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Krane

Pleonexia

Czar of Crickets 2017

Vom Soundbohrer, bestehend aus Facebook-Feed, spezialisierten Youtube-Kanälen, Spotify-Playlists und Blogs, heisst es eines meist nicht: dass er zu wenig zu Tage fördert. Gemäss pessimistischer Lesart steht er vielmehr im Verruf, die KonsumentInnen so mit Optionen zu umstellen, dass ihnen das (An-)Hören der Musik überhaupt und das Erkennen der herausragenden vergeht. Alles, worauf man beim Soundschürfen stösst, ist bereits gehoben und beschrieben, und weil alles schon gehypt wurde, kann man nur noch zu Hypes zweiter Ordnung, den Hyperhypes, beitragen. Das Goldgräberglück im Ausruf «Wo sind die denn bis jetzt gewesen?» ist für Musikfans in digitalen Informationsnetzen zur seltenen Emotion geworden.

Dass bei materiellen Hemmnissen auch eine herausragende und digital verfügbare Band lange Zeit weitgehend im Verborgenen bleiben kann, zeigt die Geschichte von Krane. Wegen dauernd wechselnden Bandmitgliedern konnte die Band aus Basel während Jahren kaum Konzerte spielen. 2015 wurde ausserdem der Proberaum der Band überflutet, Bodeneffektgeräte gingen kaputt, einige Aufnahmen verloren. Insgesamt hätten sie aber Glück gehabt, dass im gut 40 Zentimeter hoch stehenden Wasser nicht mehr zu Schaden gekommen sei, sagt Gitarrist Dominique Anceschi auf Nachfrage. Im neuen Proberaum nahmen Krane Pleonexia schliesslich komplett in Eigenregie auf.

Naturgemäss bedeutet die Euphorie nach der Entdeckung einer Band unter dem Radar LabelbetreiberInnen am meisten. So war die Begeisterung von Czar-of-Crickets-Chef Frederyk Rotter spürbar, als er uns vergangenes Jahr von Krane erzählte, einige Monate bevor die Band auf seinem Label landete. «Dieses Gespür für Melodien, dieses Songwriting», schwärmte Rotter damals. Und tatsächlich: Auch in dünner 480p-Youtube-Qualität setzt sich beim Hören des Debüts Ouroboros (2013) sofort der Eindruck von Kranes Klasse fest – bei Klickzahlen im gerademal dreistelligen Bereich. Ouroboros bot cineastischen Postrock mit dem melodramatischen Pathos von Mono, angereichert mit rauen Noise-Verzerrungen, harschen Screams und sphärischen Synthies. Das Album hatte die für das Genre typische Dynamik von Stau und Dammbruch, getrieben von Crescendi, kathartischen Reverb-Wänden und ruhigeren, cleanen Parts. Wenn diese Monumentalmusik allzu strikt in dieser formelhaften Struktur verharrt, kann sie sich über die Länge eines Albums hinweg auch mal abnutzen. Das zu verhindern gelang Krane auf Ouroboros, indem sie ihren Songs die genannten gitarrenfernen Elemente hinzufügten.

Der auf Ouroboros zu hörende Sänger hat inzwischen sein Studium in der Schweiz beendet und ist nach London zurückgekehrt. Die Veränderungen, mit denen es Krane nun auf Pleonexia gelungen ist, ihre Musik auch nach dem Wegfall des Gesangs rau und abwechslungsreich zu halten, lassen sich zugespitzt so beschreiben: mehr Metal statt Postrock, mehr Groove im Soundteppich. Exemplarisch zeigt sich der neue Akzent da, wo nach einem dreiminütigen Intro aus bedrohlich anschwellenden Drones der erste Song «I: Strategic Level» mit dem synkopisch grollenden Schlagzeug von Thomas Krebser einsetzt. Zwar schattiert eine cleane Gitarre im Hintergrund herum, doch die Drums zünden den Motor. Nach zwei Minuten setzt eine krachende Metal-Rhythmusgitarre ein, die die melodiösen Motive erstmal begräbt, bevor sie sich perlend wieder hervorschälen. Ein furioser Auftakt, dessen Prinzip idealtypisch in Russian-Circles-Songs wie «Harper Lewis» oder «Youngblood» verwirklicht ist.

In «Destabilisation» begegnet erstmals ein weiteres zentrales Stilmittel von Pleonexia: das historische Stimmsample aus Ausschnitten von Reden, Interviews oder Funksprüchen. In von Trance-artigen Keyboards behauchte Drones hinein lässt plötzlich der Nation-of-Islam-Gründer Louis Farrakhan gegen Amerikas Doppelmoral vom Stapel: «Has Nigeria dropped an atomic bomb and killed people in Hiroshima and Nagasaki? / How dare you put yourself in that position of a moral judge?» Das Fragment entstammt einem TV-Interview von 1996.

Auf Pleonexia sind weiter zu hören: Che Guevara («II: Operational Level»), der Physiker Julius Robert Oppenheimer («III: Tactical Level»), der deutsche Kabarettist und Politiker Serdar Somuncu (am Übergang von «II» und «III») und anonyme US-Soldaten («Aftermath»). Dabei sind die Samples mehr als atmosphärisches Hintergrundrauschen, dreht sich doch das Konzept von Pleonexia um illegale Rohstoffkriege, darum, wie diese geführt und legitimiert werden. In diesem düsteren Fresko bestimmen die Samples Bewegung und Temperament der Musik entscheidend mit. Wo sie sich inhaltlich moralisch-kritisch zum Krieg verhalten, werden die Samples von der Musik affirmiert und umgekehrt. So zum Beispiel bei Che Guevara, dessen sanft untermalte Tirade gegen die bestialidad imperialista in energetische Akkorde mündet.

Oder bei Serdar Somuncu, bei dem Krane die Verflechtung von Sample und Musik am kunstvollsten gelingt. Über kühl dahinplänkelnden New-Wave-Gitarren analysiert Somuncu zunächst Reaktionsmuster nach Terroranschlägen: «Wir reden über Terror immer dann, wenn irgendwo in unserer Nähe was passiert (…) / Eigentlich reden wir nur über unsere Angst, dass es uns treffen könnte (…) / Wir versetzen uns in die Lage derer, um uns Sorgen über uns zu machen». Somuncus Rhetorik erhitzt sich, wird wütender und lauter, ein aufpeitschendes Schlagzeug setzt ein und nach der zornig ausgerufenen Zeile «Was für eine masslose Arroganz besitzen diese Menschen / die ihre Stimmen damit fangen, / dass sie Stimmen in den Köpfen der anderen erzeugen, Halluzinationen!» ertönt donnerndes Stakkato. Einziger nachteiliger Effekt von Kranes Brillanz in Komposition und Arrangement ist, dass die schlichten Riffs für sich genommen hie und da etwas verblassen. Ihnen scheint in diesen Momenten dann etwas die kleinteilige Variation zu fehlen.

Die letzte emotionale Steigerung des Albums leitet ein Interview mit Julius Robert Oppenheimer zum Trinity-Test von 1945 ein, bei dem im US-Bundesstaat New Mexico zum ersten Mal eine nukleare Waffe gezündet wurde. Hier nehmen traurige Gitarrenschlieren erst die Tragik des melancholisch sinnierenden «Vaters der Atombombe» auf, bevor das letzte der drei zentralen Stücke in einer ekstatischen, polyrhythmischen Verstrickung aus Riffs, Harmonien und synkopischem Schlagzeugspiel in «Combat» übergeht, mit dem das Album ausbrennt.

Das Sample im Ausklang «Aftermath» ist schliesslich nur noch von klaustrophobischen Drones unterlegt. Wo der Krieg selbst ausgestellt wird, zieht sich die Musik zurück. Zu hören ist gemäss Auskunft der Band ein von Wikileaks veröffentlichter Ausschnitt eines Funkverkehrs zwischen US-Streitkräften im Zweiten Irakkrieg, der die gezielte Tötung eines Presseteams dokumentiert. Nach der Bestätigung des Mordes reisst die gespenstische Kommunikation flackernd ab. Zurück bleibt eisige Stille und auf dem Inlay des Albumartworks ein Zitat von Cicero: Inter arma enim silent leges – Denn unter den Waffen schweigen die Gesetze.