dystopia

Megadeth

Dystopia

Universal 2016

Wenn einem an der moralischen Integrität von MusikerInnen viel liegt, hat man es im Metal nicht leicht. Oft vertragen sich problematische politische Ansichten sogar vortrefflich mit den Themenfeldern, in denen sich der Metal bewegt. Wie der Philosoph Lukas Germann in seinem Essay über Friedrich Nietzsche und die norwegische Black-Metal-Szene argumentiert, den wir hier demnächst aufschalten werden, macht das moralisch Verwerfliche im Fall des Black Metal sogar einen grossen Teil seines Reizes aus. Den Black Metal nennt Germann darum auch «ein zivilisiertes Spiel mit dem geheimen und verdrängten Wunsch nach dem Zusammenbruch aller Zivilisation». Die Antithese zu den eigenen Werten muss dem Musikgenuss nicht entgegenstehen, sie kann ihn sogar entscheidend befruchten.

Beim Thrash Metal liegt die Sache etwas anders. Während Black Metal seine HörerInnen musikalisch zur Versenkung drängt, ist das Thrash-Erlebnis unmittelbar mimetisch, die Musik fährt direkt in die Knochen. Griffige Phrasen funktionieren im klassischen Thrash am besten, denn meist fehlt der Raum für grosse Erzählungen. Thrash-Texte sind eher Kampfparolen als einlullender Mönchsgesang. Sie erfüllen eine ähnliche Funktion wie die Sprache politischer Agitation: Sie geben einer möglichst grossen Masse das Gefühl, sich gemeinsam gegen etwas aufzulehnen. Das funktioniert nur, wenn sie ideologisch nicht geschlossen sind.

Die Kunst, solche Phrasen zu dreschen, beherrschte einst auch Dave Mustaine. Die Ambivalenz seiner apokalyptischen Texte, in denen immer auch ein Hauch von libertärer Radikalität mitschwang, trug entscheidend zum Reiz der frühen Megadeth-Alben bei. Zwar neigte er damals schon zu Verschwörungstheorien, doch seine Texte liessen wenigstens offen, worin die Verschwörung besteht. Auch wenn manche das Gegenteil behaupten, zieht sich auf «Dystopia», dem fünfzehnten Megadeth-Album, eine mehr oder weniger klare Vision einer solchen Verschwörung durch Mustaines Songtexte. Politisch liegt diese Vision in etwa auf der Linie der rechtspopulistischen Tea-Party-Bewegung oder von Donald Trump.

Diese Entwicklung reicht weiter zurück als «Dystopia». Schon das Megadeth-Album «Endgame» war vom gleichnamigen Film von Alex Jones, einem der führenden rechten Verschwörungstheoretiker der USA, inspiriert. Das sagte Mustaine, als er 2012 in der Radiosendung von Jones zu Gast war und sich die beiden in ihrem Glauben an die «New World Order», eine totalitäre Weltregierung, verbrüderten.

Doch in letzter Zeit scheint sich bei Mustaine die Angst breit zu machen, dass der kommerzielle Erfolg von Megadeth durch sein offen propagiertes wertkonservatives Weltbild gefährdet wird. Im Gegensatz zu vielen Black-Metal-MusikerInnen, die ihre Werke explizit als Ausdruck ihrer Weltanschauung verstehen, versucht Mustaine seine persönlichen Ansichten von seiner Kunst zu trennen, indem er sie ganz einfach nicht mehr zur Sprache bringt. Möglich ist auch, dass ihm sein Management einen Maulkorb verpasst hat.

Bezeichnend war in diesem Zusammenhang der gescheiterte Versucht eines Journalisten des Magazins «Deaf Forever», mit Mustaine über Politik zu sprechen. Als der Interviewer die Terroranschläge von Paris ansprach, mischte sich eine Stimme aus dem Off in das Gespräch ein: «Next question, please!» Als der Interviewer auf Mustaines Aussage zu sprechen kommt, die USA würden sich unter Obama zunehmend zu einem Nazistaat entwickeln, legte dieser den Hörer kommentarlos auf. Wie Mustaine gegenüber dem «Rolling Stone» forderte, sollen seine Werke für sich selbst sprechen.

Wenn man «Dystopia» für sich selber sprechen lässt, ergibt sich ein ähnliches Bild wie wenn man den hohlen Phrasen seines Schöpfers lauscht. In «The Threat Is Real» beschwört Mustaine gleich in den ersten Zeilen des Albums eine diffuse Gefahr, die systematisch verschwiegen werde und ungehindert ins Land eindringe: «No controlling who comes through the door.» Die Zeile erinnert unweigerlich daran, dass Mustaine schon 1988, lange vor Trump also, eine Mauer an der Grenze zu Mexiko gefordert hatte. In «Lying in State» wird Mustaine noch etwas konkreter: «What we are witnessing is the decline of western civilization / Crushing our potential and piling it on, how will history portray us? / Attack the family, attack their faith and dreams.» In «Post American World» wird diese Zivilisation mit einer von Amerika beherrschten Welt gleichgesetzt: «What will we look like? / In a post American world / Why cower to all those / Who oppose the American world?» Die diffuse Gefahr ist also einfach das «Fremde», das die amerikanische Nation bedroht. Damit ist Mustaine heute natürlich kein Rebell mehr, sondern mitten im identitären Mainstream angekommen.

Leider wird dieser ideologische Stumpfsinn nicht durch musikalische Genialität wettgemacht. Zwar tut Mustaines Wut dem Album gut; nach einer Serie von poppigeren, sich zeitweise dem Nu Metal anbiedernden Alben ist die musikalische Gangart auf «Dystopia» wieder ruppiger geworden und erinnert zeitweise gar an «Peace Sells… but Who’s Buying?» (1986) oder «Rust in Peace» (1990), die besten Alben der Band. Zugleich fehlt «Dystopia» aber die schelmische Verspieltheit jener Alben. Mustains Spieltrieb, der ihn zu einem der grössten Gitarristen des Thrash Metal gemacht hat, scheint von seiner zunehmend spürbaren politischen Verbitterung richtiggehend plattgewalzt zu werden. Auch Mustaines Gesang wirkt flach und uninspiriert.

Doch der absolute Tiefpunkt dieses Albums ist sein Klang, zum ersten Mal mitverantwortet vom Pop-Metal-Produzenten Chris Rakestraw. Die prominenten Neuzuzüge von Lamb-of-God-Schlagzeuger Chris Adler und Angra-Gitarrist Kiko Loureiro gehen aus dieser Perspektive sogar hinten raus. Der bis zur Schmerzgrenze komprimierte Sound, vor allem von Adlers Snare und Bassdrum, klingt gelinde gesagt: lächerlich. Gleiches könnte man auch über die Gitarren sagen. Und die süsslichen, am Power Metal geschulten Soli von Loureiro unterwandern die Angriffigkeit, die in der Form der Riffs angelegt wäre, schliesslich komplett. Zum Glück ist dieses Album also schlichtweg zu schlecht, um uns einen weiteren moralischen Konflikt aufzubürden.