Vanum

Ageless Fire

Profound Lore

Es ist Frühling und ein Gespenst geht um im düsteren Metal, das Gespenst des Lebens. Vor wenigen Tagen haben die Väter des Drone Metal Sunn O))) ihr neues Album Life Metal veröffentlicht, mit grellem Coverbild und ungewohnt heiteren Akkorden in ihrer tieftönenden Frequenzsuppe. Bereits zwei Monate älter ist Ageless Fire, das neue Album der New Yorker Band Vanum um Michael Rekevics, sonst bekannt als Schlagzeuger von Yellow Eyes oder durch sein Soloprojekt Vilkacis. Liest man sich durch die Songtexte fällt auf, wie oft die Wörter «Leben» und «lebendig» fallen. Dass das Leben in der beliebtesten Dyade im lyrischen Universum des Metal als Bedingung für den Tod immer auch irgendwie gemeint ist – geschenkt. Doch Rekevics ist in seinem Black-Metal-Schaffen geradezu besessen von der menschlichen Existenz und ihren Geheimnissen, die er mit einem mit glühenden Metaphern und philosophischen Splittern bewehrten Speer bejagt.

«I have lived a thousand times, / and died a thousand more» lautet die eröffnende Zeile des ersten Songs auf dem Album «Jaws of Rapture». Rekevics bellt sie über ein archaisches Black-Metal-Riff, das auch von einer frühen Ulver-Platte stammen könnte. Davon reihen Vanum (nebst Rekevics sind drei weitere Musiker involviert, unter anderem Kyle Morgan von Ash Borer) im weiteren Verlauf des Albums eins ans andere. Die Motive und Songstrukturen sind schlicht und glasklar abgemischt, nach Experimenten sucht man auf Ageless Fire vergeblich. Vielmehr ist das Album eine Feier der suggestiven Urgewalt des Black Metal, am wirkungsvollsten entfesselt durch eine simple Melodie und Blastbeat, wenn man das richtige Händchen dafür hat.

«I have passed across the expanse / of love’s savage waste / and I too have been martyred / at the devil’s door» geht es inzwischen bei «Jaws of Rapture» weiter im Text, jede Intensität wird wieder und wieder durchlebt, es ist der alte Black-Metal-Stoff der Zirkularität von allem. Wie Rekevics in einem Interview mit dem Blog Bardo Methodology erklärt, steht eine ganz besondere Wiederkehr im Zentrum von Ageless Fire. Die Songtexte seien eine Auseinandersetzung mit der Theorie des «Monomythos» des amerikanischen Literaturwissenschaftlers Joseph Campbell. Campbell vergleicht darin Mythen aus verschiedenen Räumen und Zeiten, die auf beiden Achsen teilweise so entfernt voneinander liegen, dass er die überall gefundene Struktur der Heldenreise mit den Elementen Aufbruch, Suche nach Erkenntnis, Sturz in den Abgrund, Transformation und Heimkehr als anthropologischen Konstante benennt.

«Eternity», nach dem vierminütigen Instrumental «War» der dritte Song auf Ageless Fire, erzählt eine homerisch anmutende Irrfahrt auf der Suche nach Gesprächen mit Göttern, mit Stops auf Nachttürmen, verschneiten Gipfeln und mit Flügen in den Sonnenaufgang. Referenzreich wird hier die schwere metaphorische Keule geschwungen, am Ende gar im Blut des Wissens gebadet und, wieder, ewig gelebt.

Im erwähnten Interview macht Rekevics im Black Metal zwei Hauptströmungen aus, einmal die «heroische und transzendente», dann die «misanthropische und nihilistische». Überflüssig zu sagen, welcher Ageless Fire zuzurechnen ist. «Under the Banner of Death» schreit das Motto des Daseins, wie es Rekevics versteht und besingt, laut heraus. Nach knapp drei Minuten mit triumphalen Gitarren und prasselndem Schlagzeug ertönt der Schlachtruf: «Under the banner of death I am alive.» Vanum feiern mit Pauken und Fanfaren die heroische Existenz, verstanden und besungen als permanenter Prozess der Behauptung, des Suchens und Findens, frei vom reaktionären Ziel der Identität.

Dafür, soviel wird deutlich, haben sie wenig übrig. Im titelgebenden Schlusssong bekennt sich das lyrische Ich als «neither flesh nor fleshless / neither from nor towards», also weder Körper noch körperlos, ohne Herkunft und Ziel. Zuvor werden in «Ageless Fire» Mauern und Stolz demontiert: «In your fortress walls I see weakness / In your prideful stare I see fear».

Und während das Album mit den ätherischen Ambientklängen von «Erebus» ausklingt, verhallt auch die knappe Ahnung, die Ageless Fire heraufbeschworen hat. Es verhält sich eben umgekehrt, als im Black Metal ansonsten oft proklamiert. Nicht der Tod ist die Macht, ohne die das Leben nichts wäre, wegen kein Wert ohne Ende und so. Das Leben käme gut auch ohne den schwarzen Gevatter aus. Nur andersrum geht’s nicht.