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Slægt

Domus Mysterium

Ván Records, 2017

Welches Blut in den Adern von Domus Mysterium rauscht, zeigt sich ausgerechnet da, wo das Piano übernimmt. Denn die grösste Hook des Albums kommt vom Klavier, im Zwischenspiel «Burning Feathers». Sehnsüchtig ertönt ein Thema, das an einen schaurig gestimmten Yann Tiersen erinnert, im Hintergrund echot die Gitarre, schmiegt sich an Harmonie und Melodiefigur, als wollte sie ihnen ihren Gesang abhorchen. Slægt scheinen auf ihrem neuen Album zu proklamieren: Hört unser Herz aus Pop! Wir wollen süsse Versuchung sein!

Ihrer eigenen Versuchung erliegen die Kopenhagener selber jedoch nur kurz. «Remember It’s a Nightmare» heisst der folgende Song sinnigerweise und mit ihm kehren nach der süssen Melancholie krachend die Riffs zurück. Das ist fast Death Metal, aber mit Grazie statt Grobschlacht, wesentlich mehr Skid Row als Bolt Thrower.

Wie Slægt den Metal sehen, darüber sagt neben seinem Intermezzo auch das Intro von Domus Mysterium einiges aus. Wenn «Burning Feathers» den federleichten Pop verkörpert, lässt «Succumb» einen anderen Jagdgrund des Metal, insbesondere des Black Metal, der ja bei allen anderen Referenzen immer noch die Substanz von Slægt ausmacht, zu Ehren kommen: das sehr Alte.

Ein schunkelndes Motiv evoziert einen mittelalterlichen Spielmann, wird dann von Powerchords und Zwillingsgitarren aufgenommen, bevor Triangel-Klänge die Grenze zum Thrash-Hit «I Smell Blood» markieren, in dem Slægt im Wesentlichen das Motiv von «Succumb» modulieren. So vergehen die ersten acht Minuten des Albums voller Neoklassizismus an der Schwelle zu Ruinen- und Fledermausromantik, wie er Iron Maidens Gitarrenskalen und die Bildästhetik von Black Sabbath und Black Metal inspirierte.

Wie die Death-Metal-Vampire Tribulation ertränken Slægt die Grandeur jedoch nicht in Heroik oder Kitsch. Pathos wird auf Domus Mysterium stets von etwas Zerbrechlichem, aber auch von etwas Tückischem gebrochen. So als würden auf einem Gemälde einer bourgeoisen Landpartie im Hintergrund ein paar ausgemergelte Clochards einen gut betuchten Spaziergänger erdolchen.

Trotz Hang zur erhabenen Geste: Beim ersten Hören macht erstmal stutzig, wie leicht Slægt dieses Album gefallen zu sein scheint. Als wäre hier jedem Einfall vertraut worden, wirken Elemente der Songs oft wie Rohversionen von Riffs oder Melodien, die für sich und im Arrangement mit anderen Elementen noch verfeinert werden könnten. Zum Beispiel bei «I Smell Blood», das vom thrashig schunkelnden Refrain über die Blastbeatpassagen bis zum Solo-Geblitze im letzten Drittel stürmisch, aber immer auch etwas krumm und ungehobelt klingt. Oder bei «Egovore», wo die wetteifernden Gitarren von Oskar J. Frederiksen und Anders M. Jørgensen in einen unkontrollierten melodischen Sturzflug fallen, bevor sie im letzten Moment von triumphalen Schlussakkorden aufgefangen werden und von einem Tutti wie eine Champagnerdusche übergossen werden. Slægt sind kultivierte Unkultiviertheit, rohe Dekadenz.

Den oberflächlichen Charakter roher Natur erhält Domus Mysterium auch dadurch, dass Slægt sich auf ein Minimum an Effekten beschränken (Frederiksens Vocals kriegen etwas Hall). So unverzerrt und ungefiltert wie das in einem Metalsetup eben möglich ist, sprudeln die Gitarren aus den Marshall-Amps. Oft klingen die Songs wie live im Proberaum aufgenommen. Ganz nah zoomt die trockene Produktion an die Instrumente heran, bis man das Raspeln der Plektren auf den Saiten hört und die Druckwellen der manchmal etwas aufdringlichen Bass Drum zu spüren glaubt. Domus Mysterium ist auch exhibitionistisch, ein Zeigen was man hat.

Demgegenüber war Ildsvanger von 2015 ein perfektes, vernebeltes und introvertiertes Old-School-Black-Metal-Album. Ein Wiedergänger von Ikonen wie Darkthrone, Ulver oder Beherit, ein stilisierter Wiedergänger aber, mit Linien und Vierecken statt Wurzeln und Wäldern auf dem Albumcover. Auf der EP Beautiful And Damned winkten dann noch im gleichen jahr plötzlich föhnfrisiert die 80er. Slægt inszenierten sich als verwilderte Wunderkinder aus dem Metal-Bildungsbürgertum, frönten dem Jugend- und Geniekult.

Auch 2017 setzen sie an dieser Stelle ein. Doch das urwüchsige Temperament, das hier so spontan zu sprühen scheint, ist reflektiert und aufgeladen, davon zeugt nicht zuletzt die Referenz zu Mayhems De Mysteriis Dom Sathanas im Albumtitel. Die von Domus Mysterium ausgestrahlte Leichtigkeit basiert neben entwickelten technischen Fähigkeiten auch auf der Einverleibung früherer Wiedergänger. Denn auf Beautiful And Damned und Domus Mysterium praktizieren Slægt etwas Ähnliches wie etwa Darkthrone, die schon vor einer Dekade Punk und Urmetal aus den Gruften des Black Metal heraufbeschworen haben. Das macht Slægt auch ein bisschen zu Wiedergängern von Wiedergängern, die dadurch eine andere Ebene geschwärzten Heavy Metals erreichen. Weil sie den Zusammenhang von Glam und Black Metal betonen, wirken Slægt verspielter als Satyricons dunkle Hard-Rock-Märsche auf Now Diabolical und ambitionierter als Darkthrones schmutzige New Wave of Black Heavy Metal.

Stücke wie «The Tower» oder «Egovore» kommen fast über ihre ganze Spielzeit (bei beiden etwa acht Minuten) ohne die Ordnung von Lead- und Rhythmusgitarre aus. Bei der verschwenderischen Jeunesse dorée des Black Metal ist darin allerdings kein egalitäres Paradigma zu sehen. Vielmehr herrscht permanenter, in berauschender Dynamik von Beschleunigung und Bremsen ausgetragener Wettstreit. Nur selten leisten sich Slægt die Profanität einer lediglich grundierenden Gitarre, so etwa im abschliessenden «Domus Mysterium». Dreizehn Minuten reine Form wären dann vielleicht doch etwas viel gewesen.