dso_martroed_stitched

Martröð/
Deathspell Omega

Transmutation of Wounds/
The Synarchy of Molten Bones

Terratur Possessions / Norma Evangelium Diaboli 2016

Zwei pechschwarze Blitze schlagen nochmals aus dem Black-Metal-Gewölk, ehe das Jahr zu Ende geht. Die Rede ist von Martröð und Deathspell Omega und dem Erscheinen ihrer jeweiligen EPs Transmutation of Wounds und The Synarchy of Molten Bones. Das erste Signal der enigmatischen Pioniere des dissonant-chaotischen Black Metal seit knapp fünf Jahren und das Debüt eines Kollektivs, das unter anderen Musiker von Wormlust, Misþyrming, Leviathan, Blut aus Nord und Aosoth vereint, gebieten es, die schon fertiggezeichnet geglaubte Black-Metal-Karte des Jahrs 2016 nochmals aufzurollen.

Beide Artworks zeigen mythologisch-symbolistische Gestalten beim Kampf in schwarzen Himmelssphären und evozieren so bereits auf visueller Ebene die semantische Nähe der Releases. Atmosphärische Intros ziehen die Parallelen weiter – dräuende Fanfaren hier (The Synarchy), gräuliches Gerassel und Geschacher dort. Mit den ersten Takten aber wird klar: In der Musik tun sich um diese Kontinuitäten herum auch Klüfte auf. Martröð und Deathspell Omega zusammen zu hören ist schwieriger, als die sich zunächst aufdrängenden Parallelen vermuten liessen. Erstere profilieren ihr Klangbild bei aller Dissonanz mit klar umrissenen Motiven, wodurch die Musik insgesamt greifbarer wird. Nicht zuletzt dank Drummer Thorns (Blut aus Nord u.v.a.), der den melodiösen Taumel der Gitarren zurückhaltend und effektiv akzentuiert. Der atmende Sound der Scheibe weiss zudem genau, wo die post-punkige Gitarre ausgestellt plänkeln und wo alle Spuren zu schrecklichem Orgeln verschmelzen müssen.

martroed_transmutation_of_wounds

Martröð heisst Albtraum auf isländisch, was auch passt, weil die beiden Stücke einen, horribile dictu, recht isländischen Klang haben – chaotisch, komplex und gleichwohl roh. Der inspirierende Einfluss von Wormlust-Kopf Hafsteinn Viðar Lyngdal auf das Songwriting, den Alex Poole, das andere, amerikanische Zentrum von Martröð in einem Interview hervorhebt, fügt sich da ins dunkle Gleissen aus stürzenden Gitarren, mäanderndem Bass und Effektschmiererei. Wobei, dieser Klang, für den frühere Deathspell-Omega-Releases wie Fasite, maledicti, in ignem aeternum so wichtig waren – vielleicht ist er unterdessen ohnehin der State of the Art des «Nightmarish Black Metal». Dafür stehen auch Projekte wie Jef Whiteheads Leviathan, Alex Pooles Skáphe oder eben Aosoth.

Bei Deathspell Omega ist die Sache gleichzeitig klarer und unübersichtlicher als bei Martröð. Gar unübersichtlicher als auf dem hektischen Paracletus, in dessen Linie The Synarchy eindeutig steht. Maximale kaleidoskopische Unbegreiflichkeit ist bei Deathspell Omega aber nicht Resultat verfehlten Songwritings, sondern das mathematizistische Programm. Dazu trug auf den jüngeren Releases auch immer der hypertransparente und laute Klang bei, indem er jedes jazzig touchierte Cymbal und jede mikrotonale Abschrägung der Gitarren ostentativ verdeutlichte. The Synarchy steigert diese Tendenz weiter. Das Reizgewitter ist kaum zu bewältigen, man erleidet diese klaustrophobische halbe Stunde richtiggehend. Erleidet sie jedoch nicht ohne Genuss, weil dieses schwarze Blitzen und Schillern eben auch psychedelische Tiefe hat und immer wieder zu neuen Streifzügen einlädt.

deathspell_omega_the_synarchy_of_molten_bones

Das Herzstück der EP bildet das zehneinhalbminütige «Onward Where Most With Ravin I May Meet», das alle Facetten von Deathspell Omegas Wahnwitz zur Schau stellt. Rhythmische Brechungen und feingliedrige Jazz-Motive, die sich zwischendurch aus der atonal heulenden Grundierung lösen, dazu plötzlich auftauchende apokalyptische Fanfaren und der dunkle Gesang, der mit reichlich Hall die kryptischen Texte vorträgt.

Wo Deathspell Omega ihren akustischen Verdichtungswahn auf die Spitze treiben, gewähren Martröð in den sechzehn Minuten von Transmutation of Wounds auch Raum zum Atmen. Indem sie rasende Passagen auch mal in ätherische Flächen münden lassen und zurückgelehntes Post-Punk-Geschrammel verbauen, verhelfen sie den beiden Titeln der EP, «Draumleysa» und «Draumleiðsla», zu Dynamik. Während Martröð so letztlich in ein stürmisches Feld betörenden Black Metals reiten, bilden den Fluchtpunkt von Deathspell Omegas Musik auf The Synarchy weiterhin und vielleicht mehr denn je Arnold Schoenberg und Ornette Coleman.