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Tardigrada

Emotionale Ödnis

Eisenwald Tonschmiede, 2016

Sex und Tod – diese zwei der drei wichtigsten Themen der Menschheit seien im Metal bisher schon beinahe erschöpfend abgehandelt worden. So lautete die satirische Analyse des Kunstwissenschaftlers und Metalforschers Jörg Scheller bei einem Auftritt seines «Heavy Metal Lieferservice» Malmzeit in Zürich. Nur ein Thema fehle noch: das Wetter. Darum hat sich das Spass-Duo auf Texte über das Wetter spezialisiert.

Nun, nimmt man das Wetter als den profanen Äther des Lebens, als letzten Stoff, der einem an sich gescheiterten Gespräch noch bleibt, dann stimmt es sogar, dass der Metal damit wenig am Hut hat. Die unmittelbare Lebenswelt, das Alltägliche, hat den Metal nie interessiert, oder zumindest nicht im Zugang eines dokumentarischen Realismus. In seiner epischen Zuspitzung aber, in Szenarien überfallartiger Racheakte der Natur am Menschen etwa, hat vor allem der Black Metal sehr wohl einen Sinn für das Wetter (im Bereich der Wintermusik spielt er vielleicht sogar die erste Geige).

Den Black Metal zieht es nach draussen. In seiner Sehnsucht nach «der Natur» streift er immer wieder durch menschenverlassene Landschaften. Und diese sind – nicht zuletzt – definiert durch: das Wetter. Oder was sonst macht die spezifische Differenz aus zwischen dem lebensfeindlichen Permafrost bei Immortal und der saftigen Lebendigkeit urtümlicher Wälder bei Wolves in The Throne Room? Die Wetterverhältnisse überziehen wie eine Tapete die Sehnsuchtsorte des Black-Metal-Universums.

Auch «Emotionale Ödnis», den Erstling der Schweizer Black-Metal-Band Tardigrada, kann man als Wetter-Album sehen. Explizit natürlich, wenn man nach dem Text von «E Sturm zieht uf» geht, seinem ersten eigentlichen Song. Doch auch, und das kann man an einem atmosphärischen Black-Metal-Album wie diesem sehr schön beobachten, im Sinne seiner Soundökologie, seinem Gefühl für das Verhältnis von Raum und Klang. Black Metal braucht Raum, um Klänge sich ausbreiten, hallen und schwingen zu lassen. Natürlich zeichnet sich jede musikalische Aufnahme durch eine solche Konfiguration aus, doch selten tritt der Raum so markant hervor wie in den kontemplativeren Bereichen des Black Metal.

Bei Tardigrada haben wir es nun angeblich mit einem aufziehenden Sturm zu tun (passend auch, weil «Wetter» vom althochdeutschen Wort «wetar» kommt, das Wind bedeutet). Wobei, wenn man auf den soundökologischen Aspekt eingeht, müsste man jenem Songtitel gleich einmal widersprechen: Die Ökologie dieses Albums ist weniger die Spannung vor, als eben die Ödnis nach dem Sturm (wobei also der Albumtitel wieder Recht hätte). Bei all seinen meisterhaft aufgezogenen Spannungsbögen und Entladungen: «Emotionale Ödnis» ist ein postkoitales Black-Metal-Album. Es beginnt da, wo der Höhepunkt gerade abzuklingen beginnt.

Davon zeugt bereits der Anfang des Albums: eine Lücke eigentlich, eine nur mit einer Nummer betitelte Miniatur, in der eine nackte Gitarre sanfte Arpeggien zeichnet. Ein Zwischenspiel ohne Zwischen, wie sich gleich zeigen wird. Denn ein solches Zwischenstück folgt auf jeden der mindestens acht Minuten dauernden Songs. Zwar nicht am Ende, dort steht passenderweise «Verfall», ein monumentaler Schlusspunkt mit einem Ausklang aus sanften Sturmgeräuschen. Dieses Album dreht sich nicht um einen geladenen Nukleus, einen Punkt der Dichte, der im Sturm zu platzen droht, sondern um die Leere.

Im Klangspektrum nicht weit entfernt von jenen Sturmgeräuschen sind die verwaschenen Gitarren, die sich in «E Sturm zieht uf» zunächst in weiten Bögen über einem schleppenden Schlagzeug wiegen. Zusammen mit der dumpf ratternden Bassedrum setzt auch der Gesang ein, weniger als Einschnitt denn als langsames Hineinsickern ins Klanggefüge. Gleichen Geistes sind auch die hallgeschwängerten Trommelschläge, die eher pulsieren als knallen. Hier gibt es nichts, was beisst oder kratzt, die Töne können widerstandslos fliessen, ohne sich aneinander zu reiben.

In der Vorstellungskraft nimmt ein Raum Gestalt an, durch den sich Klangschwaden von einem unsichtbaren Epizentrum aus über eine Ebene hinweg ausbreiten und sich gegen den Horizont hin verflüchtigen. Diese Musik will nicht überwältigen, sie ist getrieben von einer Bewegung der Flucht, einer Sehnsucht nach Selbstauflösung. Wie ein Sog, der die Luft nach dem Sturm aus dem Raum saugt.

Wieso also, kann man sich fragen, geben Tardigrada sich diesem Drang nicht einfach hin und zersetzen die Songstrukturen in reinen Ambient? Weil in diesem Album eben auch eine mächtige Gegentendenz am Werk ist, durch die es in greifbaren Strukturen gehalten wird: ein Drang zu unwiderstehlichen harmonischen Hooks. Die schwindelerregende Schärfe, mit der Tardigrada diese treffen und mit unzähligen weiteren guten Riffs verbinden und aufbauen, gibt diesem Album seine Seele.

Nicht, dass die Songs an diesen Stellen explodieren würden – das liegt ihnen wie gesagt fern. Eher bäumen sie sich mit ihrer ganzen Gestalt majestätisch auf, um sich dadurch umso tiefer ins Herz zu bohren. Vielleicht erzielen sie ihre Wirkung gerade dadurch, dass sie sich von der allgemeinen Soundökologie des Albums nicht abheben, sondern fest in ihr verwurzelt sind. Jedenfalls verlieren sie ihre emotionale Spannkraft auch nach unzähligem Hören nicht.

Man muss diese Hooks nun auch gar nicht genau beschreiben. Aber aufzählen kann man sie – im Bewusstsein, dass man die Strukturen auch anders lesen kann. Man könnte sie zum Beispiel an folgenden Stellen hören (Minutenangaben, in Minimalausführung, die stärksten mit «!» markiert):

«E Sturm zieht uf»: 0:57, 5:07 (!)
«Die Wand»: 8:36 (9:03, 9:30, 9:57)
«Erschöpft»: 1:30 (4:58), 1:54 (5:22)
«Emotionale Ödnis»: 2:55 (!), 7:01
«Verfall»: 3:37

Und der Sturm? Das sind die bösen Gedanken, die vorher einmal in deinem Kopf gewütet haben und nun wie weggeblasen sind.