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Exumer

The Raging Tides

Metal Blade 2016

Neue Alben von Metallica, Anthrax, Megadeth, Testament, Sodom und Destruction – 2016 herrscht mal wieder Heldenzeit im Thrash Metal. Verglichen mit den Königen, die ihre Macht mit jedem Album verteidigen müssen, nimmt sich die Ausgangslage für die immer schon Kleineren wie Exumer dankbarer aus. Ein solides, klassisch gehaltenes Album kann schon mal für «defending the faith»-Euphorie reichen.

Das amerikanische Pendent zu den Frankfurtern bilden Exodus, wobei in den USA der Vergleich zwischen Krösus und Underdog in einer anderen Liga stattfindet, ausserdem wird Exodus die ihnen zustehende Aufmerksamkeit heute durchaus zuteil. Beide Bands legten im Thrash-Metal-Blütenjahr 1985 spätere Kultalben vor, die ihnen jedoch damals nicht die gleichen Erfolge einbrachten, wie sie Slayer oder Kreator feierten. Zu den frühzeitlichen Parallelen gesellen sich nun auch zeitgeschichtliche. Den Genossen aus dem Thrash-Proletariat der Bay Area gelang es mit Blood In Blood Out (2014), an ihr Kultalbum Bonded By Blood anzuschliessen. The Raging Tides verhält sich ähnlich zu Possessed By Fire. Schon das holzstichartige Cover mit aus Flammen ragenden Jason Voorhees im-Blackie-Lawless-Pelz verweist auf das superbe Debüt von 1985.

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The Raging Tides geht weit über die schlichte Reanimation des Kults hinaus. Dafür mussten Exumer jedoch erst einen Schritt zurück tun. Noch 2012, bei der Rückkehr mit Fire And Damnation, waren Exumer in Produktion und Sound zu weit vorgerückt auf dem Zeitstrahl des Thrash Metal. Mem von Steins wütendes Keifen hatte sich verdunkelt, die Gangshouts andere Soundelemente verschüttet, das Album wirkte insgesamt überproduziert. Exumer meldeten sich in HD zurück, vermochten dabei aber die aufgepumpte Form nicht mit Substanz zu füllen. Auf The Raging Tides ist die vermisste Effektivität im Songwriting zurück. Riffs und Drumming erklingen in schlichter Schönheit, Mem Von Steins Gesang ist differenziert und vermag Akzente zu setzen. Tracks wie «Catatonic» und «Death Factory» verspritzen Dreck und Wut, im Tempo stets an der Grenze zum Vornüberkippen. «Sacred Death» und «Welcome To Hellfire» sägen in gediegener schwedischer Death Metal-Manier daher und mit «Shadow Walker» erweisen sich Exumer als Hit-Schreiber. Aus einer schwelenden Ouvertüre schält sich ein angriffslustiges Riff, das sich, flankiert von hallenden Gangshouts, zu einem hymnischen Refrain variiert.

Über das gesamte Album unterläuft Ray Mensh kaum ein mittelmässiges Riff. In ihrer klassischen Schlichtheit stehen sie für sich, arrangiert fügen sie sich zu famosen Hits. In den Solos beweist Mensh ein Spektrum, das von fiebrigen Stürzen à la Kerry King bis zu melodischen Perlenketten reicht. Beim Gesang gilt: Mille Petrozza (Kreator) plus Steve Souza (Exodus) ergibt Mem Von Stein, wobei manchmal auch Tom Arayas beschwörender Ton durchdrückt, etwa in «Brand Of Evil».

Bei Thrash-Metal-Bands der ersten Stunde ist ein neues Album auch immer der Versuch, die Glorie von 1985 in die Gegenwart zu holen. An diesem Unterfangen scheiterten 2016 manche komplett (Megadeth), einige mit Anstand (Metallica, Sodom). Exumer ist es stilvoll gelungen.