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Keiji Haino / Sumac

American Dollar Bill - Keep Facing Sideways, You're Too Hideous To Look At Face On

Thrill Jockey 2018

Irgendwann bricht der Tanker durch. Im zweiten Stück der Kollaboration von Keiji Haino und den Doom-Metal-Zerstörern Sumac gewinnt die Band einen Moment lang Oberwasser. Nachdem der Gitarrist und Noise-Papst die Szenerie auf American Dollar Bill – Keep Facing Sideways, You’re Too Hideous To Look At Face On zuvor während zwanzig Minuten dominiert hat, ballert es ein Weilchen gehörig. Noch epischer als das Album selbst sind die einzelnen Songs darauf benannt; der, von dem hier die Rede ist, heisst: «What have I Done? (I Was Reeling In Something White and I Became Able to do Anything I Made a Hole Imprisoned Time Within it Created Friction Stopped Listening to Warnings Ceased Fixing my Errors Made the Impossible Possible? Turned Sadness Into Joy) Pt. 1».

Im eröffnenden Titeltrack drängt schon nach wenigen Sekunden eine atonale Flöte in Aaron Turners verpeilt vor sich hin schrammelnde Gitarre. Der Auftakt zu American Dollar torkelt als verschrobene Kammermusik daher. Nach und nach preschen eine schroffe Metalgitarre, Brian Cooks klongelnd mäandernder Bass und Nick Yacyshyn archaisch schiefernde Snare ins Feld. Man kann kaum von Metal-Zitaten sprechen, so dissoziiert klingt das alles. Und bald kreischt neben Hainos Stimme auch Hainos Gitarre in ihren typischen cholerischen Anfällen.

Nach etwas mehr als acht Minuten scheinen es sich Sumac für Hainos Geschmack etwas zu gemütlich gemacht zu haben in ihrem leicht metallischen Gedöns. Mit beschwörendem Zischeln bringt er das Trio zum Schweigen, Yacyshyn verstummt ganz und Gitarre und Bass ebben zu brüchigen Drones ab. Darüber fiept und röchelt Haino wie ein sterbendes Tier, doch so virtuos, dass seine Stimme dabei wie von Effekten moduliert klingt.

Es passt zu dieser Versuchsanordnung des Seltsamen, die diese in einem Tokioter Studio aufgenommene Session ist, dass dieser gespenstische Moment auch einer der Entspannung ist. Hier scheinen Sumac und Haino in eine Art Einklang gekommen zu sein. Und das zweite Stück des Albums, sein Titel umfasst über vierzig Wörter, ist dann sogar sowas wie Metal, oder zumindest etwas, was aus der Richtung kommt, die Sumac mit ihrem letzten Album What One Becomes eingeschlagen haben. Wobei sie schon dort wenig übrig gelassen haben von Metal als songorientierter Musik. Minimal-Metal trifft es vielleicht eher.

Dass Sumac es auf American Dollar Bill auch öfters mit Haino auf Augenhöhe oder gar in den Vordergrund schaffen, ist durchaus bemerkenswert. Denn gegen Haino in einer Improsession zu bestehen wollte schon mancher Musikerin und insbesondere manchem Drummer nicht so recht gelingen. Ansehen kann man sich das auf Youtube, etwa in Videos von Haino mit Han Bennink oder Charles Hayward. Metalbands wie Boris oder nun eben Sumac scheinen noch am ehesten geeignet, dem exaltierten Querschläger einen Boden unter die Füsse zu schieben. Aber wahrscheinlich ist es sowieso kreuzfalsch, dieses Album in den Kategorien von Herr und Knecht zu begreifen. Improvisationsmusik und Noise wollen ja, befreit von der Führung durch Melodie oder Takt, die radikale Offenheit und Hierarchielosigkeit.

Da geht es im Pop gewöhnlich schon geordneter zu und her. Indem er Menschen in andere Welten mitnimmt, lenkt er immer auch ab von seiner eigenen Weltlichkeit. Er macht Subjektivierungsangebote, möchte, dass wir uns mit den Rollen der KünstlerInnen identifizieren, macht singen und tanzen, euphorisiert und betrübt. In jedem Fall will Pop etwas von uns, ob im Wohnzimmer vor dem Plattenspieler, im Klub oder auf der Wiese.

Und kaum ein Popgenre vermag diese inneren Wanderungen so zu bewirken wie Metal. Tausend Geschichten und Gestalten bevölkern das Imaginäre dieser Musik, die sich oft als Vehikel für Reisen entlang der Achsen von Zeit und Raum gibt. Mal verlaufen diese in Kontinuität zur Gegenwart, dann wiederum führen sie in erzählerisch und musikalisch ausgeleuchtete Paralleluniversen.

HörerInnen und MusikerInnen träumen sich in Fantasywelten, die Vergangenheit oder auf ferne Planeten, immer nach dem Imperativ: bloss weg von hier! Mit seinem auf Überwältigung zielenden musikalischen Vokabular aus lauten, verzerrten Stimmen und Gitarren kommt Metal der Flucht in wohlig-unheimliche Anderswelten ganz besonders entgegen. Man rennt mit den Wölfen, die da heulen, reitet mit den Rittern, die da fechten und lässt sich von den Winden davontragen, die da tosen. Doch weil diese wilden Jagden als Album-Anhören oder Konzertbesuch immer an Artefakte und soziale Räume gebundene kulturelle Praxis bleiben, verweisen sie auch auf ihre materiellen Bedingungen zurück. Hier kollidiert die durch Verzerrung und Volumen erreichte Transzendenz mit der Profanität der Musik, die uns dank dem Wissen darüber, wie sie ungefähr zustande kommt, trotz allem Zauber klar ist.

Diese Widersprüche macht sich der reflexive Metal von Gruppen wie Sunn O))), Krallice, Jute Gyte, Full of Hell oder eben Sumac zunutze. Wenn diese Bands Melodien, Riffs und Takte unendlich dehnen oder beschleunigen, zerhacken und neu zusammensetzen, thematisieren sie die Materialität der Musik. Dieser dekonstruktivistische Ansatz räumt die Felder frei, die für Kollaborationen mit Experimental- und Noise-MusikerInnen wie Merzbow oder eben Keiji Haino fruchtbar gemacht werden können. Denn Noise, so könnte man mit dem Kulturtheoretiker Paul Hegarty sagen, baut keine Welt, in der wir uns verlieren können, vielmehr konfrontiert er uns mit der Welt als Geräusch.

Vielleicht auch deshalb ist eine verlassene Baustelle am Rand von Wil der perfekte Ort, um sich American Dollar Bill genau anzuhören. An braunen Pfützen im löchrigen Kiesboden geht es an Zementplatten vorbei, aus denen Schläuche in allen Farben ragen, vorbei an meterhohen Zylindern mit Luken, die aussehen wie U-Boote oder Raumkapseln, dahinter ragen gepflasterte Wände in den metallisch dämmernden Abend. So roh geben alle diese Elemente ihren Sinn nicht preis, sie sind einfach da.

So kommt es einem auch mit der Musik von Keiji Haino und Sumac vor: Auch sie ist erstmal einfach da. Sie verlangt keinen Genuss. Eigentlich kümmert sie sich überhaupt nicht um uns, ebenso wenig, wie sie sich um sich selbst kümmert. Die verschiedentlich effektuierten und rückgekoppelten Gitarren, Hainos animalischer Gesang, das triebhafte Schlagzeug – alle diese Stimmen kreisen dissoziiert um ein leeres Zentrum, und ja, manchmal wirkt das alles auch ziemlich beliebig. In welcher Richtung wir uns in diesem Durcheinander orientieren wollen, dazu gibt es keine Anhaltspunkte, während es uns zwischen kreischenden Gitarren, zugedröhntem Lallen und irren Drums umherschlägt.

Und doch ertönt durch diese zuweilen schmerzhaften Windungen zwischen Entfesselung und Sedierung hindurch auch ein durchaus politischer Appell: für ein zumutendes Miteinander, jenseits von Konformität und sich-in-Ruhe-lassen.