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The Flight of Sleipnir

Skadi

Eisenwald 2017

Es ist ein Dröhnen und Singen in der Wüste, in den Bergen und den angelegenen Dörfern… äh, Städten. Synkretistischer Metal, auf dem Fundament von Sludge und Doom Metal, mit Elementen von Black Metal bis Psychedelic Rock, hat Konjunktur in den USA. Bands wie Khemmis, Inter Arma oder Graves At Sea haben allein im letzten Jahr herrlich rhapsodische Alben vorgelegt, auf denen Vintagerock schroffe Riffs umgarnte. Mit Alben wie Lore (2010), Saga (2013) oder V. (2014) schlugen The Flight of Sleipnir (TFOS) ebenfalls in diese breite Kerbe.

Und trotzdem steht das Duo aus Arvada, einem Vorort Denvers, bis heute etwas abseits des blühenden Felds. Die genannten Bands sind bei Profound Lore, Relapse oder 20 Buck Spin, allesamt Labels mit einem reichen Angebot an eklektizistischem Wüsten-Metal, unter Vertrag. TFOS hingegen haben einen Label-Parcours durch Deutschland und Österreich absolviert, der sie auch an der zweifelhaften Adresse No Colours Records vorbeiführte. Ihr neustes Werk Skadi erschien nun bei Eisenwald Tonschmiede, das sich vor allem durch sein Gespür für aufregenden Black Metal auszeichnet.

Das passt ganz gut zu einer Band, die sich in mancher Hinsicht wie eine Black-Metal-Band verhält. Und die, wie in verschiedenen Interviews hervorgehoben, Wert darauf legt, dies auch weiterhin tun zu können. Da wäre zum einen die eigenbrötlerische Arbeitsweise der beiden fixen Mitglieder David Csicsely und Clayton Cushman, die Skadi wie alle Alben der Band im Heimstudio produzierten und die Artworks gestalteten. Und TFOS haben einen Fetisch für Runen und Riten im Fackelschein. Ihr erstes Konzert spielte die Band 2008 zur Wintersonnenwende. Seither spielen TFOS jährlich zu diesem Anlass.

Doch aus Skadi grölen keine Wikinger. An den rauen Stellen, am markantesten zu Beginn von «Tenebrous Haze», erinnert die Kombination von doomigen Riffs und raspelndem Keifen an die ebenfalls aus Colorado kommenden Cobalt. Doch auch hier, wo TFOS ihre Verbindung zum Black Metal am deutlichsten machen, fühlt sich das niemals dunkel oder sperrig an, eher erhebend und leicht wie bei Alcest. Folkige Abschnitte mit entrücktem Klargesang, der an die Black-Metal-Trilogie von Ulver erinnert, sowie Pink-Floyd-Zitate in Solos und Leads, verleihen den im Schnitt zehnminütigen Songs Farbe und Dynamik. Doch Skadi überzeugt nicht nur als kunstvolles Gewirk aus kontrastreichen Texturen. Auch weil seine mantrisch wiederholten Riffs und Melodien für sich stehend funktionieren, ergeben sie in ihrer Summe epische Werke. So auch «Earthen Shroud», das mit Hammond, Rasseln und wabernden Basslines beginnt und dessen zweite Hälfte ätherische Vocals und glänzende, einander umgarnende Co-Lead-Gitarren verzieren.

Aufgrund ihrer Obsession mit nordischer Mythologie lassen sich TFOS der lyrisch bestimmten Kategorie des Viking Metal zurechnen, die in den 90er Jahren aus den Black- und Death-Metal-Szenen Skandinaviens hervorging. Die Geschichte der Wikinger-Rezeption in Rock und Metal reicht jedoch lange vor die Zeit der brennenden Kirchen in Norwegen zurück. Seit dem «Immigrant Song» (1970) von Led Zeppelin, entstanden unter dem Eindruck eines Island-Besuchs der Band, hat sie sich in verschiedener Hinsicht als zweischneidiges Schwert erwiesen. Stoffe der isländischen Edda und anderer, meist im christlichen Mittelalter niedergeschriebener Texte inspirierten Iron Maiden, Manowar, Bathory und Amon Amarth zu cineastischen Bild- und Bühnenwelten. Flügelhelme, Drachenboote und Trinkhörner befestigten sich nach und nach im Imaginären des Genres. Wo das Thema zu starken Einfluss auf die Musik gewann, wenn Schlacht- und Trinkgesänge in volkstümliche Melodien gepackt wurden, rutschte das Ganze ins comichaft Fasnächtliche ab. Mit dem Boom keyboarddudelnder Pagan-Metal-Bands wie Ensiferum oder Equilibrium trieb dieser Zweig in den 2000er Jahren seine grellfarbigen Blüten.

Durchaus ernstgemeinte Verwendung fanden Figuren und Motive aus mythologischen Stoffen zuvor schon im Black Metal, wo der auf einen imaginierten, völkisch konnotierten Ur-Raum bezogene Ahnen- und Schollenkult nebst Satan zum zweiten wichtigen Bollwerk im ausgerufenen Kampf gegen die christliche Kirche wurde. An den Rändern dieser Sumpfgebiete formierte sich jedoch auch eine Gilde musikalisch und lyrisch vorwärtsdenkender Bands, die den Black Metal um Elemente aus weniger extremer Musik erweiterten und die alten Texte emphatisch bearbeiteten. Bekannte Vertreter des anspruchsvollen, mit nationalen Musikpreisen dekorierten und in der internationalen Popkritik gelobten Viking Metal aus Norwegen sind Enslaved, Solefald oder Helheim.

TFOS stellen sich in diese Reihe philologisch motivierter Bands, wenn sie auf ihrer Facebook-Seite die Zielsetzung ihres Bandprojekts beschreiben: «A musical interpretation of the writings of poets long since gone». Zwei Stimmen, die TFOS schon empfohlen haben, illustrieren, in welchem Spektrum der Anschlussfähigkeit ambitionierter Viking Metal steht: Das Album Algiz+Berkanan (2009) fand 2010 Eingang in den Musikblog des rechtsextremen Musikers Rob Darken, ehemaliger Label-Kollege der Band bei No Colours und Kopf von Graveland, wo er selber gerne über martialische Sagen radebricht. Drei Jahre später kürte der Blog des musikalisch und ideologisch progressiven Roadburn Festivals Saga zum «Album of the Day».