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Sutekh Hexen

Salem

GreySun Records, 2016

Es ist eine erstaunliche Geschichte, die zu diesem Album geliefert wird: Sutekh Hexen traten an diesem Abend des Jahres 2014 im Wisp House in Salem, Oregon auf. Das Konzert war schon lange zu Ende, die Leute führten noch Gespräche oder hatten sich schon schlafen gelegt, als vom Konzertkeller plötzlich erneut Musik zu hören war. Langsam versammelten sich die von Neugier getriebenen Leute wieder im Raum, darunter auch Mateo Garcia von GreySun Records, einem Label, das vorwiegend auf analoge Veröffentlichungen von Black- und Death-Metal-Bands setzt. Mateo schaltete seinen kleinen Field-Recorder ein und nahm auf. Dabei entstand das Livealbum Salem.

Mit Salem ergänzt das mysteriöse Kollektiv Sutekh Hexen aus Oakland, Kalifornien seine düstere Geschichte um ein weiteres irritierendes Kapitel. In der achtjährigen Schaffensphase der Band haben sich A.C. Way, Joshua Curchill, Kevin Gan Yuen und Ryan Jencks mit harschen Dronewänden und experimentellem Noise – der auch gerne mal in den Black Metal abgleitet – international einen Namen gemacht.

Dass aus der Situation im Wisp House ein sauberes Album mit sechs Songs geworden ist, ist auch James Plotkin zu verdanken, der für das Mastering verantwortlich war. Der umtriebige Produzent ist schon seit langer Zeit für den klanglichen Feinschliff von unzähligen grossartigen Bands zuständig, darunter Horseback, Jon Mueller, Thou und Sunn O))). Bei den experimentellen Doom-Pionieren Khanate spielte Plotkin – neben Stephen O’Malley – ausserdem selber Bass.

GreySun Records hat die Aufnahmen auf einer auf fünfzig Stück limitierten Kassette veröffentlicht, die Vinylversion übernahm St. Roch Av. Recordings. In seinen wenigen, fein ausgewählten Veröffentlichungen zeigt dieses Label generell einen Hang zum Obskuren. Ein Beispiel: Von der Black-Metal-Band Wolves in the Throne Room ist darauf eine auf 509 Stück limitierte Kassetten-Edition einer Liveaufnahme erschienen, versehen mit dem Hinweis, Cover und Verpackung nach dem Öffnen zu verbrennen.

Auch die limitierte Version von Salem wurde mit viel Liebe zum Detail gestaltet: transparentes, grau marmoriertes Vinyl, sechs grosse Poster mit zeichnerischen Interpretationen der einzelnen Songs des Künstlers Grady Gordon und ein dickes, mit einem versiegelten Band umhülltes Kartoncover.

Wer die bisherige Entwicklung der Band kennt, wird auf Salem erneut ihrer Wandlungsfähigkeit begegnen. Wenige Bands erschaffen solch beklemmende, verdichtete Werke wie Sutekh Hexen. Das Besondere an Salem ist seine Wirkung aus dem Moment, die sich auch daraus ergibt, dass die Aufnahme weder übermässig bearbeitet, noch nachträglich mit weiteren Spuren ergänzt wurde. So folgen wir einzig der Improvisation des Kollektivs, die Eigendynamik der Musik gewinnt gegenüber den Studioalben an Bedeutung.

Die ersten zwei Stücke «Black Mirror» und «Visitor» legen subtile Grundsteine für das ganze Album, während «A Nameless Knot» mit seinem abrupten Anfang überrascht, in dem sich Wummern, Verzerrung und hohes Gepfeife wie zu einem fesselnden Hörspiel verbinden. Die letzten drei Stücke der Platte bilden dann eine Art rituellen Zerfall. Bei «To Reveal» schälen sich Mönchsgesänge langsam aus der Lärmwand heraus, werden immer präsenter, ganz so, als ob sie einer halbstündigen Liturgie des Lärms ein Ende bereiten möchten.

Dann geschieht etwas: Die Songs verlieren über die Dauer der Platte stetig an Intensität, das Ende wirkt sogar etwas unvermittelt. Dies ist leider eine Schwäche von Salem: Die Band lässt das Eintauchen in den heftigen, bebenden Drones, deren Evolution durch Repetition vorangetrieben wird, nur für kurze Zeit zu. In diesen spannenden Momenten, in denen interferierende Frequenzen beginnen selber neue Töne und Geräusche hervorzubringen, kehrt das Album etwas verfrüht zum Ruhepunkt zurück und unterbricht abrupt das akustische Erlebnis. Stattdessen hätte es gut noch eine Weile weiter dröhnen können.