urfaust_constellatory_practice

Urfaust

The Constellatory Practice

Ván 2018

Plötzlich geistert wahnsinniger Singsang durch flächige Synthies, schleifende Drones und Sitargeschrammel – hintergründig, wie ein Echo aus der Tiefe der Zeit, aus dem Unterbewusstsein, dem Kosmos oder zu welchen Sphären Urfausts Musik sonst ein Tor sein soll. Zu Beginn von «Behind the Veil of the Trance Sleep», dem zweiten Stück auf dem neuem Album The Constellatory Practice, scheint sich das holländische Duo an seine Vergangenheit zu erinnern: an die schnapsseeligen Klagegesänge aus den Wäldern und Bergen von Nietzsches Zarathustra, phrasiert in unverständlichem Kauderwelsch, betitelt mit Zitaten von ebenjenem Nietzsche oder schrägen Ruinen aus Klassikerdeutsch.

Nicht, dass der Synthie- und Drone-Zauber, der das neue Werk beräuchert, aus dem Nichts gekommen wäre – der war schon immer da. Mit dem Demo Urväterlicher Sagen begannen XI und VRDBR eigentlich als Synthesizerband und in kaum einem Urfaust-Song schlägt nicht auch ein Dark-Ambient-Herz. Auf Apparitions (2015) und Empty Space Meditation (2016) nahm der elektronische Anteil jedoch mehr Raum ein als auf den Alben davor – auch dank einem differenzierteren Mix, in dem sich die Soundelemente besser unterscheiden liessen.

Eine bis dahin ungehörte Mischung aus rohem Black-Metal, schlageresken Harmonien und charmant dilettantischem Opernsingsang, minimalistisch und in Low-fi-Sound, machte Urfaust zur Kultband. Definiert wurde diese Idiosynkrasie auf Alben wie Geist ist Teufel, Verräterischer, nichtswürdiger Geist oder Der freiwillige Bettler, artikuliert in Songtiteln wie «Dämmert, gelähmt und mit scheinbar erloschenem Geist» oder «Der halbtoten Dichters Schein-Existenz». Mit Trúbadóirí Ólta an Diabhail, einem der schönsten Black-Metal-Livealben überhaupt, brachten Urfaust ihren düsterromantischen Karneval 2013 zur vollendeten Aufführung. Das Echo in «Behind the Veil» kommt also auch aus der Tiefe der Urfaust-Diskografie, in der fünf Alben aus einem Meer von Splits, EPs und Live-Aufnahmen ragen.

The Constellatory Practice kann man als Synthese seiner beiden Vorgänger Apparitions (2015) und Empty Space Meditation (2016) sehen und damit vielleicht als letzter Teil von dem, was einmal als Urfausts psychedelische Trilogie gelten könnte. Auf Apparitions waberten fanfarenartige Synthesizer, Celloakzente und Sitar zwischen den kreisenden Riffs und dem donnernden Puls von VRDRBRs Snare und Bassdrum. Über diese seltsamen Amalgame legte sich XIs einzigartige Stimme manchmal nur noch als gezogenes Aaah-Aaah und in den Songtiteln führte der Weg vom abseitigen Literaturseminar in die räucherstäbchenschwangere Esoterikhütte. Während Apparitions bis auf das mit blinkenden Leads geschmückte «The Healer» fast reiner Ambient war, darunter auch das 22 Minuten lang dahinflauende Epos «The River», bot Empty Space Meditation wieder vergleichsweise kompakte Songs, etwa das schmissige «Meditatum V» oder «Meditatum II», eine Black-Metal-Nummer samt Blastbeat.

Auf The Constellatory Practice finden  sich nun Eingängigkeit und atmosphärische Uferlosigkeit, Struktur und Textur. Schon der erste Song, «Doctrine of Spirit Obsession», schwankt zwischen diesen Prinzipien. Tiefe Doomriffs, apokalyptische Fanfaren und in den Hintergrund gedrängter Gesang zwischen pathetischem Klagen und fiesem Kreischen mäandern auf verschlungenen Wegen und wir verlieren den festen Grund unter den Füssen, auf dem uns Empty Space Meditation noch abgesetzt hatte.

In «A Course in Cosmic Meditation» rieselt und zwitschert es zwischen einem ätherischen Synthie-Dreiklang, ein Trip in ein Paradies, in dem die Leichtigkeit auch nicht zerstäubt, wenn im letzten Drittel Snare und Bassdrum antanzen. Unheilvoll und schwer wabern sodann die «False Sensorial Impressions» in die Körperlosigkeit. Urfaust waten hier tief im Noise, Drones und Drums röhren, und hinter diesem dicken Schleier weht entfernt Black-Metal-Kreischen. Auch wenn für Urfaust erklärtermassen nur Alkohol als psychoaktiver Anschieber eine Rolle spielt: Der Mittelteil von The Constellatory Practice feiert Rausch und dunkle Transzendenz in einem psychedelischen Tanz.

Was die drei letzten Alben von Urfaust ebenfalls verbindet: der Hit an vorletzter Stelle. Auf «The Healer» und «Meditation V» folgt nun mit «Trail of the Conscience of the Dead» etwas vom Besten, was Urfaust je gemacht haben. Über zwölf Minuten geht es auf dem Pfad der Nekromantie dahin, gemessenen und eleganten Schritts, ohne dabei die typische Verschrobenheit aufzugeben. «Trail» ist auch der metallischste Song des Albums, Riffs knistern, Doppelleads trillieren. Im zweiten Leadmotiv, einem Höhepunkt des Albums, (Einsatz bei 4:50) versprüht das Spiel von XI wie schon in «The Healer» auf Apparitions reichlich Gitarrenglitzer.

Berührend ist das auch, weil ich seit dem Tod von Selim Lemouchi, Gitarrist der Okkult-Rock-Band The Devil’s Blood, den Eindruck nicht loswerde, dass Urfausts Musik auch ein Gedenken an den 2014 verstorbenen Freund ist. Nicht nur Lemouchis Stil klingt in einigen Kompositionen, etwa in den Leads von «The Healer» und «Trail», nach. Wie schon bei der Coversingle von The Devil’s Bloods «Voodoo Dust» erscheint auch die okkulte Symbolik auf dem Artwork von The Constellatory Practice als Referenz an Fire Burning und The Thousandfold Epicentre jener Band. So ist dieses Album vielleicht auch der Abschluss einer Trauerarbeit.