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Schammasch

The Maldoror Chants: Hermaphrodite

Prosthetic, 2017

Als Schammasch im Nachhall von Triangle ankündigten, in Zukunft tiefer in die Welt vordringen zu wollen, in der sie mit dem Ambientteil ihres monströsen Dreifachalbums angelangt waren, weckte das bei mir erstmal Unbehagen. Künftig weniger schwarzeuphorische Metalepen mit Gitarrenglitzer, New-Wave-Grandeur und sakralen Chören erwarten zu dürfen, wog doch schwer. Sollte «Above the Stars of God» das letzte dieser Art gewesen sein, fortan zugedeckt von einer ewig mäandernden Ambient-Lava? Das Unbehagen wollte auch noch nicht verfliegen, als ich nach wiederholten Hördurchgängen von Triangle entdeckte, dass ich den dunklen halbakustischen Klanglandschaften der Basler mehr abgewinnen kann, als ich zunächst glaubte.

Auch wenn die drei Teile von Triangle subtil ineinander verwoben waren, schaffte ich es an einem Stück mit Genuss meistens nur durch die Teile I und II. Der bei all seinem düsteren Pathos doch energetisch überschiessende Metal der ersten Stunde des Albums liess mich stets in einem post-orgasmischen Schweben zurück, von dem ich lieber erstmal nicht, und wenn doch, herunterkommen wollte, indem ich die Musik ausmachte. Selten wollte es mir gelingen, ausreichend Reserven für den vordergründig ruhigen, dabei jedoch hochkomplexen Teil III zu mobilisieren. Dieser funktionierte für mich besser als Album im Album, als hermetische Idiosynkrasie.

Im Jahr 2014 wurde Behemoths The Satanist als Dekadenwerk des Black/Death-Metal gefeiert, brachial und komplex, dabei höchst eingängig. Sein weihrauchschwangerer Überbau bediente sich integraler Versatzstücke unterschiedlicher religiöser Texte und hatte die individuelle Erleuchtung und Heilung auf der dunklen Seite zum Thema. Auch wenn ein Vergleich der beiden Bands weder Behemoths Kunst, aus extremer Musik Stadionhits zu schreiben, noch Schammaschs heutigem Streben nach musikalischer Entgrenzung gerecht wird: Rückblickend kann gesagt werden, dass Schammasch mit Sic Lvceat Lvx schon 2010 nicht weit von dem entfernt waren, wofür Behemoths Album inzwischen als paradigmatisch gilt: bombastischer Metal zwischen Black und Death ohne symphonische Süssigkeiten.

Nach Contradiction (2014) brachten Schammasch diese Metal-Kunst mit den ersten beiden Teilen von Triangle zu einem genuinen, kaum mit gängigen Genrezuschreibungen zu fassenden Höhepunkt. Trotz songübergreifender Spannungsbögen begegnete Schammaschs Musik in den Teilen I und II noch in Form von Songs. Zwischen den Schichten aus zähem Doom und kaltem Black Metal blinkten feingliedrige Gitarrenleads und -soli, majestätische Chöre und Refrains hallten nach. Nun, da Schammasch mehr Gefallen am Aufspannen ausfransender Klangräume gefunden hatten als am Fabrizieren grossartiger Metalsongs, sollte all das mit einem Gong weg sein? Die derzeitige Entwicklung der Band, von der die im Juni erschienene EP The Maldoror Chants: Hermaphrodite zeugt, lässt noch keine klare Antwort zu.

Der Metal ist auf jeden Fall noch da. Die musikalische Progression auf Triangle verlief quasi abwärts, von Metal zu instrumentalen, unverzerrten Klanglandschaften. Wie ein aufgepeitschter Ozean, der abebbt – unberechenbar zwar, doch kontinuierlich. Auf Hermaphrodite verfahren Schammasch nun, abgekürzt gesagt, umgekehrt: Es beginnt mit Ambient und endet mit Metal. Und die Basler haben ihre Musik verdichtet, Hermaphrodite ist integraler als Triangle; oder, in gutem Metaljargon: monolithischer.

Es beginnt mit dem fünfminütigen «Prologue», der, von gehetztem, kaum verständlichem Flüstern heimgesucht, zwischen Drone und Industrial dahinbebt. Zusammen mit den beiden folgenden Songs bildet er eine Art Aufgalopp, in dem sich nach und nach weitere Sounds und Instrumente versammeln. In «The Weighty Burden of an Eternal Secret» werden Drones, Trommeln und Effekte erst von fransigen Gitarrenschlieren umschlichen, dann von donnerndem Stakkato aufgepeitscht; in «Along the Road That Leads to Bedlam» meldet sich mit Doublebass und Beckenwirbeln auch wieder das Metal-Schlagzeug. In monotoner Stimmlage spricht C.S.R die ersten Worte in die Finsternis hinein. Es sind Verse aus den Gesängen des Maldoror, einem schwarzromantischen Werk erzählender Poesie des französischen Dichters Lautréamont, auf dem das lyrische Konzept von Hermaphrodite aufbaut. In den ersten Minuten der EP funktioniert Schammaschs Musik mehr denn je als vom Klangwetter bestimmter Raum, in dcem Texturen auf- und abziehen und in dem die Struktur der Zeit und damit der Song obsolet geworden ist.

In ihrer changierenden Gestalt ähnelt die Musik ihrem Titelhelden. Dies verdient besondere Beachtung, weil Schammasch mit Hermaphrodite erklärtermassen einen Ansatz der Literaturvertonung, der amplified poetry, verfolgen. Schon Contradiction und Triangle enthielten offenbar Referenzen zur Figur des Maldoror. Hermaphrodite nun ist die erste EP eines Zyklus über Lautréamonts Werk. An Bücher angelehnte Alben sind in der Popmusik nichts Neues, insbesondere im Metal gibt es unzählige Beispiele. Das Besondere an Schammaschs Literaturvertonung ist jedoch, dass die dreissig Minuten von Hermaphrodite sich auf eine lediglich vier Seiten lange Passage beziehen. So können sich die Welten der beiden Werke relativ synchron entfalten, die Grenzen dazwischen lösen sich auf, sie treten in einen Dialog und weiten sich aus zu einem düsteren, interdimensionalen Trip.

Maldoror, eine Art gefallener Engel, der mit Gott um den dunklen Thron der Grausamkeit wetteifert, ist trotz der ästhetisierten Gewaltexzesse, von denen seine Gesänge nur so strotzen, eine tief ambivalente Figur. Seine Bosheit ist keineswegs wesenhaft. Sie erwächst der Vergeblichkeit, gut und schön zu sein, wenn Gott selbst ein grausamer Menschenfresser ist, wie es in einer Passage des Buches geschildert wird. Wie Friedrich Nietzsche, der grösste und für viele Black-Metal-Musiker erklärtermassen wichtige Antimoralist, ist auch Lautréamont ein Autor, der unentrinnbar der Moral verhaftet ist, gegen die er flammend anschreibt.

Das Verhältnis von Black Metal und seinen erklärten Gegnern wie Religion und Moral mutet oft ähnlich libidinös an. Letztere werden nicht suspendiert, höchstens, nietzscheanisch gesprochen, umgewertet und dabei in ständiger fieberhafter Bezugnahme umkreist. An die Stelle der als bigott empfundenen Güte Gottes tritt «das Böse», traditionellerweise durch Satan oder andere Figuren aus religiösen Narrativen verkörpert. Maldoror reiht sich also problemlos in das Kabinett von Black-Metal-Figuren ein. Mit seinem selbstreflexiven Schwanken zwischen Verachtung und Sorge für das Geschick der Menschen, hebt sich Lautréamonts rätselhaftes lyrisches Ich dennoch ab von Belphegor, Behemoth und Beelzebub.

Mit dem Hermaphroditen enthält Maldorors Erzählung eine zerbrechliche Lichtgestalt, die er durchweg emphatisch besingt. Er schläft in Unschuld und Schönheit zwischen tränennassen Blumen und träumt von einer Existenz unter ihm ähnlichen Wesen. Später wird er von maskierten Schergen misshandelt, die ihm befehlen, sich ins Irrenhaus Bicêtre bei Paris zu begeben. Erst eine betörende Rede über Kunst und Wissenschaft lässt sie ihre Tat bereuen und um Vergebung kriechend lösen sie seine Fesseln. Ein unverstandenes Wesen, für seinen Körper und seine Art zu lieben von der Gemeinschaft der Männer und Frauen ausgeschlossen und stigmatisiert, findet er erst in balsamischen Träumen wieder Erlösung, die ihn in eine Art Paradies entrücken, das mit ihm ähnlichen Wesen bevölkert ist.

Ähnlich wie Schammasch auf dieser EP die musikalische Synthese dessen anstreben, was auf Triangle manchmal etwas nebeneinander stand, gibt sich der Dichter nicht damit zufrieden, eine Figur zu zeichnen, in der zwei Wesenheiten beieinander zwar, aber doch geteilt sind. Lautréamont schreibt seinem Hermaphroditen «Züge männlicher Tatkraft» zu und Muskeln, welche die «harmonischen Formen weiblicher Umrisse durchbrechen». Die Zerrissenheit des Hermaphroditen entspringt nicht seiner Sexualität, die er als Identität hegt. «Sein Stolz wiederholt ihm diesen Grundsatz: ‹Ein jeder bleibe in seiner Natur›», heisst es an anderer Stelle. Die Gründe für sein trauriges Dasein sind sozial und liegen im «Umgang mit Wesen, die ihm nicht ähnlich sind», die ihn für seinen Körper und seine Art zu lieben verachten – (Post) Black Metal als Ode an das Nichtidentische.

Dem erlösenden Träumen sind die letzten drei Songs von Hermaphrodite gewidmet. Das von einem melodramatisch klingelnden Gitarrenmotiv getragene «May His Illusion Last Until Dawn’s Awakening» fungiert als Durchgang von der Drone-Dunkelheit ins Licht von «Chimerical Hope», das die metallische Klimax darstellt, auf welche hin Hermaphrodite angelegt ist. Als vielleicht einziges Stück lässt sich «Chimerical Hope» zudem als Song aus dem Gefüge der EP herauslösen. Es bricht aus mit einem zügellosen Blastbeat. «Awaken not, hermaphrodite», singt C.S.R. textgetreu und: «sleep forever». Die Grenzen zwischen Musik und Dichtung lösen sich auf. Durch den Hain des Hermaphroditen schallen mitreissende Hooks und eine majestätische Gesangslinie aus Lautréamonts Versen, die in Schammaschs Musik einen Resonanzraum finden.

Schwer wie der ewige Schlaf des Hermaphroditen sinken zuletzt die schweren Doom-Riffs von «Do Not Open Your Eyes» herab. Eine treibende Doublebass setzt ein, aus der grollenden Textur funkelt ein melodiöses Black-Metal-Riff – ein Zitat nur noch, doch noch immer da. Dunkle Chöre wiederholen den Schrei aus «Chimerical Hope»: «Do not open your eyes!».

Lautréamont: Die Gesänge des Maldoror, Rohwolt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2014.