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Venom Prison

Animus

Prosthetic 2016

Venom Prison artikulieren auf ihrem Debütalbum antisexistische Militanz in der brutalen Sprache des Death Metal. Die musikalische Klasse verstärkt dabei die subversive Kraft von Animus, das sich beim Genre bedient, um den oft darin herrschenden sexistischen Diskurs von innen zu torpedieren.

Dem ersten Blick tarnt sich Animus als typisches Death-Metal-Werk. Das Artwork des bekannten Coverkünstlers Eliran Kantor zeigt eine Szene des Grauens im Caravaggio-Stil mit einem Motiv, das sich bei näherer Betrachtung als nicht zufällig gewählt erweist: Zwischen den Beinen eines knienden Mannes tropft dickes Blut herab, während drei Frauen ihn dazu zwingen, seine abgeschnittenen Genitalien zu essen.

Wie die Bildsprache von Cover und Logo wirkt auch die Musik der Band aus Südwales zunächst nach herkömmlichem Death Metal. Der Opener «Abysmal Agony» gibt die Marschrichtung vor: Death Metal, mit Merkmalen beider klassischer Strömungen: Stockholmer- und US-Ostküsten-Schule. Durch die Verbindung von Death-Metal-Tradition und dem in schweren Breaks durschlagenden Hardcore-Hintergrund der Bandmitglieder wirkt Animus modern und vintage, technisch und roh zugleich, mal Melodie mal Groove betonend, durch die bestialischen, teilweise gedoppelten Vocals Larissa Stupars mitunter bis zum Durchdrehen aggressiv. Sägende Riffs, melodische Hooks, und unerbittlich hämmernde Snare und Doublebass verweben sich zum goldenen Gewand, in dem «Babylon the Great» (siehe die grossartigen Lyrics von «Babylon the Whore» von der EP The Primal Chaos) ihr crustlockiges Haupt erhebt. Statt Thor den Hammer schwingt Medusa das Kastrationsbeil.

Die Songs heissen «Perpetrator Emasculation», «Womb Forced Animus» oder «Celestial Patricide», stachlige Sprachmonster, die, ähnlich wie das Cover, zunächst wie vertraute Figuren aus dem Imaginären des Death Metal wirken. Doch enthalten auch diese Hyperbeln den raffinierten Dreh, der die Gewaltsprache des Death Metal antipatriarchalisch wendet. #Aufgrowl in Zeiten von President-elect «Pussygrabber» und PolitikerInnen, die Frauen an ihre Mitverantwortlichkeit für erlittene Vergewaltigungen mahnen. Im eineinhalbminütigen Grindcore-Angriff «Perpetrator Emasculation» kreischt Stupar die Parolen zur brutalen Artwork-Szene grässlich und mitleidlos ins Megafon: Demütigung und Kastration zur Vergeltung sexueller Gewalt.

Ein Nebeneffekt der formalen Death-Metal-Mimesis bei gleichzeitigem Auf-den-Kopf-Stellen des Inhalts ist die Unterwanderung der misogynen Motivtradition des männlich dominierten Genres, man denke etwa an den Cannibal-Corpse Hit «Fucked With a Knife», die Manga-Gore-Fetischisten von Jig-Ai oder schlicht an den Fakt, dass das Subgenre Porngrind existiert. Diese Bands bieten mit ihrer hyperbolischen Kunst zwar selber schon die Zielscheibe um Misogynie zu kritisieren, und nicht selten intendieren sie dies wohl mit. Doch die drastischen und bisweilen ins Komische kippenden Überzeichnungen bergen eben auch das Potential zur Affirmation in der Distanznahme. Dass Venom Prison mit ihrer Umwertung einen wunden Punkt bei vielen Death-Metal-Fans treffen, zeigen die Hasskommentare auf den Sozialen Medien, von denen Sängerin Stupar kürzlich in einem Interview mit Noisey erzählt hat.

Der anti-sexistische Komplex bildet klar das Herzstück von Animus, doch daneben unterziehen Venom Prison weitere repressive Konventionen ihrer brillanten Klangkritik. Der Opener «Abysmal Agony» etwa attackiert gesellschaftliche Begriffe von Wahnsinn und Normalität, «Corrode the Black Sun» einen antizipierten neuen Faschismus. Death Metal und wie auch immer geartete Gewaltfantasien gingen schon immer geschmeidig zusammen. Death Metal und linke Gesellschaftskritik speziell in Grossbritannien auch – Stichwort Napalm Death und Bolt Thrower. (Death) Metal und Frauen hingegen: trotz Bolt Thrower-Bassistin Jo Bench und Bands wie der weiblichen Death-Metal-Supergroup Castrator noch immer schwierig. In diesem dunklen Status Quo leuchtet Animus mit seiner militant-feministischen Stossrichtung wie ein Fanal.