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The Dillinger Escape Plan

Dissociation

Cooking Vinyl 2016

Im frühen 20. Jahrhundert versuchten expressionistische und futuristische Maler wie Ludwig Meidner und Umberto Boccioni, das moderne Grossstadtleben und seine typischen Atmosphären visuell darzustellen. Es entstanden fiebrige Gemälde, die Beschleunigung, Komplexität, Nervosität, Reizüberflutung und eine mal zukunftseuphorische, mal apokalyptische, mal in der Euphorie apokalyptische, mal in der Apokalyptik euphorische Stimmung zum Thema hatten.

Was Meidner und Boccioni in den 1910er und 20er Jahren für die Avantgarde-Malerei leisteten, leistete die 1997 gegründete, 2016 aufgelöste US-amerikanische Mathcore-Band The Dillinger Escape Plan im späten 20. und frühen 21. Jahrhundert für die subkulturellen Nischen der Popmusik: Sie schuf akustische Historiengemälde des gegenwärtigen urbanen Lebens in Zeiten von Globalisierung, Hybridisierung und Digitalisierung – Zeiten mithin, in denen Gattungen, Genres, Stile, aber auch Haltungen, Ideologien und Mentalitäten nicht wie im modernistischen Schubladendenken voneinander getrennt, sondern in ständiger Auseinandersetzung begriffen sind, einander anziehend, abstossend, erneut anziehend, erneut abstossend, und immer so weiter. Die aus New Jersey stammende Band knüpfte dabei mit neoexpressionistisch-neofuturistischem Gestus an das an, was John Zorn in New York City, Black Flag und Mr. Bungle in Kalifornien, Botch und The Melvins in Washington initiiert hatten: die Kombination der Virtuosität des Jazz und freier Improvisationsmusik mit der Intensität harter Rockmusik.

Bei The Dillinger Escape Plan zielte diese Verknüpfung nicht, wie in manchen Formen des Multikulti-Crossover, auf die Möglichkeit von Harmonisierung ab. Die Klangwelt der Band ist vielmehr geprägt von einem nervösen, fragilen, von Aggressivität, Unbehagen, Angst und Zweifel, aber auch von Ekstase und überquellender Lebenslust durchzogenen Spannungsverhältnis. Die Klammer all der Einflüsse aus Metal, Jazz, Hardcore, Punk und elektronischer Musik, die bei The Dillinger Escape Plan wie in einem künstlichen Zyklon durcheinanderwirbeln, bildet das Extrem – als wollten die Musiker Eric Hobsbawms These vom 20. Jahrhundert als «Zeitalter der Extreme» auf affirmative Weise in Klang meisseln und zugleich in eine analytisch-ästhetische Distanz rücken.

Die Band frönt niemals gänzlich der Enthemmung, niemals gänzlich dem Chaos. Sie rechnet vielmehr mit dem Chaos, sie rahmt die Enthemmung, sie ordnet das Disparate, sie dressiert das Wilde, ohne es zu verniedlichen oder sonst wie zu verharmlosen – kurz, sie sublimiert das Extreme in einer Ästhetik des Extremen. Es gilt, die Spannung nicht aufzulösen. Sondern auszuhalten.

Das im Oktober 2016 auf Cooking Vinyl erschienene Album Dissociation, mit dem die Band zugleich ihre Auflösung bekannt gab, fasst wie in einer finalen Synthese zusammen, was The Dillinger Escape Plan auszeichnete. Dissociation ist kein grosser Wurf und fügt dem Gesamtwerk seit der Debüt-EP The Dillinger Escape Plan (1997) wenig Neues hinzu. Der Song «Manufacturing Discontent» etwa beinhaltet das für The Dillinger Escape Plan typische Wechselspiel von elegischen Emocore-Gesangslinien und im Stakkato gekeiften, antigroovebetonten Passagen.

Mit «FUGUE» ist auch ein komplett instrumentaler Elektronik-Track, wie er in Ansätzen bereits auf Calculating Infinity (1997) zu hören war, enthalten. Damit schliesst sich auch der Kreis zu Refuseds Album The Shape of Punk to Come (1998), das für das Hardcore-Punk- und Mathcore-Genre Massstäbe setzte und ebenfalls ein elektronisches Instrumental beinhaltete. «Wanting Not So Much To As To» wartet mit den vertrauten, Jugend-forscht-würdigen krummen Taktzahlen und trockenen Licks auf, mündet in ein wattig-jazziges Schlagzeugsolo, welches alsbald in ein jäh zerhacktes, melancholisches Zupfmuster, wie man es häufig auf Dillinger-Escape-Plan-Alben findet, übergeht.

Dissociation ist somit kein Meilenstein, sondern ein würdiges Epitaph auf dem Schaffen einer Band, deren grösster Verdienst es ist, extreme Musik auf so kompromisslose wie intelligente Weise einem grösseren Publikum zugänglich gemacht zu haben. Dass die Band sich zunehmend dem Zwiespalt ausgesetzt sah, einerseits das Radikale und Neue zu suchen, und andererseits eine unüberhörbare, unübersehbare Sicherheit, Souveränität und Routine im Umgang mit ebenjenem Radikalen und Neuen erreicht zu haben, machte die «dissociation», die Auflösung, wohl unausweichlich. Es spricht für The Dillinger Escape Plan, einen Schlussstrich gezogen zu haben, anstatt noch einmal künstlich an der Radikalitätsschraube zu drehen oder die Band fester im Mainstream zu verankern.

Im Interview mit dem Autor im September 2016 sagte Ben Weinman, einzig verbliebenes Gründungsmitglied, Gitarrist und kreativer Kopf der Band: «Wir sind als Individuen mit dieser Band aufgewachsen und nun an einem Punkt angelangt, an dem wir unsere Mitte gefunden haben (felt centered). Wenn man jung ist und eine Band gründet, schreit man der Gesellschaft ins Gesicht und zeigt mit dem Finger auf sie. Eine Band ist ein grossartiges kathartisches Medium für frustrierte junge Menschen. Das neue Album ist aber eher ein Blick nach innen. Es dreht sich weniger um Wut auf die Dinge da draussen als vielmehr um die Dinge in uns, die wir nicht kontrollieren konnten. Und irgendwie fühlte es sich dabei an, als seien wir erwachsen geworden und als sei nun Zeit für etwas Neues.»


Jörg Scheller ist Kunstwissenschaftler, Journalist und Musiker. Er lehrt an der Zürcher Hochschule der Künste und seine Rezensionen und Essays erscheinen regelmässig unter anderem in der «Zeit» oder der «Süddeutschen Zeitung». Zu seinen Forschungsgebieten gehört neben dem Bodybuilding auch der Heavy Metal. Als Musiker ist er an diversen experimentellen Projekten beteiligt, eines davon ist der Heavy-Metal-Lieferservice Malmzeit.