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Metallica

Hardwired ...To Self-Destruct

Blackened 2016

Die Midlife-Crisis von Metallica dauert nun schon eine ganze Weile. Symbolisch begann sie 1996, als sich alle Bandmitglieder nach dem kometenhaften Aufstieg in den Mainstream und der Verunsicherung, die das bei ihnen ausgelöst hat, in einem trotzigen Akt ihre langen Haare abschnitten. Mit den Haaren ging auch die musikalische Kraft: Kurz darauf erschien «Load», und dann auch noch «ReLoad» und das Coveralbum «Garage Inc.», Alben voller unappetitlichem Hard Rock. Für den grossartig schonungslosen Dokumentarfilm «Some Kind Of Monster», dem Höhepunkt der Krise, in dem die Band all ihre internen Konflikte und persönlichen Neurosen offengelegt hat, konnte man Metallica auf eine von Mitleid getränkte Weise sogar wieder gernhaben. Trotzdem fragt man sich: Hört das irgendwann auch wieder auf?

Vielleicht mit «Hardwired …To Self-Destruct», dem ersten Soloalbum der Band seit acht Jahren. Es beginnt vielversprechend: mit «Hardwired», einem sehr schnellen, sehr kurzen und ziemlich melodiefreien Ausbruch von einem Song, der wieder einmal eher nach Angriff als nach Verteidigung klingt – aber auch eher nach «Back to the roots» als nach neuen Ufern. Von der Ausgangslage her scheint es hier darum auch nicht zu gehen. Produziert wurde das Album von Greg Fidelman, der als Weggefährte von Rick Rubin schon an «Death Magnetic» (2008) beteiligt war. Fidelman war auch Teil von Rubins Team, als dieser Legenden wie Johnny Cash und Black Sabbath neues Leben einzuhauchen versuchte.

Wenn auch «Death Magnetic» ein solcher Wiederbelebungsversuch war, dann ist er kaum geglückt. Zu viele Songs sind eher langatmige Reihungen von Riffs, und das Album strotzte vor Selbstplagiaten aus den ersten vier – unerreichten – Alben der Band. Aber immerhin. Vielleicht sind Metallica nur noch dann gut, wenn sie nicht zu viel riskieren. Wo zu viel Risiko hinführen kann, hat «Lulu» (2011) eindrücklich gezeigt, ein grandios missglückter Versuch, zusammen mit Lou Reed Thrash Metal und gesprochene Poesie zu vermählen.

Nun also zurück zum Geschäft. Sogar noch brachialer als die Eröffnung des Albums ist sein gelungener Schlusspunkt «Spit Out The Bone». Und auch «Atlas, Rise!», der beste Song des Albums, ist eher zackig unterwegs. Dazwischen drosseln Metallica immer wieder das Tempo – teilweise mit gelungenem Resultat. Mit den zähflüssigen Riffs von «Am I Savage?» und «Dream No More» flirtet die Band erstmals mit dem Doom Metal. Und «Halo On Fire» ist eine nahezu anständige Ballade, auch wenn sie nicht acht Minuten lang sein müsste. Überhaupt hätte es dem Album gutgetan, da und dort etwas zu kürzen.

Das hätte wohl auch Lars Ulrich so gesehen – zumindest, wenn man einer Aussage von James Hetfield folgt, wonach er die Songs stets länger wolle als Ulrich. Eigentlich nicht überraschend: In den zügigen, simpler gestrickten Nummern treten Ulrichs spielerische Defizite weniger zutage. Zwar drängt sich sein Schlagzeug hier im Mix nicht mehr ganz so penetrant in den Vordergrund wie etwa auf «St. Anger» (2003), bekannt für seine grotesk laute Snaredrum. Doch Ulrichs Spiel klingt verkrampft und eintönig. Seine simplen Backbeats, die er fast jedem Song aufdrängt, bleiben dem agilen Gitarrenspiel von Hetfield und Kirk Hammett meist äusserlich, als würde der Schlagzeuger in einem anderen Raum spielen.

Sowieso sind die Gitarren das Beste an diesem Album, besonders diejenigen von Hammett. Vielleicht konnte er sich auch darum besser auf sein Spiel konzentrieren, weil er zum ersten Mal seit dem Eintritt in die Band auf einem Album nicht am Songwriting beteiligt war – aus purem Zufall: Hammett soll ein iPhone mit 250 Riff-Ideen auf einer Reise verloren haben. Jedenfalls wirken seine Solos locker, verspielt und manchmal überraschend bluesig. Und es gibt jede Menge davon: Auf zwölf Songs kommen zwölf Solos. Das sind zwölf mehr als noch auf «St. Anger» – und das ist bezeichnend: Die Solos sind Momente, in denen die Band kurz aufzuatmen scheint, um ihrem überkomprimierten Sound etwas Spielraum abzugewinnen. Man sieht: Da lockert sich was.

Doch wenn «Hardwired …To Self-Destruct» einen Weg aus der Midlife-Crisis anzeigt, fragt sich, was nachher kommt. Ein würdiges Alterswerk? Was Metallica dazu noch fehlt, ist eine neue Perspektive. Zur Krise der Band gehört ja auch die ständige, obsessive Beschäftigung mit sich selbst. Auch wenn Hetfield irgendwas von der Menschheit und ihrer Abhängigkeit von der Technik faselt, wenn er in Interviews nach der Bedeutung des Titelthemas gefragt wird, macht spätestens das Plattencover klar, was zumindest mitgemeint ist: die Band selber, Metallica als selbstzerstörerische Schicksalsgemeinschaft – Psychosekte und Selbsthilfegruppe in einem.

Natürlich sind wir schon längst viel weiter als in der Mitte der Bandgeschichte. Das sehen auch Metallica so, und Hetfield denkt auf dem Album auch darüber nach. Gleich zwei Songs handeln von toten Musikern: «Murder One» ist eine vor allem aus Textzitaten bestehende Hommage an Lemmy Kilmister, die der rohen Energie eines Motörhead-Songs aber bei weitem nicht gewachsen ist. Und «Moth Into Flame» geht um Amy Winehouse und wie sie an ihrer Rolle als Star zerbrach. Doch so schlimm steht es um Metallica dann doch nicht, sind sie vom Schicksal dieser beiden doch meilenweit entfernt: Für Lemmys Tod sind sie zu jung, und für Winehouse’s Tod zu nüchtern. Und irgendwie sind sie auch über die Sache mit der Bekanntheit längst hinweg.


Diese Text wurde in leicht anderer Form bereits in der «Aargauer Zeitung» vom 16. November 2016 veröffentlicht.