Tribulation_Down_Below_Cover_2018

Tribulation

Down Below

Century Media 2017

Wenn man Tribulation schon live gesehen hatte, bevor sie cool waren, konnte das eine widersprüchliche Erfahrung sein. Zum ersten Mal habe ich die Band 2015 am Temples Festival im englischen Bristol gesehen. Die Schweden hatten nur einen Monat zuvor ihr drittes Album The Children of the Night veröffentlicht, das von Kritikern zwar schnell zum Meisterwerk erklärt wurde, der Band aber noch keine riesige Anhängerschaft beschert hatte. Jedenfalls spielten Tribulation auf der dritten von insgesamt drei Bühnen, einem Blachenzelt im Hof des gemütlichen Industriegeländes, auf dem das Festival stattfand. Es war erst früher Nachmittag und die Strahlen der Scheinwerfer verpufften im frühsommerlichen Sonnenlicht. Trotzdem verfehlten die Musik und die theatralische Show ihre Wirkung nicht. Nur hatten sie in diesem Rahmen auch etwas Absurdes, der Bruch zur profanen Umgebung konnten auch energisch geschwungene Arme und stechende Vampiraugen nicht überspielen.

Ähnliche Erfahrungsberichte liest man nun, da mit Down Below das vierte Tribulation-Album erschienen ist, an verschiedenen Orten. Diese Berichte beschreiben die Vorgeschichte eines Moments, in dem Tribulation langsam dorthin drängen, wo sich ihr pompöser Sound schon lange breitmachen will: in die grossen Hallen, oder gar Arenen und Stadien. Down Below ist dieser Drang anzuhören wie keinem ihrer Alben zuvor.

Und die Hallen werden grösser. Gerade sind Tribulation mit Arch Enemy und Wintersun in Europa unterwegs. Im Vergleich zu diesen Bands ist Tribulation ein kommerzieller Zwerg, doch vom musikalischen Anspruch her kann der verpoppte und mit Kitschlack überzogene Melodeath jener Bands kaum mit der Retro-Trickkiste von Tribulation mithalten. Trotzdem überrascht die Zusammenstellung nicht, bestehen doch klare musikalische Verwandtschaften: generell in den pompösen Gesten und dem schonungslosen Einsatz auslandender Melodien, aber auch spezifisch mit dem Horroreinschlang in den symphonischen Keyboards und dem Gesang bei Wintersun, oder dem Gewicht auf der raspelnden Stimme in Kombination mit teilweise lieblichen Twingitarren bei Arch Enemy.

Dass Tribulation auf dieser Tour einige Fans hinzugewinnen, scheint daher gewiss. Aber ist die deutsche Mainstream-Metal-Maschinerie, in die sich Tribulation mit dem Wechsel zu Century Media schon bei The Children begeben hatten wirklich das Biotop, in dem die Band gedeihen soll? Kann man das kommerzielle Kalkül hinter dieser Tour als Ausverkauf sehen, oder ist sie eher ein notwendiges Mittel, um diesem Sound zu der Arena zu verhelfen, nach der ihm gelüstet und die er zu seiner Entfaltung braucht? Subkultur, so sagte Tribulation-Gitarrist Jonathan Hultén gegenüber dem Onlinemagazin Noisey, könne auch ein Gefängnis sein.

Nun, Tribulation haben ihren Sound für Down Below zwar spürbar aufgeputzt, aber deshalb von kommerzieller Anbiederung zu sprechen, wäre schnellgeschossen. Denn was die Produktion an Schlagkraft und Schärfe gewinnt, wird auch mit Substanz im Songwriting gefüllt. An ihrem Kurs haben Tribulation seit The Children kaum etwas geändert, doch sie haben diesen verfeinert und darauf eine scheinbar unbeirrbare Sicherheit gewonnen.

Im Vergleich etwa zu einer Band wie Wintersun wird deutlich, wieso Tribulation zur Speerspitze des zeitgenössischen Metal gezählt werden. Beide Bands gehen vom melodischen Einschlag des Göteborger Death Metal aus. Wintersun erweitern diesen zwar auch mit Einflüssen aus Power oder Folk Metal sowie mit Progrock-artigen Songstrukturen, doch sie überlagern ihn letztlich vor allem mit symphonischem Bombast aus der Studiokonserve. Das ist wie wenn Metallica mit einem Orchester zusammenspannen – das Produkt vermag die Beschränkungen der eigentlichen Songs nicht zu sprengen.

Auf The Horror, ihrem ersten Album von 2009, blieben Tribulation dem punkigen Groove und charakteristischen Raspeln des schwedischen Death Metal noch treu, tauchten diese aber bereits in eine schwarzgeschwängerte Gruselatmosphäre. Doch richtig seziert haben sie ihre stilistische Herkunft erst auf The Formulas of Death, das im Nachhinein betrachtet wie eine kolossale Spielwiese für all die überbordenden Ideen aus Prog und Psych Rock, Gothic und Post-Punk oder Soundtracks von Horrorfilmen wirkt, die Tribulation in der Folge in konzisere Strukturen gegossen haben.

Die psychedelischen Zerstreuungen von The Formulas haben sich mittlerweile zerstäubt, aber der unorthodoxe Spielwitz ist bei Down Below geblieben. In «The Lament», der das Album eröffnet, bleibt erstmal der Gesang der Herr im Vampirschloss. Über einem treibenden Rockbeat und einem melodischen, zeitweise leadgetragenen Riff stösst Johannes Andersson seine typischen Spuk-Growls aus; in der Bridge dreht sich ein unheimlicher Piano-Loop um eine lauernde Gitarre, bevor diese aus Black-Metal-Riffing einen Teppich zu weben beginnt. Dieser Teil ist Vorhall auf «Lacrimosa», den härtesten und am stärksten dem Black Metal verpflichteten Song des Albums.

Einen schlechten Song sucht man auf Down Below vergeblich; spektakulär wird es aber vor allem dann, wenn die Gitarren von der Leine gelassen werden, sich die Köpfe der Hydra winden und mehren. Bereits im Solo des zweiten Songs «Nightbound» schlendert die Gitarre durch einen psychedelischen Lauf, unter dem sich langsam eine ganze Welle von solchen bahnbricht, die die Anführerin in einen Van-Halen-mässigen Schlenker treiben.

Generell gilt: Wenn Tribulation ins Solo einbiegen, geht es immer um die Wurst. Am schönsten glänzen die Gitarren im monumentalen «Cries from the Underworld». Gegen Ende hin bricht der Song ab, man könnte meinen, er sei schon dort angekommen, da hallt eine Glocke durch den Raum, bevor die Gitarren gemeinsam einbrechen und sich gegenseitig durch herzerwärmende Läufe jagen.

Die Texte von Tribulation enthalten viel schlagwortiges Generewerk, man kann ihnen aber auch ein Gender-Kränzchen winden. In «Lady Death» stellen die schwarzromantischen Dandys der zuweilen misogyn gefärbten Zerstörungswut des Death Metal eine ihrer unbarmherzigen Göttinnen entgegen: «Black Madonna / Release your unbridled rage upon my soul». Dann fiedeln sich Adam Zaars und Jonathan Hultén durch einen ekstatischen Gitarrenchor und man kann sich schon vorstellen, wie sie dazu leichenblass und in engen Hosen androgyn über die Bühne tänzeln.

Down Below ist ein Gitarrenalbum, das ist klar. Doch gerade auch, weil die Gitarren von anderen effektvollen Elementen in Szene gesetzt werden. «Subterranea» wird erst von einem Piano-Riff in Stimmung gebracht, bevor die Gitarren darüber fräsen. Das wortlos geklimperte und von schaurigen Synthesizern verwehte «Purgatorio», welches das Album in der Mitte trennt, klingt, also wollte es uns in einen von Alpträumen geplagten Schlaf einlullen. Und im spektakulären Finale «Here Be Dragons», das in seinem überbordenden Aufbau an The Formulas erinnert, schmücken neben einem charmanten Glockenspiel subtile Streicher das Arrangement.

Obwohl die Songs auf Down Below viel direkter geschrieben sind, kann man es mit dem im letzten Jahr erschienenen Pallbearer-Album Heartless vergleichen. Wie Tribulation stiessen auch Pallbearer aus einer Metal-Nische zu einem breiteren Publikum vor, ohne sich diesem anzubiedern. Beide Alben machen mit einem komplexeren Songwriting und einer versierteren Produktion in dieser Richtung einen Sprung. Während Heartless aber zugleich auch verworrener ist und ärmer an belohnenden Momenten, ist Down Below voll davon. Zwar hat das Album auch seine geduldigen Momente, neben dem instrumentalen Zwischenspiel vor allem die majestätische Hymne «The World». Über dem minimalistisch pumpenden Schlagzeug von Oscar Leander schwellen die Gitarren und Orgeln an und im Refrain legt Andersson nur noch ein beschwörerisches Summen darüber.

Doch meist kommt Down Below direkt auf den Punkt, die Hooks waren bei Tribulation nie schärfer und bombastischer Inszeniert als auf diesem Album. Zu dieser Kurzangebundenheit passt eine interessante Tendenz: Seit The Formulas werden Tribulation-Alben immer kürzer, Down Below verfügt über eine volle halbe Stunde weniger Material als jenes. Es scheint fast so, als würden Tribulation nun einfach mehr Ideen auf engerem Raum verdichten.

Das gibt Qualität, aber auch Enge; Verspieltheit und eine gewisse Kauzigkeit, die vor allem The Formulas, aber auch noch The Children einen unverwechselbaren und berührenden Charme verliehen haben, drohen auf Down Below zeitweise von den Fliehkräften der arenastarken Megasounds erdrückt zu werden. Tribulation sind genug versierte Songwriter, um der Gefahr der Verflachung mit gutem Material entgegenzuwirken. Doch für noch einmal The Children reicht das für eine solche Band dann auch nicht mehr.