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Soldat Hans

Es taut

Wolves and Vibrancy 2018

Als Diagnose des gesellschaftlichen Klimas hat «Es taut», der Titel des im Frühling erschienenen Albums von Soldat Hans, gerade nicht den schönsten Beiklang. Wenn politische Nachzehrer wie die Basler FasnächtlerInnen, die ihren rassistischen Gildennamen für schützenswertes Erbe halten oder Nazis, die in Chemnitz hitlergrüssend neben «besorgten Bürgern» marschieren, wenn in grossen Tageszeitungen geäusserte Träume von der «Erlösung» Ostdeutschlands (NZZ) und der «schöpferischen Wende» durch «grosse politische Figuren» (Tages-Anzeiger) das sind, was zum Vorschein kommt, wenn das ewig geglaubte Eis schmilzt, hätte dann dieses Eis nicht einfach bleiben können? Ewig vielleicht?

Dazu muss man sagen, dass die Wirklichkeit mit dem apokalyptisch heissen Sommer und den in ihn hineinfallenden Hirnverbranntheiten das Album der Winterthurer gewissermassen überholt hat. Aber der Reihe nach.

Es taut beginnt nicht im Eis, sondern im Wasser. «The Story of the Flood» umfasst mit gut 26 Minuten gleich die Hälfte des Albums. Bewegt von einem schleppenden Schlagzeug wabern Hammondschlieren und warme Gitarrenakkorde gut zwei Minuten einher, bis der sonische Starkregen in Form von Bläsern und donnerndem Sludge in den tüppigen Frieden hineinbricht. «As if endings could tell / We would all be well», schreit uns Sänger Omar Hetata da entgegen. Soldat Hans spinnen weiter, was sie 2014 auf Dress Rehearsal begonnen haben: Jammige Rhapsodien von «Downtempo Folk Doom», wie sie ihren Stil selber nennen. Zeitlich und stilistisch uferlos und dadurch auf den ersten Blick etwas beliebig erscheinend, aber stets ihre kompositorische Grandeur enthüllend, gelangen die weiten Spannungsbögen an ihr Ziel.

Die Lyrics von Es taut vermögen auch für sich zu stehen, als rätselhaftes Gedicht über die geschichtsphilosophische Versuchung der erlösenden Katastrophe und der folgenden tabula rasa, auf der alles möglich ist. Sie sind voller Ambivalenz, wobei zumeist der Zweifel überwiegt. «The most sincere thought that I ever had, was when I lied about what will be when that great rain would not come», heisst es in «The Story of the Flood» emblematisch verworren. Und das in einer friedlich-entrückten Passage, die ein bisschen so klingt, als würden Bon Iver mit Pink Floyd jammen.

Überhaupt klingt Es taut an vielen Stellen und besonders in «The Story of the Flood» wie ein Jenseits, mehr Himmel als Hölle, in dem Musikheilige des letzten Jahrzehnts und der Jahrhunderte davor es fidel miteinander probieren. Und das alles unter dem wetterleuchtenden Firmament der historischen Kontingenz. Als Szene könnte das etwa so aussehen: Beirut und Explosions in the Sky in den hängenden Gärten von Babylon. Ein kammermusikalisches Ensemble von Streichern tritt hinzu. Und auf der Marmorterrasse dahinter warten Amenra auf ihren Einsatz.

«Es taut» als Denkfigur der Hoffnung animieren Soldat Hans‘ in ihren Soundmeeren, in denen die Bruchlinien entlang der Stile verschwimmen, aufgeweicht in osmotischen Arrangements und orchestralem Overdub. Wegschmelzen können schliesslich nicht nur der Permafrost über den Zombies, sondern auch Grenzen, Identitäten und andere Verkrustungen. Wenn es taut spült die Gletschermilch dann statt alter Pathologien Blumen ins Tal, die eingeschlossen im Eis auf ihre Befreiung warten, wie auf dem Albumcover. So war es doch eigentlich gedacht.

In der wilden Versuchsanordnung, vom eklektizistischen Ansatz mit Sludge als Basis her vielleicht mit den Konzeptalben von The Ocean Collective vergleichbar, liegen Reiz und Schwierigkeit von Soldat Hans‘ Musik. Die Kälte, windig oder verkarstet, je nachdem, ob sie gerade von Post Rock oder Sludge her kommt, die Idylle von Bläsern und Streichern, die Zerbrechlichkeit von verträumtem Pop, dazu die malmende Kraft von metallischem Drone – das alles zusammenzubringen, muss Ausdauer und Genauigkeit erfordern. Das alles zusammen zu hören, tut es jedenfalls manchmal.

Der homogenste Teil des Albums sind die ersten knapp acht Minuten des zweiten Teils mit dem schönen Titel «Schoner zerbirst». Part I beginnt mit dem liturgisch vorgetragenen Menetekel «Thousands will fall / For all those unsung thoughts / That would tear our selves apart»; Im Gletscher der kommenden Geschichte ist vieles gespeichert, was lieber dort bleiben würde. Musikalisch dominieren wieder modulierte Hammondklänge, hintergründig läutet eine Gitarre, die sich später gar zu einem Solo heraustraut, die wiederholten Gesangshooks entwickeln streckenweise einen poppigen Sog. «No one else should know this», singt das allsehende lyrische Ich, ein lyrischer Weltgeist eher, bevor Part II beginnt.

Zunächst schlägt dann doch noch die Stunde der Stromgitarre – Verpeilte Psychedelic-Rock-Fontänen, erschütternde Drones, aber auch kühles Wave-Geplänkel verschleifen zu einer schillernden Textur. Wieder Pink Floyd, aber auch MGMT oder Opeth auf Damnation kommen in den Sinn, als der Gesang einsetzt. Nach einem Parcours durch Passagen mit bedrohlichem Stakkato, gespenstischen Synthieklängen und zyklopischen Drones klingt das Album auf einem schon bekannten Motiv aus, diesmal glockend auf der Gitarre gespielt. Gesungen in «Schoner zerbirst, Part I»: «No one else should know this.» Neben Soldat Hans‘ kompositorischem Geschick ruft das Ende so auch nochmals den beklemmenden Komplex der Lyrics in Erinnerung. Es taut, aber was das bedeutet, wissen wir gerade nicht. Im Moment käme irgendwie eine Eiszeit gerade recht.