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Inter Arma

Paradise Gallows

Relapse 2016

Ein akustisches Intro dämmert heran, still und intim, verklingt und gibt so das Feld frei für ein sehnsüchtiges Pink-Floyd-Motiv, das später wiederkehren und Paradise Gallows wie eine Tätowierung prägen wird. Schon in seinen  ersten Takten stellt Paradise Gallows den Schmuck zur Schau, der es bei aller Wucht von Metal und Hardcore auch zu einem sanften und eleganten Album macht.

Seit ihren Anfängen durchmessen und beugen Inter Arma aus der US-Stadt Richmond die verbürgten Räume des extremen Metal. Auf der letzten LP Sky Burial etwa dominierte Black Metal, die EP Cavern markiert rückblickend den geschmeidigen Übergang zum psychedelisch gesprayten Doom Metal, der nun auf Paradise Gallows Einzug hält. Nach dem glimmenden «Nomini» öffnet «An Archer in the Emptiness» die ozeanische Weite, in die Inter Arma hier vorstossen. Ein tief mahlendes Riff pflügt voran, Mike Paparo röhrt anklagend aus der Tiefe empor, klotzige Breaks erinnern daran, dass Inter Arma sich einst auf den Schultern von Neurosis erhoben.

«Transfigurations» wütet dann zwischen schwarzen Ausbrüchen und atonalem Stocken. «Man has transfigured earth / Now we must transfigure ourselves!», singt Mike Paparos in Reverb-umnebeltem Black-Metal-Kreischen, «ourselves» mantrisch wiederholend. Es sind Zeilen, die angesichts Inter Armas permanenter Revolution des Sounds auch eine selbstreferentielle Dimension haben. «Primordial Wound» spinnt das ökologische Narrativ von «Transfigurations» weiter. Das Auftreten des Menschen als Sündenfall der Evolution, der Kollaps am Ende des Anthropozäns scheint unausweichlich. «May we burst with sepsis en masse / May the earth be awash in our purulence» singt Paparo und alle Hoffnung versinkt in einem abgrundtiefen Vierton der Gitarren.

Die warmen Elemente aus Psychedelic und Progressive Rock, obschon seit dem 2010er-Debüt Sundown präsent, brechen auf Paradise Gallows endgültig aus dem Eis aus Black Metal und Noise, in welches sie auf Sky Burial noch eingeschlossen waren. Dem hypnotischen, The Doors und Swans zitierenden «Summer Drones» verleihen kreisende Riffs, wirbelnde Drums und röhrende Vocals eine in psychedelischen Mustern schimmernde Textur.

Das Instrumental «Potomac» greift zunächst das Motiv aus «Nomini» wieder auf, bevor sich Piano, Orgel und Gitarre Schicht für Schicht zu einer bittersüssen Post-Rock-Klimax türmen, deren zirkulierende Harmonien denen gleichen, die auch Alcests «Ecailles De Lune – Part 1» zu ätherischer Dynamik verhalfen. Gekrönt wird «Potomac» von einem triumphalen, die steigende Akkordfolge gegenläufig hinunterprasselnden Gilmour-Solo.

Anhand eines Vergleichs lässt sich die Veränderung im Grundvibe von Inter Armas Musik illustrieren, die auf dem Weg zu diesem Album stattgefunden hat: Explodierte «The Long Road Home» von Sky Burial nach minutenlangem, von Post-Rock-Schraffuren untermaltem Gitarren-Zauber und einem angetäuschten Fade-Out in schwarzem Rasen, zerschellt im Titeltrack von Paradise Gallows 70er-Rock mit warmem Klargesang an hoch aufragenden Doom-Wällen. In diesen Momenten materialisiert sich die sonst eher transzendente Doom-Metal-Sanftheit, die Paradise Gallows durchwirkt. So auch im Ausklang, dem unverzerrten, folkigen Seemannslied «Where the Earth Meets the Sky»: Dieser entrückte Klargesang, das Hammondflirren und das Akkordeon hätten auch Ahabs Meisterwerk The Boats of the Glen Carrig Platz gut gestanden.