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Palmer

Surrounding the Void

Czar of Bullets 2017

Palmers neues Album Surrounding the Void ist ein Werk voll von unnahbarer Kühle und abgründiger Emotionalität. Schwebende Passagen wechseln sich mit aggressiven ab, beharrlich wirbeln rhythmische Verschiebungen das Post-Metal-Sediment auf. Seine Ambition ist Reiz und Schwierigkeit des Albums.

In sechzehn Jahren ist Surrounding the Void das dritte Album der Band, die noch immer in ihrem Gründungsort Langenthal probt, auch wenn Bassist Ueli Heiniger und Drummer Remo Röschli mittlerweile in Zürich leben. Seit Momentum sind sechs Jahre vergangen und auch diesmal ist dem Ergebnis anzuhören, dass Palmer so lange an ihren Alben feilen, bis sie «voll und ganz dahinterstehen können», wie Gitarrist Jan Wälchli sagt. Heraus kommen dann Songchimären, die bisweilen einen etwas verkopften ersten Eindruck hinterlassen, nach einiger Zeit aber die Art von Genuss verschaffen, wie sie experimentelle Musik bereiten kann: eine Hör-Herausforderung, bereitet vom mathematischen Spiel mit Metren und Harmonien, wie es Meshuggah dem extremen Metal beibrachten. Bei Palmer kann das auch leicht und losgelöst klingen. Die Gitarren sind dann leiser und zeichnen verspielte Figuren, bis dunkle, von Röschlis Doublebass und Heinigers Bass getaktete Stakkatos ins luftige Post-Metal-Blaugrau à la Isis preschen.

Doch auf Surrounding the Void gibt es auch Songs, in denen groovige Eingängigkeit dem Math-Spin gegensteuert. Zum Beispiel im brachialen Opener «Home Is Where I Lead You», der mit Riffs beginnt, so vertrackt und doch punchy, dass sie auch Gojira hätten schreiben könnten. «Trust me / let me lead the way / (…) belive me / I will guide you / away / to the promised land», schreit Steve Diener dazu und führt damit das Thema der Versuchung ein, das Surrounding the Void seinen inhaltlichen Rahmen gibt. Zeilen wie «The truth is / I’m exploiting you / I will tear you apart» rufen Beziehungen, aber auch Verführer wie Ideologien oder Drogen herbei.

Elegisch wird das Album mit dem Song «Misery». Ein melancholischer Gitarren-Zyklus aus Riffs, Leads und leisen Schraffuren trägt die ernüchterte Klage («I see the world / in true colours / it’s all the same / in true colours») und nicht zum letzten Mal fällt auf, wie gut Palmer hier die Verschränkung von Lyrics und Musik gelingt. Laut Auskunft der Band ist dies vor allem darauf zurückzuführen, dass Diener die Texte erst schreibt, nachdem er die fertige Musik eine Weile auf sich wirken gelassen hat. Indem sich die Lyrics an den Stimmungen und Pulsen von Riffs und Grooves bilden, statten sie diese umgekehrt mit erzählerischer Macht aus. Exemplarisch führt das «Divergent» vor, mit knapp neun Minuten Spielzeit der längste Song des Albums. Über doomigen Riffs sucht Diener nach dem Ausweg aus dem Abgrund: «Lead the way / through barren land». Das Auffächern eines stampfenden Riffs in ein harmonisches Prisma im Mittelteil spiegelt den besungenen Aufbruch.

Die langen Songs aus vielen, schon in sich fein ausgearbeiteten Parts können manchmal überladen wirken. «Digital Individual» ergeht es so, auch wenn kunstvoll torkelnde Taktfiguren und ein langes Progressive-Metal-Solo Glanzpunkte setzen. Das folgende «Fate_Hope» ist gar noch vollgepackter, wird jedoch von Dieners Gesang geerdet, in dem diesmal Refused-Shouter Dennis Lyxzén anklingt. An den meisten Stellen gelingt Palmer die Verbindung von verschiedenen Metalstilen und Jazz-gefärbten Figuren jedoch mit ingenieurhaftem Geschick. Und wo die Komplexität die Zugänglichkeit von Surrounding the Void nicht stört, lockt sie zu wiederholten Hördurchgängen. Dann wird sie zu Stärke und Substanz.