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Yellow Eyes

Immersion Trench Reverie

Gilead Media 2017

Yellow Eyes sind für mich die Entdeckung des Jahres. Beheimatet in der US-Ostküsten-Metropole New York, fabriziert das Kollektiv um die Brüder Skarstad seit 2010 eine eigenwillige Form von Black Metal. Bereits die Herkunft aus der Grossstadt lässt keine klassische Umsetzung des Genres erwarten: Diese war bisher eher modernen, massentauglicheren Formen von Black Metal eine Geburtshilfe. Alcest, Lantlôs, Heretoir, Amesoeurs, Deafheaven – von den in abgeschotteten Holzhütten lebenden, ewig deprimierten und isolierten Männern des norwegischen Typs keine Spur.

Am 31. Oktober waren Yellow Eyes auf Einladung des «Deep Drone»-Kollektivs im Kaschemme in Basel zu Gast. Auf und vor der Bühne wirken die vier Musiker tatsächlich nicht so, als würden sie dem misanthropischen Typ von Black-Metal-Musiker entsprechen. Das Gespräch mit Sänger und Gitarrist Will Skarstad entsteht beim Merchandise-Tisch sogar schon nach der ersten Band (Thron, die mit klassischem Black Metal überzeugend eröffnen) und zieht sich am Ende des Abends noch lange hin. Will und sein Bruder Sam erzählen beim Bier von ihrem Songwriting und von einem Abend, der sie auf wundersame Weise mit Okoi Jones von Bölzer bekannt gemacht habe. Demnach trafen sich Sam und Okoi zufällig in Bern und zogen zuerst stundenlang Bier trinkend durch die Bars der Stadt, bevor ihnen bewusst wurde, dass sie beide in angesehenen Underground-Bands spielen.

Das Konzert von Yellow Eyes geht optisch ruhig über die Bühne – mit Ausnahme des wild prügelnden Schlagzeugers Michael Rekevics (zu ihm später mehr). Der Gestus der Band heisst Zurückhaltung. Doch trotz Parallelen ist es nicht möglich, die Musik von Yellow Eyes in die oben angeführte Tradition des Post-Black-Metal einzuordnen. Denn zwischen den Zeilen schimmert und funkelt doch immer wieder etwas hindurch, was sehr wohl an die norwegischen Wegbereiter erinnert. Auch wenn es abgedroschen klingt: Der geschickte Umgang mit dem Spannungsfeld zwischen Tradition und Innovation macht Yellow Eyes aus. Da sind die Tourkollegen von Ultha – die zweite Band des Abends – schon einfacher einzuordnen: schleppende Songs in Verbindung mit Gitarreneffekten, die auch im Postrock vorkommen, wechseln sich ab mit repetitiven Riffs und Blastbeats. Die Kölner verstehen dieses Handwerk vorzüglich und haben sich mittlerweile auch ein ordentliches Ansehen erspielt.

Bei Yellow Eyes hören sich die Albumtitel an wie Kapitel in einer grossen Erzählung. Das verbindende – und fesselnde – Element darin sind immer wiederkehrende Field Recordings. So beginnt auch Immersion Trench Reverie mit einer Geräuschkulisse, bestehend aus undefinierbaren Tiergeräuschen und einem Glockenspiel. Nach Aussagen der Band haben die Musiker die Aufnahmen an den unterschiedlichsten Orten – darunter auch Sibirien – selber hergestellt. Die Field Recordings verleihen der gesamten Diskographie der Band einen Boden, auf dem dann die einzelnen Stücke gedeihen, und schaffen eine beklemmende Atmosphäre, die ästhetische Kontinuität herstellt.

Ebenfalls bemerkenswert an diesem Album ist die Qualität seines Sounds. Da ist nichts mit fein geschliffenen Klängen – das Album wurde in einer Holzhütte in Connecticut auf Kassette aufgenommen und genauso erdig klingt es auch. Die Gitarren sind mit anstrengend verzerrten Höhen versehen und die Snare klingt zeitweise wie eine Holzbox. Die Vocals von Will Skarstad beissen sich in hohem Gekreische fest und liefern die perfekte Begleitung zum Klang der Instrumente.

Das mögen nun alles Charakterisierungen sein, die nicht gerade zum Hören einladen. Aber ohne nun analoge, einfache Musikproduktion fetischisieren zu wollen: Es sind genau diese Elemente, die Immersion Trench Reverie zu einem Album machen, bei dem man auch nach unzähligen Hördurchgängen im Dickicht des Sounds immer wieder Neues entdecken kann.
Eine Qualität, die beispielsweise dem enttäuschenden neuen Album von Wolves in the Throne Room, Thrice Woven, komplett fehlt.

In der ersten Minute von Immersion Trench Reverie tritt bereits einer der prägnantesten Charakterzüge der Musik von Yellow Eyes in den Vordergrund: monotone Riffs, die teilweise willkürlich scheinende Wendungen nehmen und damit immer wieder überraschen. Die sich wiederholenden, beinahe um sich selbst kreisenden Glockenklänge, die das Album eröffnen, besitzen eine bestechende Ähnlichkeit mit den Riffs, die ihnen folgen. Diese sind meist dissonant, oftmals schwer zugänglich und breiten sich harmonisch über mehrere Schichten aus – das ist die Basis für die Delirium-hafte Wirkung der Musik. So geschieht es beim Hören oft, dass kurze Teile eines Taktes aus dem aufgebauten Raster fallen und beinahe zum Stirnrunzeln zwingen.

Und dann ist Geduld gefragt, denn Yellow Eyes lösen erst nach mehrfacher Wiederholung solcher dissonanter Motive die Harmonien auf. Und auch dies nicht so richtig – das leicht Verwirrte, die kleinen Schwankungen zwischen den Halbtönen und knappen Intervallen bleiben bestehen. Dies hindert die Band jedoch nicht daran, zahlreiche, absolut hochkarätige Riffs rauszuhauen – der aggressive Melodiebogen, mit dem «Jubilat», das Schlussstück des Albums, reinknallt, oder der schleichende, fiese Aufstieg der Gitarre bei «Shrillness in the Heated Grass» gehören zu diesen instrumentalen Highlights.

Doch wirklich spannend wird es beim Schlagzeug. Das Spiel Mike Rekevics’ auf diesem Album ist schlicht und einfach erbarmungslos. Er bringt zu den fragilen Riffs und den polyrhythmischen Strukturen den lebensnotwendigen Druck ins Zusammenspiel, ohne den die Musik deutlich weniger lebendig wäre. Die Blastbeats sind brachial, das Tempo überwältigend – und das ohne Zutun von Trigger-Bass-Drum und dergleichen. Der Schlagzeuger fällt auch in der Liveshow am deutlichsten auf. Die rohe Wucht, mit der er spielt, und die offensichtliche körperliche Überanstrengung vervollständigen die Bühnenpräsenz der sonst eher unauffälligen Band.

Auch nach dem Konzert und ausführlichen Gesprächen im Kaschemme bleiben Yellow Eyes eine mysteriöse, faszinierende Erscheinung. Spätestens im Frühling 2018 kommt die Band für das berüchtigte Roadburn-Festival nach Europa zurück. Vielleicht verschlägt es die New Yorker bei ihrer nächsten Kurve durch den alten Kontinent auch in andere Städte der Schweiz. Empfehlung: unbedingt hingehen!

Immersion Trench Reverie ist beim bandeigenen Label Sibir als auf 300 Stück limitierte Kassette sowie beim grossartigen Label Gilead Media, welches dieses Jahr schon einige Perlen herausgebracht hat, als Vinylversion erhältlich.