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Jute Gyte

Perdurance

Jeshimoth Entertainment 2016

«Jute Gyte», das klingt wie ein Ausruf des Entsetzens in irgendeinem seltsamen deutschen Dialekt. «Gute Güte», diese Worte könne man wahrlich ausstossen, wenn man mit «Perdurance», dem aktuellen Album des US-Amerikaners Adam Kalmbach alias Jute Gyte konfrontiert wird und dabei nacheinander zuerst das akustische und dann das körperliche Gleichgewicht verliert. Man hört den Abfolgen dieser Akkorde hinterher (voraushören, was geschehen wird, geht sowieso nicht), versucht, das dissonante Chaos zu entwirren, ein Muster darin zu erkennen – aber es will nicht gelingen. Der harmonische Ordnungssinn tappt im Dunkeln, wird vorgeführt. Mir wird etwas schlecht. Aber es ist auch schön. So wie Achterbahnfahren schön sein kann.

Was Kalmbach auf dieser Platte macht, nennt sich mikrotonaler Black Metal. Mikrotonale Musik baut nicht auf den üblichen Tonleitern der westlichen Musik auf, die in Ganz- und Halbtonschritte unterteilt sind, sondern bewegt sich im Bereich von Viertel-, Sechzehntel-, Zweiunddreissigstel- oder weiss Gott wie klein unterteilten Tönen. Möglich sind grundsätzlich alle Zwischenstufen, die Übergänge im harmonischen Gefüge sind fliessend. Dem Black Metal – das kann man nur so sagen – tut das gut.

MetallerInnen sind besonders gut in der Rhetorik von Radikalität und Verweigerung – allen voran die BlackmetallerInnen. Doch bei den meisten Black-Metal-Bands beschränkt sich die musikalische Radikalität, wenn überhaupt, eher auf den harschen Sound – ob von Stimme oder Gitarre – oder minimalistische Songstrukturen. Was die Harmonien angeht, ist das Genre in den meisten Fällen deutlich weniger kantig, oft sogar durchaus gefällig. Natürlich geben Bands wie Deathspell Omega oder Svartidauði starkes Gegengewicht. Dennoch wären im Black Metal mehr harmonische Wagnisse möglich.

Überhaupt hat Metal ein schwieriges Verhältnis zur Melodie. Oft fehlt das Mass, der melodische Ansatz droht ins eine oder andere Extrem zu fallen. Zwischen Power-Metal-Gitarristen, die Bach-Fugen zu unglaublich virtuosem, aber oft auch peinlichem Kitschpop flechten, und komplett non-harmonischem, harmonische Entscheidungen also umgehendem Brutal Death fehlen oft die Nuancen. Der Black Metal steckt da mittendrin: zwischen Darkthrone-Songs, die mit zwei Akkorden auskommen, auf der einen Seite und Dimmu-Borgir-Symphonien auf der anderen. Es lässt sich aber argumentieren, dass eine starke Tendenz in die zweite Richtung – zu exponierten Melodien also – im strukturellen Prinzip des Black Metal geradezu angelegt ist. Oder zumindest in viel stärkerem Mass, als dies bei anderen Metalgenres der Fall ist.

Das hat vor allem damit zu tun, wie der Black Metal mit Rhythmus umgeht. Anfang der 90er Jahre begannen Euronymous (Mayhem) und Snorre Ruch (Thorns) damit, in unzähligen, gleich kurzen und enorm schnell aneinandergereihten Saitenanschlägen gespielte Tremolo-Riffs systematisch einzusetzen. Stärker eingebunden in andere Formen von Riffs gab es diese in verschiedenen stilistischen Ausprägungen schon früher, aber spätestens im norwegischen Black Metal wurden sie zum dominierenden Strukturelement. Wenn Bass und Schlagzeug sich dieser Struktur anpassen, ist das die Perfektion dessen, was der Musikwissenschaftler Dietmar Elflein das parallele Ensemblespiel nennt und als charakteristisches Merkmal des Heavy Metal identifiziert: Die verschiedenen Instrumente lösen sich von ihren traditionellen Rollen in der Rockmusik der 70er Jahre und orientieren sich an einem gemeinsamen Puls, um all ihre Kräfte hinter einem einzigen Riff zu bündeln.

Für den Black Metal bedeutete dies zuerst einmal eine Einschränkung, das Tremolo-Riff lässt nur noch wenig rhythmischen Spielraum zu. Zugleich wirkte es aber als Befreiung für grossräumigere Strukturen. Denn der Black Metal lenkt die Aufmerksamkeit schnell weg von den einzelnen, gleichförmigen Seitenanschlägen und hin zu grösseren Bögen, zu denen sie verschmelzen. Werden diese Bögen nun in langsam wogende harmonische Abläufe strukturiert, geht der Minimalismus schnell in symphonischem Bombast über. Oftmals wird die Einschränkung rhythmischer Mikrostrukturen durch den exzessiven Einsatz von Melodien kompensiert.

Dementsprechend ist es kaum sinnvoll, einen melodischen von einem herkömmlichen Black Metal abzugrenzen, wie das beim Death Metal üblich ist. Zwar wird der Begriff «Melodic Black Metal» ab und zu verwendet, was der Zusatz «Melodic» jedoch genau bedeuten soll, bleibt unklar. Eine Musik kann kaum melodieintensiver sein als diejenige von Taake, trotzdem kommt niemand auf die Idee, den Genrenamen für diese Band zu erweitern. Gleiches gilt für unzählige Black-Metal-Bands.

Wenn Jute Gyte mikrotonale Harmonien in den Black Metal einführt, ist das durchaus subversiv. Kalmbach befruchten damit ein Feld, in dem noch einiges an kompositorischem Potential brachliegt. Doch er begnügt sich nicht damit, jene Leerstelle offenzulegen, sondern versucht auch, das Potential darin anzuzapfen. Denn «Perdurance» ist längst nicht nur ein musikalisches Experiment, sondern ein tiefgründiges Werk, das auf unzähligen Ebenen spielt – und reüssiert. Man sollte es daher nicht auf seine mikrotonale Harmonik oder seinen Zugriff auf den Black Metal reduzieren.

Es passiert hier unglaublich viel in diesem nerdigen Werk, dessen Titel möglicherweise auf eine Debatte in der zeitgenössischen analytischen Metaphysik (um «perdurantism» und «endurantism») anspielt. In «I Am In Athens And Pericles Is Young» walzen die Riffs wie bei Meshuggah, die verschrobenen Gitarren-Arpeggi von «Palimpsest» erinnern an Robert Fripp von King Crimson und der bedrohliche Zwischenteil von «Consciousness Is Nature’s Nightmare» bewegt sich irgendwo zwischen abstraktem IDM und Dark Ambient. Die Black-Metal-Anteile schliesslich können locker mit der Avantgarde des Genres mithalten: In Passagen, die sich dem Industrial annähern, erinnert Jute Gyte an die Genrepioniere Thorns, und wenn sich in den rasenden Riffs und Bassläufen von «Like The Woodcutter Sawing His Hands» die Hierarchien zwischen den einzelnen Instrumenten in ein offenes Zusammenspiel auflösen, klingt das schon fast wie bei Krallice.

Das sind Einblicke, die sich, gemessen am Multiversum, das sich in all diese um zehn Minuten langen Songs auftut, wie Wimpernschläge anfühlen. Dieses Album tut, was ein gutes Metalalbum tun soll: Es überwältigt, schmerzt, verwirrt – und vor allem: (über-)fordert. Man kann es auch geniessen, aber das muss man sich verdienen. Daran erinnert der Schluss. Statt auszuklingen zu lassen, bremst uns Kalmbach nochmals eins rein. Die letzten Minuten füllt ein sphärisches Glockenspiel, das gut auch Meditationsmusik sein könnte, wäre da nicht dieser penetrant hohe elektronische Ton, der in den Ohren schmerzt.