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Craft

White Noise and Black Metal

Season of Mist Underground Activists 2018

Wenn Þórir Garðarsson von Svartidauði und Sinmara schreibt, dass ein Album 35 Momente habe, bei denen man sich wünsche, man wäre selbst auf so eine Idee gekommen: dann lohnt es sich, ein Ohr zu riskieren. Das gemeinte Album ist das neuste der schwedischen Band Craft mit dem plakativen – und auf den ersten Blick zugegebenermassen etwas albernen – Titel White Noise and Black Metal. Lassen wir den White Noise einmal aussen vor. Alben, die ihren Musikstil im Titel tragen, werden diesem ja selten gerecht – von Venoms Opus Magnum Black Metal einmal abgesehen.

Tiefgründige Titel waren sowieso nie die Stärke von Craft. Die bereits 1994 unter dem Namen Nocta gegründete Formation veröffentlichte ihr Debütalbum Total Soul Rape erst im Jahr 2000. Darauf findet sich derber, minimalistischer Black Metal, stilistisch nahe an den Titanen Darkthrone, aber mit einem eigenwilligen Charme – sofern man bei Black Metal von Charme reden kann. Darauf folgte 2002 Terror Propaganda, auf dem sich die Band vermehrt den mittleren Tempi zuwandte, und 2005 ihre absolute Sternstunde: Fuck the Universe. Hinter dem platten Titel verbirgt sich eine aufs absolut Wesentliche reduzierte Dreiviertelstunde vertonter Weltenhass und musikalische Finsternis. Die Produktion ist transparent und organisch, ganz entgegen dem damaligen Trend, alle Instrumente in Hall und Delay zu ertränken. Auf allen drei Alben überzeugten Craft durchgehend mit cleverem Songwriting, in dem sich Groove und überraschende Elemente die Waage halten, ohne dabei gewollt unkonventionell zu klingen.

Erst sechs Jahre später folgte mit Void ein neues Album, das erstmals auch kritische Stimmen auslöste. Alles daran wirkte irgendwie verwaschen und zerfahren. Die eigenartige Produktion und die Tatsache, dass alle eingespielten Schlagzeugspuren durch ein technisches Problem verlorengingen und auf die Schnelle durch programmiertes, digitales Schlagzeug ersetzt werden mussten, sorgten für die stärksten Irritationen. Die neuartigen melodischen Gitarrensoli gefielen mir persönlich trotzdem, und auch einige Songs wie «Serpent Soul» oder «Come Resonance of Doom» zündeten. Das Album als Ganzes war aber gar nicht jedermanns Sache, wenn man die teils vernichtenden Besprechungen liest.

Bis 2014 traten Craft zudem nie live auf. Die wenigen darauffolgenden Konzerte sollen nicht besonders gut bis katastrophal gewesen sein. Ich war selbst an keinem und spare mir deshalb ein Urteil. Trotzdem förderte die Verweigerung live aufzutreten zusammen mit der starken Zurückhaltung Interviews zu geben die Wahrnehmung von Craft als hingebungsvolle und authentische Black-Metal-Band fernab des Mainstreams von Nuclear Blast und Konsorten. Spassige Studioreports oder eine eigene Kaffeemarke passen nun mal nicht zum Black Metal. Das hatten Craft schon von Beginn an verstanden.

Black Metal hat über die Jahre hinweg einige Durststrecken und Höhenflüge durchlebt: von der schwarzen Ursuppe mit den titanischen Venom, Bathory und Mercyful Fate über die räudigen Kellersounds der späten 80er und die satanischen und nihilistischen Ikonen der frühen 90er bis hin zum schaumgebremsten, bombastischen Hochglanzsound von anfangs Nullerjahre mit Latexhosen, Netzshirts und überdimensionierten Nietenarmbändern. Um schliesslich in einer Zeit zu enden, in der fast alles möglich ist. Bands wie Funeral Mist oder Ascension und und eben Svartidauði errichten sperrige, tiefschwarze und disharmonische Gebilde, die einen mit offener Kinnlade dasitzen lassen. Daneben wildern Archgoat, Midnight oder Occvlta in den modrigsten Tiefen des Stils und bedienen sich brutaler und primitiver Songstrukturen. Black Metal sei die einzige Spielart des Heavy Metal, in der fast alles möglich sei, sagte mal ein befreundeter Sachverständiger. Da hat er absolut Recht.

Craft gehören zu den Bands, die auf einem einzigen Album fast alles aus dem Black Metal herausholen können, was heute möglich ist. Den Schweden reicht die Spielzeit einer Vinylschallplatte vollends, um mich als Hörer zu überzeugen. Dabei bleiben sie trotz musikalisch sparsam eingesetzten Mitteln spannend und dynamisch. Etwas, das viele Musiker inspiriert. Wie Garðarsson schrieb, gibt es über das ganze Album immer wieder vordergründig simple, aufs zweite Ohr aber clevere Songelemente zu hören, auf die man als Musiker eben gerne selbst gekommen wäre.

Eröffnet wird das Album mit «The Cosmic Sphere Falls», das nach einer dissonanten Tonkaskade mit donnernden Blastbeats und dem gentretypischen Tremolopicking beginnt. Darunter liegt ein Gitarrenriff, das zwischen zwei Halbtönen pendelt und so die Craft-typische nihilistische Grundatmosphäre legt. Dazu kommen groovige Uptempo-Riffs und der fiese Gesang von Nox. Dieser verzichtet wie bereits auf den beiden Vorgängeralben auf seine spitzen Schreie und beschränkt sich nahezu über die gesamte Albumlänge auf ein raspelndes Knurren, das sich perfekt in die Musik einfügt.

Nach dem furiosen Auftakt folgt mit «Again» ein weiteres Kunstwerk aus eingängigen Gitarrenriffs. Im Vergleich zu den Vorgängeralben ist der Grundrhythmus hier anspruchsvoller beziehungsweise etwas gewöhnungsbedürftig. Und eben doch eingängig. Genau das macht die Stärke von Craft aus: unangestrengt clevere Ideen und Strukturen zu erzeugen, die dennoch sofort ins Ohr gehen. Daran hat auch der von Runemagick bekannte Schlagzeuger Daniel Moilanen massgeblichen Anteil: Er spielt reduziert, aber unglaublich effektiv, präzis und immer im Groove – ein Schlagzeuger, wie er vielen Black-Metal-Bands fehlt.

Mit dem Song «Undone» wird stilistisch ans Grosswerk Fuck the Universe angeknüpft. Spannende Tempi-Wechsel – vom Blastspeed bis zu den für Craft typischen Midtempo-Grooves findet sich hier fast alles. In «Tragedy Of Pointless Games» durchleben wir einen musikalischen Fiebertraum zwischen Raserei und weitschweifigen Riffs, um bei «Darkness Falls» mit einem gnadenlosen Midtempo-Riff wieder bei den Ohren gepackt und tief in die Dunkelheit gezerrt zu werden.

Das Instrumental «Crimson» bietet die einzige Verschnaufpause. Ein paar wenige Gitarrenakkorde und eine zurückhaltenden Leadgitarre brodeln zusammen mit Moilanens Groove vor sich hin, welcher das durchgehende Grundriff durch sein Spiel immer weiter variiert. Mit «(JHVS) Shadow» durchpflügen Craft stilistisch ihre eigene Diskographie: beginnend mit den rasenden Frühwerken über vertrackte Midtempo-Parts hin zu atmosphärischen Riffgebilden. Hier brilliert auch Bandkopf Joakim Karlsson einmal mehr mit einigen simplen, aber genialen Bassläufen. Das Album schliesst mit «White Noise» stilistisch an die Grosstaten auf Fuck the Universe an und beendet das Album mit zuvor selten gehörten Leadgitarren und überraschenden Breaks.

Die Songtexte wiederum sind eine Sache für sich. Lassen wir eine Passage aus «White Noise» für sich sprechen:

Let’s pay attention to what other people do
And let them know how it’s offensive to you.
Your world is not important to me.
I couldn’t care any less about you.
Drowning in a sea of white noise!