzilla die riesige Bühne noch mit einer Wand aus Orange-Verstärkern und sehr viel Nebel (und eben: Rauch) zu füllen versucht, machten Deafhaven sie zum Seziertisch ihrer eleganten Brutalität. Die Gitarristen Kerry McKoy und Shiv Mehra sowie Bassist Chris Johnson kamen mit jeweils einem schlanken Verstärker aus, tappten mit ihren leichten Schuhen nachlässig auf den Effektgeräten herum, während Sänger George Clarke im enganliegenden schwarzen Hemd wie ein dandyesker Iggy Pop über die Bühne tobte. Nach dem multisensorischen Inferno von Mysticum (dazu später mehr) war Deafheavens Sturm aus himmlischen Tremolos, bretternden Drums und Clarkes unvergleichlichem Kreischen das Brachialste, was es während des Festivals in der grossen Halle zu erleben gab. Gleichwohl war unverkennbar, dass die Band aus San Francisco inzwischen ebenso auf den Bühnen des Coachella oder des Pitchfork Festivals zu Hause ist.

deafheaven-RB17-NielsVinck-hresweb
George Clarke von Deafheaven, Foto: Niels Vinck

Vor neun Jahren nahmen Wolves in the Throne Room (WITTR) am Roadburn ein Livealbum auf. Damals machte sich die Band erst gerade auf, das Spektrum dessen, was heute Black Metal genannt werden kann, nachhaltig zu erweitern – wenn auch auf gänzlich andere Weise als ihre Zeitgenossen aus San Francisco. Während Deafheaven mit ihrer Fusion von Shoegaze, Postrock und Black Metal und ihrem Galeristen-Äusseren in Produktion und Stil eine durch und durch urbane Band sind, stehen WITTR für einen aus den grimmigen Waldverherrlichung des skandinavischen Black Metal entwickelten, naturromantischen Humanismus im Geiste Henry Thoreaus. Und während Deafheaven seit dem Erscheinen von Sunbather unablässig touren und so alle paar Monate in Europa zu sehen sind, spielte die Band aus den Cascadian Mountains bis zur aktuellen Tour seit 2012 keine Konzerte mehr auf dem Kontinent. Dementsprechend gespannt durfte man auf ihren Auftritt sein – ein Auftritt, der zum Triumph geriet.

WolvesInTheThroneroom-RoadburnJostijnLigtvoetFotografie-12
Nathan Weaver von Wolves in the Throne Room, Foto: Justin Ligtvoet

Wie die Band das um sie entstandene Narrativ der obskuren Kommunenbewohner auf der Bühne präsent werden liess, wird noch lange nachhallen. Wie Waldgeister schwebten die Bandmitglieder schon vor dem Konzert über die Bühne und bliesen Rauch von brennenden Wurzelstirzeln in den Raum. Mit der ersten Synthie-Fläche des Intros, dem ersten Stoss aus der Nebelmaschine und den ersten Säulen orangen und grünen Lichts war die Waldkathedrale aufgerichtet. Sonne, Mond, grüner Hain und Gewitter wurden allesamt im in allen Farben getauchten Nebel herbeigerufen – Bühnenraum, Wald und Musik fielen ineinander.

Black Metal – findet auch noch in Europa statt
So schwierig es ist, angesichts seiner Heterogenität vom US Black Metal (USBM) als musikalischer «Schule» zu sprechen: Die Auftritte von Deafheaven und WITTR vergegenwärtigten, wie amerikanische Bands in der letzten Dekade das Spektrum dessen, was unter den Begriff «Black Metal» fällt, erweitert haben. Nach den ersten beiden Tagen schien Black Metal am Roadburn sowieso vor allem in seiner amerikanischen Ausführung vorzukommen: Mit Ash Borer, Vanum und Woe standen weitere US-Formationen auf dem Programm. Und europäische Bands wie Oathbreaker, die ohne Deafheaven kaum zu denken wären, oder Ultha, die mit ihrer epischen Atmosphärik und progressiven Ideologie an WITTR erinnern, entstanden ohne Zweifel in Auseinandersetzung mit den Entwicklungen zwischen New York und Olympia der letzten zehn Jahre.

Doch stimmt es so natürlich längst nicht, das mit der kulturellen Hegemonie von Black-Metal-Amerika über Tilburg. Nachdem Misþyrming letztes Jahr als jüngste «Artists in Residence» in der Geschichte des Festivals geamtet hatten, warf auch in diesem Jahr Black Metal aus Island seinen Schatten über das Roadburn. Ob Auðns eleganter, atmosphärischer Stil mit dem charakteristischen, jambisch phrasierten Erzählgesang Hjalti Sveinssons, ob die zwischen dissonanter Technizität und gleissenden Klanglandschaften oszillierenden Zhrine oder Naðras folkgetränkte Rohheit – die Konzerte der vielen Bands von der Insel fügten sich zu einem Tableau der ungebrochenen Schaffenskraft am Polarkreis.

Wobei Bands wie Naðra oder Auðn das Genre eindeutig innerhalb der Traditionen stehend erweitern. Der räudige, vor Punkenergie strotzende Auftritt von Naðra wirkte vor der Folie von Deafheaven, Ash Borer oder WITTR geradezu gründerzeitlich – in seiner musikalischen Form, aber auch in seinem Furor. Man hatte das Gefühl: Da beginnt etwas Neues. Nur passend, dass Misþyrming, deren Musiker ja alle auch bei Naðra spielen, in diesem Jahr ein Überraschungs-Konzert auf einer der kleinen Bühnen gaben.

misphyrming_foto_paul_verhagen-1
Misþyrming, Foto: Paul Verhagen

Musikfestivals stecken auch immer einen Raum ab, in dem eine Parallelwelt Form annimmt. Das ganze Leben, von den täglichen Verrichtungen bis hin zur Ebene der Sublimation, worin der Grund ihres Zustandekommens liegt, findet in einer ästhetisierten Umgebung statt, die mit zunehmender Dauer auch einen auf den Genuss von Allem ausgerichteten Alltag aufkommen lässt. Das Ideal des auf Immersion ausgerichteten Festival-Attraktionsparks stellt vielleicht das Festival für elektronische Musik «Tomorrowland» im belgischen Boom dar, aber auch Metalfestivals wie das «Hellfest» bei Nantes oder das «Brutal Assault» in Tschechien laden ihre BesucherInnen in bis zur passenden Benennung der Seifenspender durchgestylte Räume.

«Montreux Jazz» statt «Apocalypse Now!»
Weil die klangliche Qualität nicht selten unter dem Setting in der freien Natur leidet, lebt das Konzerterlebnis bei Openairs dann oft von seiner Einbettung in dieses ästhetisierte Alltagsleben. Am Roadburn verhält es sich eher umgekehrt. In der Stadtmitte und in unmittelbarer Nachbarschaft zur Ausgehmeile von Tilburg gelegen, ist das Erlebnis nicht so total. Die Festivaltopographie um den Konzertkomplex «013» mit seinen luftigen Foyers und hochmodernen Konzerträumen vermittelt statt einer alles durchwirkenden «Apocalypse Now!»-Dschungel-Stimmung eher das weltliche Gefühl eines Montreux Jazz Festivals. Und wie am Montreux Jazz Festival kriegt man auch am Roadburn ausschliesslich exzellente Konzerte zu sehen, was neben hochwertig ausgestatteten Konzerträumen auch mit dem Prestige zu tun hat, das ein Auftritt für die Bands bedeutet.

Neben WIITR gelang es vielleicht den Psychedelic-Black-Metallern Oranssi Pazuzu am besten, die Distanz zwischen Publikum und den rundherum in den Geräten sichtbaren technischen Voraussetzungen des Konzerts zu überbrücken. Psychedelische Musik wie die der Finnen zielt mittels repetitiver Strukturen auf einen hypnotischen Effekt und anhaltendes Strobo-Gewitter unterstützte zusätzlich, dass man schon nach einigen Minuten des Konzerts nicht mehr sicher sagen konnte, ob man noch aufrecht stand. Ein buchstäblich erschütterndes Erlebnis, das klarmachte, weshalb die Band diesmal auf der Hauptbühne spielte, nachdem sie im vergangenen Jahr den Green Room völlig gesprengt hatte.

Mysticum: Nicht ohne menschlichen Rest
Wie man die visuellen und auditiven Produktionsmöglichkeiten der Halle «013» voll ausschöpft und gleichzeitig knallhart vergegenwärtigt, zeigten die norwegischen Ur-Bands Mysticum und Ulver. Bei beiden verschwand die Band als Herkunftsort der Musik in einem Gewitter aus Licht und Visuals, wodurch sich das Erleben dieser Konzerte in Richtung Kino verschob.

Bei Mysticum verbinden sich faschistoide Bilder von Krieg und marschierenden Soldaten mit Satanssymbolik zu LSD-induzierten Musterräuschen, die auf den epileptischen Anfall zielen. Ein kalt hämmernder Drumcomputer und die in kraftwerkeskem Stillstand aufgestellten Bandfiguren Dr. Best, Prime Evil und Cerastes lassen alles Menschliche aus Musik und Präsentation weichen. Jedenfalls bis als kleine Pointe plötzlich die Silhouetten der Bandmitglieder mit geschulterten Gitarren auf den Screens erscheinen – ohne menschlichen Rest geht es im Metal halt doch nicht.

Ulver auf der anderen Seite nähern sich auf ihrem jüngsten Album, dem poppigen The Assassination of Julius Caesar, mit dem Hit «So Falls the World» allmählich der James-Bond-Titellied-Tauglichkeit. Zusammen mit den gelenkig animierten Strichzeichnungen – die schönsten Visuals des Festivals – erinnerte Ulvers Auftritt tatsächlich an einen spielfilmlangen Vorspann.

Ulver-RoadburnZondag-23042017-JostijnLigtvoetFotografie-27
Ulver, Foto: Justin Ligtvoet

Der dem Black Metal gegenüberliegende Pol des vom Festivalprogramm abgesteckten stilistischen Felds, stellte der Doom Metal dar. Und auch in diesem Bereich bot das Roadburn-Programm einiges, was zum feinsten zeitgenössischen Metalschaffen zählt. Klar, die Sets von My Dying Bride und Warning, die mit ihrem Barden-Doom in tiefer Schwermut versanken, trugen nostalgische Züge. Und auch Ahabs ausladende Stücke lassen sich in mehr oder weniger direkter Linie auf das Schaffen der genannten Vorfahren und den Funeral Doom zurückführen.

Pallbearers Popmoment
Doch wo sich schleppende Tempi mit der Aggressivität von Hardcore, dem Dreck von Sludge und Crust oder mit Classic-Rock-Melodien verbinden, ist Metal heute mit am spannendsten – zu erleben unter anderem bei Fórn oder Inter Arma. Fórn verwandelten den engen Klub «Exstase» in eine brodelnde Schwitzhütte. In ihrem abgründigen Strudel aus tief röhrenden Riffs blitzen immer wieder feingliedrige Leads auf und mit Chris Pinto hat die noch eher unbekannte Band aus Boston einen der derzeit besten Growler am Mikrofon.

pallbe_niels_vinck
Brett Campbell von Pallbearer, Foto: Niels Vinck

Bei Fórn dienen mehrstimmige Gitarrenleads der Auflockerung – Pallbearer produzieren daraus fünfzehnminütige Melodiefeuerwerke, die die Band inzwischen in den Metaläther katapultiert haben. Dass sich die Band aus Little Rock, Arkansas dort immer wohler fühlt, verdeutlichte ihr Auftritt am Sonntagnachmittag. Nicht dass sie die überzeugendste Band des Festivals gewesen wären. Brett Campbells Gitarre war hier und da nur schwach zu hören und sein Gesang vermag die stellaren Höhen der Melodiebögen der Gitarren nicht immer mitzugehen. Weil Pallbearer aber neben den Songs und den Refrains inzwischen auch die passenden Gesten und sogar einen Hauch von Glamour haben, war ihr Konzert am Sonntag vielleicht der herausragende Pop-Moment des Festivals. Kaum einer anderen Band jedenfalls, abgesehen vielleicht von Zeal and Ardor, schlug so viel Gekreisch und glühende Fanliebe entgegen.

interarma_niels_vinck
Inter Arma, Foto: Niels Vinck

Die Geschichte des Roadburn liesse sich auch in Episoden erzählen, die sich ausserhalb von «013» und «Het Patronaat» abspielten – dort, wo die Grenzen zwischen dem Kosmos des Roadburn und dem von Tilburg durchlässig werden. Sie könnte mit den zehn Minuten beginnen, während denen Chelsea Wolfe in der Imbissbude um die Ecke zwischen betrunkenen, das Fritten-Gemetzel «Friet Oorlog» mit Mayo, Erdnusssauce und Zwiebeln schaufelnden TilburgerInnen auf ihre Pizza Margaritha wartete. Oder mit Mysticums Cerastes, der nach dem Konzert nochmal schnell im Hauspub des Festivals Cul de Sac nachsehen wollte, wie der Ausschank des «Mysticum Cosmic Ale» so läuft, dann aber angesichts der in Richtung Dorfdisco kippenden Stimmung und nervigen Konzertgratulanten schnell im gegenüberliegenden Dönerladen verschwand.

Oder sie könnte von der Begegnung mit dem verschiedentlich intoxikiert wirkenden Mitarbeiter des französischen Fernsehens erzählen, der froh war, dass er am Sonntag Author & Punisher sehen würde, statt an der Übertragung der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen mitzuarbeiten und der wiederum dies riet: «Pallbearer und Ulver kannst du vergessen, geh stattdessen zu Sumac und Emma Ruth Rundle. Und verpass nicht Oxbow, der steht am Ende wahrscheinlich nackt auf der Bühne. Und schau dir unbedingt Hypnopazuzu an!» Da ich für diesmal die Variante «Favoriten-in-Bestform-sehen» bevorzugte, habe ich das dann nicht getan. Klang aber auch toll.