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Fvnerals

Wounds

Golden Antenna 2016

Kurze, prägnante Songtitel. Reduziert-nüchternes Cover. Dunkle, matte Farben. Fvnerals aus Glasgow haben sich bereits auf dem 2014 veröffentlichten Debut The Light stilistisch ganz der Introversion verschrieben. Die Instrumentierung (Gitarre, Drums, Synthesizer/Bass) und Besetzung hat sich seitdem nicht geändert. Das Trio um Tifanny Ström, Syd Scarlet und Chris Cooper arbeitet erneut mit minimalistischen Mitteln (instrumentell und kompositorisch), bringt aber klanglich derart viel hervor, dass auch gut sechs Personen in die Band involviert sein könnten. Seit diesem Jahr ist Fvnerals auf dem deutschen Label Golden Antenna beheimatet (unter anderem neben der grossartigen Band Radare) und in den USA durch das Label The Native Sound vertreten. Nun erschien mit Hilfe der beiden Labels die zweite LP der Band: Wounds.

Dem Motiv von Rückzug und Resignation bleiben Fvnerals auch auf Wounds treu, was spätestens nach dem grandiosen Opener Void klar wird: Du bist wieder hier, in dieser – bestimmt dunklen – Landschaft, und hast deinen Weg aus den Augen verloren. Was bleibt sind die traurigen Worte von Tifanny Ström, die zwischen kraftlosem letztem Hauch und Hilfeschrei, eher als Kommentare zur Misere statt als wegleitender Rat verstanden werden müssen.

Mit einer Leichtigkeit, die schon The Light zu einem Spektakel machte, wird auch auf Wounds aus zurückgezogenen, beinahe schüchtern gespielten Arrangements eine Klangsituation geschaffen, die sich wie ein Fiebertraum unter Wasser anfühlt. Waren auf dem Vorgänger die Stimmen aber noch präsenter und mehr im Vordergrund, so gehen Fvnerals mit Wounds etwas neue Wege. Tiffany Ström singt auch hier wieder eingehüllt in elender Traurigkeit, diese bettet sich aber stärker als zuvor ein in einen atmosphärischen Rahmen, welcher sich im Vergleich zu The Light noch einmal verdichtet hat. Geliefert wird dies von Synths, Bass, Gitarrenwänden und einem wahnsinnig präzisen und durchdachten Schlagzeugspiel.

Anerkennende Worte verdienen besonders auch Gitarrist Syd Scarlet, der das Album aufgenommen hat, und der mit Mixing und Mastering beauftragte Stevie Cossar (musikalisch im Lo-Fi/Folk-Bereich tätig unter dem Namen Pioneers of Anaesthetic). Der Sound überzeugt durch die Akzentuierung des bereits erwähnten Rückzug-Motivs, lässt den einzelnen instrumentalen Elementen den wohlverdienten Platz und verfällt trotz der Schwere und Tiefe der Musik nicht in einen undifferenzierten Brei. Besonders stark geprägt ist der Klang des Albums von Hall, Weite und viel Wummern und Dröhnen – weshalb die Bezeichnung «Drone» für die Musik durchaus angebracht ist.

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Fvnerals gelingt neben dem Sound auch die musikalische Umsetzung der sprachlichen Ebene (welche immer vage und nebulös bleibt) beinahe perfekt, wie auf dem ersten Stück der B-Seite «Crown» eindrucksvoll gezeigt wird: «With this heavy crown, he brings you down again. With this heavy crown, you’ll go down.» Wer der ominöse «he» sein soll, ob er der Kronenträger oder nur ausführendes Unheil ist und überhaupt in welche Tiefen es runter gehen soll, lassen Fvnerals unkommentiert und uns somit mit unserer Schockstarre allein. Aber nach unten geht es auf jeden Fall, begleitet von einem auf tief gestimmter Gitarre gespielten, wummernden Ton, der sich wie die Geräuschkulisse des kommenden Aufpralls anhört.

Dieser Moment ist beispielhaft für die Dynamik der Platte, die sich – ganz dem Albumtitel entsprechenden – immer wieder dieser Wunden schlagenden Brüche bedient, bis am Ende mit gesteigerter Schwere das Stück «Where» die finale Desorientierung klanglich artikuliert. Aus den kryptischen Textzeilen kommen letzten Endes doch noch Hinweise zu einer kritischen Interpretation – vielleicht sogar ein Kommentar auf gesellschaftliche Entwicklungen? «We care for no one» – der Status Quo einer gescheiterten Zivilisationsgeschichte? «Where will I go? When will I go?» – die Lethargie und Unsicherheit einer Generation von Menschen, die mit weltweiter ökonomischer und politischer Krise umzugehen hat?

Wounds lässt uns die offenen Wunden sehen, die nach Aussage der Band zwar persönliche Konflikte und Probleme beschreiben, sich aber auf das Feld von Geschichte und Gesellschaft übertragen lassen. Dass die Auseinandersetzung damit keine leichte Kost ist und oft in den musikalisch vorgetragenen Rückzug mündet, ist angesichts des weltweiten Zustands der menschlichen Gemeinschaft nicht verwunderlich. Zur Debatte stünde, ob dies der richtige Weg ist.