a0144143476_10-1

Vektor

Terminal Redux

Earache 2016

«You are the future of Metal», sagt ein schwarzlockiger Mittdreissiger zum anderen und klopft ihm dankbar auf die Kutte. Der dergestalt gelobte ist David DiSanto, Gitarrist und Sänger von Vektor, der Thrash-Metal-Band der Stunde. In den neunzig Minuten davor hat die Band ein  berauschendes Konzert im Keller des Winterthurer Gaswerks gegeben, technisch brillant und mit sichtlichem Genuss, vor lechzenden Fans. Obwohl die Band gerade mal zwei Alben veröffentlicht hat, werden die Riffs im Keller des Gaswerks im schwitzenden Moshpit mitgesungen, DiSantos Songankündigungen frenetisch gefeiert. So fühlt sich das Konzert an wie ein Rendezvous mit der Metal-Geschichte. Könnte es sein, dass man endlich einmal Zeuge wird, wie sich der künftige Kult formiert?

Vektor gehört also die Zukunft. Auch die Band scheint das so zu sehen. So lassen sich zumindest die Zeichen lesen, welche die fünf Jahre seit dem letzten Album Outer Isolation gezeitigt haben. Die ganze Band ist vom verschlafenen Tempe, Arizona nach Philadelphia gezogen, in die Nähe von New York. Vektor unternahmen ausgedehnte Touren, darunter die «First Contact Tour», die sie im letzten Jahr erstmals durch europäische Clubs führte, in diesem Sommer folgten die ersten Festivalauftritte. Ausserdem wechselten Vektor vom kleinen Thrash-Metal-Label Heavy Artillery zu dessen britischer Mutter Earache Records, was Vektor auch in Sachen Promotion und Booking in neue Dimensionen katapultierte.

Die Band selbst benennt das Bewusstsein für den historischen Moment, mit dem sie an Terminal Redux arbeitete. DiSanto spricht in einem Interview von der Krux des dritten «Make it or break it»-Albums, davon, dass sich hier entscheide, ob sich das seit dem furiosen Debüt Black Future geweckte Interesse der Fans verfestigen oder verflüchtigen würde.

Tatsächlich droht Terminal Redux stellenweise vor Ambition zu platzen. Die Kompositionen sprühen vor musikalischen Referenzen, mit historistisch anmutendem Geschick bauen Vektor komplexe Strukturen, in denen sie verschiedene Metal-Genres, etwa Thrash-, Black Metal, oder New Wave Of British Heavy Metal, verbinden und hier und da in kühner Direktheit auf Progressive Rock treffen lassen. Im Kern eine Thrash-Metal-Band, schmücken Vektor ihren Sound mit melodischen Hooks und Stadion-Black-Metal à la Immortal, die Prog-Ornamente leuchten ostentativer denn je. «Cygnus Terminal» etwa referiert textlich auf Rush’s «Cygnus: The Bringer of Balance» und «Collapse» perlt zur Hälfte als Pink-Floyd-Ballade dahin, bevor harsches Keifen und Verzerrung das Terrain für den Thrash Metal zurückerobern.

Dem Breitformat der Kompositionen entspricht das lyrische Konzept des Albums. Erstmals hat DiSanto seine Obsession mit Sci-Fi und Kosmologie in einer albumumfassenden Geschichte umgesetzt. Darin spinnt er den Cliffhanger des Titelsongs von Outer Isolation weiter und schickt den auf einem einsamen Planeten zurückgelassenen Astronauten auf eine interstellare Mission gegen das unterdrückerische Cyngus-Regime.

Neben den musikalischen Bezügen transportiert auch der Schritt zum Konzeptalbum den Geist der 70er Jahre, das Jahrzehnt der grossen Erzählungen im Progressive Rock. Den Rahmen bilden die Epen «Charging The Void» und «Recharging The Void» (09:13 und 13:37 Minuten), die von aufklärerischem Drang und von Eroberung und Zerfall der Macht handeln. Zwischen den Songzeilen «Relic Alshain / Oh Shahin-i-tarazu, now my flesh is born anew» und «Relic Alshain / Oh Shahin-i-tarazu / I return my flesh to you» entfaltet DiSanto eine Parabel über Ermächtigung, über das Schaffen und Zerstören von Lebensgrundlagen, erzählt in souverän beherrschtem Sci-Fi-Jargon.

Als Vektors wichtigster Einfluss gelten die Progressive-Thrash-Metal-Pioniere Voivod. Mindestens beim Bandlogo und der behandelten Thematik sind die Bezüge augenfällig. Vom punkigen Rotz der Kanadier sind Vektors komplexe Kompositionen jedoch Lichtjahre entfernt, als musikalische Referenzen gehen allenfalls klirrend entgleisende Riffs und eine gewisse daraus erwachsende Verschrobenheit im Gesamtsound durch. Doch in Anbetracht der über die meiste Spielzeit hinweg gezeigten Musikalität lässt sich der Vergleich mit Voivod kaum halten.

Trotz der aberwitzigen Dichte an musikalischen Motiven mag man Vektor mit Terminal Redux den Sprung aus dem Nebenarm in die Mitte der Metal-Galaxis zutrauen. Das liegt in erster Linie daran, dass die zehn Riff-Ausstellungen nie ins Beliebige abdriften und an zentralen Stellen den Schmuck von Refrains und catchy Riffs tragen. Das kompakte «Pillars Of Sand» etwa tritt mühelos das Erbe des Outer Isolation-Hits «Tetrastructural Minds» an. Der Song trägt alle Merkmale von Vektors Thrash-Metal-Idiosynkrasie. Die Exzesse der Gitarren trägt das polytaktische Drumming Blake Andersons, der in sprühenden Fills vom Thrash-Galopp in den Blastbeat und zurück kippt. Frank Chins fliegende Basslinien verleihen Vektors Soundtextur zusätzliche Opulenz, indem sie die Twin-Guitars zu einem wettspielenden Saiten-Triplet komplettieren.

Terminal Redux ist ein schwarzes Loch von einem Album, anziehend und monströs. Zunächst mag man sich verlieren in diesem gleichermassen polyzentrischen wie hermetischen All des Metal. Doch bald stellt sich Genuss darüber ein, dass Vektor die Zeitmaschine nochmals beschleunigt haben.