Zeal-Ardor-Strange-Fruit

Zeal & Ardor

Stranger Fruit

MVKA Music 2018

Manuel Gagneux sitzt in der Bar seiner Basler Wohngemeinschaft und trinkt in gemütlicher Runde, als wäre nichts geschehen. Es wirkt, als würde er sich hier nur kurz ausruhen, in diesem kleinen Schuppen mit den Kakteen hinter den getrübten Fenstern und den Antifatags an der Eingangstür. Zu beobachten war diese Szene im Juni, kurz vor dem Auftritt seiner Band Zeal & Ardor am französischen Megafestival Hellfest. Die laufende Tour erstreckt sich über mehr als achtzig Konzerte in Europa und Nordamerika; das Publikum reicht von der Meute im norddeutschen Wacken bis zur Popschickeria am Montreux Jazz Festival. Kann das noch ein Hype sein?

Bei ihren ersten Konzerten im Frühjahr 2017 wirkten Zeal & Ardor ein bisschen wie eine Rakete, die mit viel Schub gestartet, aber noch etwas schwer zu kontrollieren war. Der Funke war gezündet, doch die Liveband brauchte noch etwas Zeit, um sich einzuspielen. In der Zwischenzeit ist viel passiert. Zu spüren war das auch an jenem Konzert am Hellfest. Keine Verstärker auf der Bühne, keine Metalkluft, zwei Backgroundsänger – Zeal & Ardor passen an einem solchen Festival beileibe nicht ins Bild. Dennoch wurden sie von warmen Ovationen durch das Konzert getragen. Gagneux’ Präsenz war bestechend, und hinter ihm federte die Band mit einer Lockerheit durch die Songs, die sie sich in vielen Konzerten angeeignet hatte.

Aus der Alberei von damals ist Ernst geworden. Die Geschichte wurde schon oft erzählt: Beim Surfen im Internetforum 4Chan brachte ein User Gagneux vor fünf Jahren auf die Idee, afroamerikanische Worksongs mit Black Metal zu kombinieren – ein Sklavenaufstand von Satans Gnaden. Schnell war die Popwelt sich einig: So etwas wie dieses am Laptop gebastelte Devil is Fine hatte sie noch nie gehört. Es war, als könnte man da einer Idee beim Gären zuhören. Doch der Charme dieser DIY-Miniatur hatte auch etwas Flüchtiges – die Songs wirkten skizzenhaft, die Aufnahmen mit den programmierten Drums ein wenig steril. Aber eben auch wie frisch aus der Werkstatt. Man fragte sich vor der Veröffentlichung von Stranger Fruit also: Kann Zeal & Ardor mehr sein als ein verblüffender Knall?

Für seine Antwort sucht Gagneux nun nicht den Bruch, sondern den nahtlosen Anschluss. Hinter dem pompösen, bald von einer dichten Gitarrenwand begleiteten Gospelgesang im Intro pulsiert statt einer rasselnden Kette wie auf Devil is Fine ein rhythmisches Klopfen, als würde jemand Holz hacken. Am Schluss des Stücks hört man den Baum fallen – die Schlacht ist eröffnet. Und im Text dazu heisst es: «We all heard the stories, ain’t no lord gonna help you now». Spricht Gagneux, der Gottlose, sich hier gerade lakonisch Mut zu für die anstehende Aufgabe?

Jedenfalls zündet nach dem Intro ein erstes Feuerwerk. Der von Klavierstakkato begleitete «Gravedigger’s Chant» ist auf geschmackvolle Art radiofreundlich. Ganz im Mittelpunkt steht hier, was diese Musik – Konzept hin oder her – erst beseelt: Gagneux’ inbrünstiger Gesang. Das Wort «ardor» (Inbrunst) im Bandtitel – man kann es auch als Ansage verstehen. Der «Gravedigger’s Chant» klingt wie eine Vertiefung des Titel- und Herzstücks von Devil is Fine, das schon bei Germany’s Next Top Model und kürzlich im Trailer zum Computerspiel Tom Clancy’s The Division 2 zu hören war – vielleicht bald auch in einer Netflix-Serie? In diesen Balladen, die mit Sklavenmusik recht wenig und mit Metal fast nichts zu tun haben, zeigt Gagneux, dass in ihm auch ein grosses Popherz schlägt.

Gagneux bemüht sich hier, seine bisherige Erfolgsformel nicht über Bord zu werfen. Mittlerweile arbeiten weltweit fünfzig Leute für Zeal & Ardor, doch die Musik macht er immer noch mehrheitlich alleine. In den Keller seiner WG in Basel soll er sich zurückgezogen haben, um fernab des Drucks an Stranger Fruit zu schreiben. Wenn diese Band bei allen Traditionsbrüchen dem Black Metal in einem treu bleibt, dann ist es der Kult der Einsamkeit: Gagneux hat auch alle Instrumente selber eingespielt – bis auf das Schlagzeug, welches sein Tourdrummer Marco von Allmen übernommen hat.

Trotzdem ist dieses Mal auch alles anders, wie man in jeder Sekunde dieses wuchtig klingenden Albums hört. Der Wiener Produzent Sebastian «Zebo» Adam scheint wie gemacht für diesen Job – er ist nicht nur Metalnerd, sondern war auch massgeblich beteiligt am Erfolg der österreichischen Popband Bilderbuch. Während Gagneux den Pop in mancher Hook zelebriert, untergräbt er ihn andernorts. In der hinreissenden Ballade «Built On Ashes», die dem Album am Schluss seinen Höhepunkt beschert, zitiert er den sogenannten Millennial Whoop – wenn man «oho-oho-ohhh» liest, kann man ihn schon hören –, um sogleich in den Abgrund einzubiegen: «You are bound to die alone.»

Man könnte das nun für einen satanischen Witz halten, wäre nicht das ernste Thema, das sich durch Stranger Fruit zieht. Sein Titel geht zurück auf den Song «Strange Fruit» der Sängerin Billie Holiday aus den dreissiger Jahren, der die Lynchmorde an Schwarzen im Süden der USA anprangert – wie seltsame Früchte hängen ihre Leichen von den Bäumen. Gagneux überträgt diese Metapher auf die Morde an Schwarzen in der Gegenwart, die zum Auslöser der Black-Lives-Matter-Bewegung wurden. «Dort draussen tobt ein Sturm» heisst es im Titelsong des Albums.

Gut berechnet, könnte man nun sagen, dass sich dem Konzept von Zeal & Ardor mit ein paar aktuellen Bezügen politische Dringlichkeit verpassen lässt. Doch so einfach ist es nicht. Gagneux hat schon lange zuvor wild Stile gekreuzt – nur hat das damals noch niemanden interessiert. Vor allem die eingängigeren Songs von Zeal & Ardor erinnern teilweise stark an sein früheres, erfolgloses Projekt Birdmask. Sowieso geht sein Songwriting auf Stranger Fruit über eine blosse Gegenüberstellung zweier Stilschablonen hinaus: Neben wenigen Stellen, wo auch die Black-Metal-Elemente stärker vertieft werden, betrifft das vor allem die Erweiterung um Soul, Country, Blues oder Funk. Soll nicht heissen, dass dieses sehr kontrastreiche Album bis in jedes Detail überzeugt – der eine oder andere Song wird wohl nicht im Gedächtnis bleiben. Doch Zeal & Ardor, so viel lässt sich mit Sicherheit sagen, ist am Leben.