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Kreator

Gods of Violence

Nuclear Blast 2017

Kreator sind die Thrash-Metal-Band der Stunde. Während Metallica offenbar auf einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde für die langgezogenste «Insolvenzverschleppung» (Die Welt) aller Zeiten schielen und musikalisch wie auch weltanschaulich nur mehr Angekautes wiederkäuen, überraschen die 1982 als Tyrant gegründeten Essener mit einer Frische, die sich nicht auf die Musik beschränkt. Irgendwer muss ihnen Thors Kraft-Gürtel Megingiard umgeschnallt oder ein bisschen von Samsons Shampoo ins verlässlich lange Haar gerieben haben. Oder hat es doch etwas mit der verjüngenden Kraft des Veganismus auf sich, zu dem sich Bandboss Mille Petrozza unter anderem in einem Kochvideo für PETA bekennt?

Wie dem auch sei: Kreators neues Studioalbum Gods of Violence mag, wie Sam Dunn in seiner Videorezension richtig bemerkte, zur Mitte hin die eine oder andere Redundanz aufweisen. Auch erreicht es nicht ganz das kompositorische Niveau des Vorgängers Phantom Antichrist (2012) – was allerdings primär daran liegt, dass es sich bei letzterem um das vielleicht beste Thrash-Album im neuen Jahrtausend handelt. Phantom Antichrist zelebriert die dem Thrash-Genre eigentümliche Kombination von erhabener Hymnik und knochentrockener Härte in nachgerade erschreckender Konsequenz, steckt voller dramatischer Hooklines und lässt in dramaturgischer Hinsicht nie Langeweile aufkommen.

Gleichwohl steht Gods of Violence mit Songs wie «Totalitarian Terror» (tag: grandios-aufrüttelnder-refrain-mit-toller-antitotalitärer-botschaft-der-zugleich-jedes-team/community-building-project-alt-aussehen-lässt), «Satan is Real» (tag: wäre-hawthornes-«the-scarlett-letter»-ein-metal-song-genau-so-klänge-er) oder «Side by Side» (tag: von-nun-an-gilt-im-metal-genre-nicht-mehr-nur-die-alte-losung-«don’t-ask-don’t-tell»-sondern-o-ton-«we-crush-homophobia») klar in den vorderen Rängen herausragender Thrash-Alben. Wo Metallica in bester Schlangenölverkäufermanier ihre Fingerübungen als Metalelixiere feilbieten, da schreiben Kreator tatsächlich noch mitreissende Songs und setzen eine blitzdunkel brodelnde Energie frei, wie man sie sonst nur von wort- und bildgewaltigen apokalyptischen Predigern kennt. Aber dazu später mehr.

Kreator haben sich zu einer Instanz im Metal entwickelt, die einerseits dessen Faible zu theatralischen, erhabenen, dabei immer auch Camp-verdächtigen Gesten befriedigt, und andererseits ungewohnt konkret – ungewohnt, da die kritische Seite des klassischen Heavy Metal meist raunend-diffus bleibt – an das politische und soziale Bewusstsein ihrer Klientel appelliert. An anderer Stelle habe ich Kreator dahingehend als die «heimliche Volkspartei des Heavy Metal» bezeichnet: Die Musik richtet sich – einmal abgesehen von einer experimentellen Phase in den 90er Jahren – an den konservativen Flügel des Metal, die Texte indes an den progressiven. Eine unmissverständliche Zeile wie «As we crush homophobia» aus «Side by Side» ist nur ein Beispiel von vielen, darunter auch Bridge und Refrain von «Totalitarian Terror»: «We’re not afraid to live / We’re not afraid to die / We are the antidote to the radicalized / And as the cities drown in bloodbaths worldwide / We will survive / Totalitarian Terror / Welcome the strike / Wielder to strike / Totalitarian Terror.»

Wie erbaulich! Mal kein weinerlicher Kulturpessimismus oder defätistische Suhlerei in komfortabel mediatisiertem Elend, woran in manchen Sparten des Metal kein Mangel besteht, sondern lebendige, durch endzeitliches Geflacker tapfer nach vorne blickende Aufbruchsstimmung. Und dass sich hier ausgerechnet eine Extreme-Metal-Band ganz staatsmännisch als Stimme der Mässigung, als «Gegengift zu den Radikalisierten» empfiehlt – wer hätte das in den Anfängen des Genres gedacht. Kreator haben begriffen: Die Mässigung darf nie gemässigt auftreten, sonst hat sie bereits verloren, wird sie als Gutmenschelei und Hippiekram abgetan. Bei Kreator kommt Mässigung deshalb von massive. Nur wenn sie massiv, wenn sie metallen ist, kann die Mässigung ihre Wirkung erzielen.

Bei Kreator verfasst die Vernunft nicht länger Kritiken in hochfliegender Sprache, vielmehr lehrt sie Growlen, Shouten, Screamen. Schon im Ältesten Systemprogramms des Deutschen Idealismus forderten die Autoren – neben Schelling und Hölderlin wohl Hegel – eine Engführung von Vernunft und Mythologie: «So müssen endlich Aufgeklärte und Unaufgeklärte sich die Hand reichen, die Mythologie muss philosophisch werden und das Volk vernünftig, und die Philosophie muss mythologisch werden, um die Philosophen sinnlich zu machen.» Gods of Violence, das bezeichnenderweise zunächst als Konzeptalbum zur griechischen Mythologie geplant war, liefert genau das: sinnliche Ekstase, Phantastik, Radikalität, Apokalyptik, Hokuspokus – Satan schaut immer wieder vorbei – gepaart mit Aufrufen zu Vernunft, Optimismus, Masshalten und Solidarität.

Einflüsse aus Punk und Hardcore, die im Gegensatz zum klassischen Heavy Metal meist eine politisch-lebensweltliche Verbindlichkeit fordern, sind bei Kreator allenthalben zu spüren. Die alte Kluft zwischen aktivistischen Punks (Draussenspieler) und passiv-aggressiven Metalheads (Stubenhocker) ist damit überbrückt. Auch das Video zu «Fallen Brother», in welchem Petrozza und der Schweizer Schlagersänger Dagobert – er rezitiert im Song ein selbst verfasstes, schwarzromantisches Gedicht – verstorbenen Popmusikern wie Bon Scott, Lemmy Kilmister, Peter Steele, Prince, David Bowie und Leonard Cohen die Ehre erweisen, zeugt von der überparteilichen, undogmatischen Einstellung der Band.

Die drastischen, gnostisch-apokalyptischen Szenerien wiederum, die seit dem Debütalbum Endless Pain (1985) ein Leitmotiv Kreators geblieben sind und in der exzessiven Verwendung von Begriffen wie «end of the world», «armageddon» und «apocalypse» ihren Ausdruck finden, stehen in nur scheinbarem Gegensatz zum Ideal der Mässigung oder den aktivistischen Versatzstücken. Apokalyptische Kunstwerke sind in ihrem Kern immer auch Sozial- und Herrschaftskritik – vom Buch Daniel des Alten Testaments über Johannes’ Visionen auf Patmos bis hin zu den Milestones des Ägypters Sayyid Qutb, dem Vordenker von Al-Qaida. Friedrich Engels erkannte das klar, als er die Offenbarung als protorevolutionären Text interpretierte, dem es einfach nur an materialistisch-dialektischer Einsicht gemangelt habe. Apokalyptik ist die hilflose und in der Hilflosigkeit mächtige Kritik der Unterprivilegierten – jener Schichten, in denen auch der Heavy Metal seine ersten AnhängerInnen fand.

Und noch in einem weiteren Punkt stehen Kreator klar in der Tradition der Apokalyptik: Sie teilen ihren Hang zur überbordenden, comichaften Ästhetik. Im Gespräch mit dem Autor erwähnt Petrozza denn auch, dass Comics zu seinen frühen Inspirationen als Musiker zählten. Wie Klaus Vondung (2008) überzeugend argumentiert, hätte «die Botschaft der ersten apokalyptischen Visionen, vor allem die der Offenbarung Johannis, … nicht solch lang andauernde Wirkung gehabt, wäre nicht die Prophezeiung von Untergang und Erlösung in dramatische Szenen unerhörter Ereignisse, in grauenvolle, geheimnisvolle und grandiose Bilder gekleidet gewesen». Ein Schelm, wer hierbei auch an die bald ein halbes Jahrhundert andauernde Wirkung des Metal denkt.

Dass es Petrozza, der selbst aus der linken Szene stammt, in seiner apokalyptisch-optimistischen Kritik nicht um rechten oder linken Totalitarismus, sondern um Totalitarismus als solchen geht, veranschaulicht das Video zu «Totalitarian Terror». Zwar beginnt es mit Found-Footage-Aufnahmen aus der Ära des Nationalsozialismus und handelt primär vom SS-«Forschungsprogramm» «Ahnenerbe» – aus deutscher Sicht ist es naheliegend, von dieser Episode des Totalitarismus auszugehen. Allerdings mündet das Video in eine hektisch flackernde, an die Mittelsequenz des exzellenten Videos zum Kreator-Song «Impossible Brutality» (2005) erinnernde Abfolge von Bildern, die nationalsozialistische wie auch kommunistische Aufmärsche sowie historische Militäraktionen zeigen – und endet vielsagend mit einer heutigen Aufnahme des Washingtoner Kapitols.

Kreator sind damit eine Art Mentalitätsgeschichtler des Metal, ist Petrozza doch offenbar an den untergründigen Gemeinsamkeiten zwischen oberflächlich konträren ideologischen Regimen interessiert. Wie die Geschichte bewiesen hat, eint(e) die Bereitschaft, im Namen vorgeblich höchster Ziele niederste Verbrechen zu begehen, die autoritären Kräfte in Ost und West. Eingedenk der (organisierten) Religionen, denen das Stück «Satan is Real» gewidmet ist. Der Verweis auf diese Gemeinsamkeiten, die der Politphilosoph Eric Voegelin unter den (zugegeben schwammigen) Begriff «moderne politische Gnosis» fasste und die auch Lemmy Kilmister betonte, zieht sich als roter Faden durch das Schaffen Kreators. «Lasst euch nicht verführen!» ist die – natürlich ihrerseits verführerische – Botschaft in Text und Subtext ihrer Songs.

Natürlich sind die Versuchungen des Autoritären und die spezifischen Eigenarten totalitärer Regime in Popsongs nicht erschöpfend zu klären. Auch drohen deren historische Möglichkeitsbedingungen aus dem Blick zu geraten, wenn sie in eine allgemeine, überzeitliche Apokalyptik überführt und gleichsam atmosphärisiert werden. Die aktuelle Tändelei zwischen Putin und Trump oder die von Geremie R. Barmé brillant herausgearbeitete geistige Nähe zwischen Mao und Trump indes sind Wasser auf die Mühlen des Metal als Mentalitätsgeschichte.