«Punk holte mich aus der Blase, Metal gab mir den Stahl»

, 18.07.2018

Indian Nightmare geniessen den Ruf als beste Liveband im harten Untergrund von Berlin, nun spielen sie am geschmackssicheren Festival Chaos Descends in Thüringen. Im Interview erzählt Sänger und Illustrator César, wie es seine Familie veränderte, als er in die Punk- und Metalszene der mexikanischen Stadt Monterrey eintauchte, und was passiert, wenn der «Indian Nightmare» europäische Grossstädte heimsucht. Und er erklärt das wichtigste Konzept der Band: den «Metalpunksteel».

in6Bild: Jörg Kandziora

César, oder «Poison Snake», wie er mit Bühnennamen heisst, steht an der Theke der «Zukunft am Ostkreuz» und wartet auf zwei Grosse vom Hausbräu «Goldene Zukunft». Ein anderer Gast verwickelt ihn in ein Gespräch, es dauert einen Moment, bis wir mit dem Interview beginnen können. Im Lokal im Südosten des Berliner Bezirks Friedrichshain ghört César zur Nachbarschaft, unweit davon wohnt er zur Zeit unseres Treffens. Auch sonst ist er öfter hier — mit seiner Band Indian Nightmare. Im derzeit als Club, Kino und Bar genutzten DDR-Lagerhaus haben die Metalpunks, wie sie sich nennen, schon viele Konzerte gespielt, wenige Wochen vor unserem Treffen im letzten Frühling etwa an der Geburtstagsparty von «Säsh», einem Freund der Band und Leiter eines kleinen Labels. Auch um Orte wie diesen, kollektiv gestaltet und verwaltet und vom Abbruch bedroht, geht es, nachdem wir in einer dunklen Ecke des Lokals einen Tisch gefunden haben.

César, was ist Metalpunk?
César: Metalpunk ist entstanden, als die ersten Punkbands sich entschieden, schneller und härter zu spielen, um Wut und Hass besser ausdrücken zu können. Dabei liessen sie sich vom Heavy Metal beeinflussen.

Also ein Modus von Punk?
Ich denke, die Unterscheidung von Metal und Punk ergibt historisch kaum Sinn. Beide Strömungen haben dieselben Wurzeln, Metal und Punk verdanken einander sehr viel. Die extremeren Metalspielarten wie Thrash, Death und Black Metal entstanden, weil sich die Metalbands der 80er den Speed und die Aggressivität des Punk holten. Auch kulturell haben Metal und Punk historisch betrachtet viel gemeinsam.

Nämlich?
Beide ermöglichten Jugendlichen alternative Lebensformen. Ob als Punk gegen die bürgerliche Gesellschaft in England oder als Metalpunk gegen Polizeimacht und die gesellschaftliche Dominanz der katholischen Kirche in Mexiko, wo ich herkomme: Die Zugehörigkeit zur Subkultur war ein Weg, sich gegen unterdrückerische Establishments aufzulehnen. In den 80er Jahren war es in Mexiko gefährlich, lange Haare und Nieten zu tragen.

Da bist du gerade zur Welt gekommen…
Ja, aber ich habe in Monterrey in einer Band mit einem Urgestein der mexikanischen Szene gespielt, der mir viele alte Geschichten erzählt hat. Wenn man sich damals für die Subkultur entschied, wusste man, worauf man sich einliess. Polizisten konnten einen als «Mädchen» beschimpfen, verprügeln und dann auf der Strasse liegenlassen.

in1Gitarrist Dodi Nightmare, Bild: Jörg Kandziora

Was hat Punk für dich als Jugendlicher in Monterrey anfangs der nuller Jahre bedeutet?
Eher eine friedliche Rebellion in meinem nahen Umfeld. Meine Familie war nicht ultrakonservativ, sie liessen meine Geschwister und mich auf die Strasse und wir durften unsere Umgebung auf eigene Faust entdecken. Aber sie waren religiös und stellten entsprechende Erwartungen an unser Verhalten. Auf einem meiner Streifzüge sah ich einmal ein paar auffällig aussehende Typen, sie trugen bunte Kleider und Mohawk. Ich fand das ungeheuer cool, fing an mit denen rumzuhängen und begann auf Punkkonzerte zu gehen. Bald realisierte ich, dass die Szene neben der energiegeladenen Musik und der anziehenden Ästhetik auch eine politische Dimension hatte. Das war eine Erleuchtung – für mich und meine Familie.

Auch für deine Familie?
In den Klubs sprachen die Leute über Tierrechte, über Religionskritik und darüber, dass du nicht mit der Vorstellung leben musst, dass irgendetwas über dir deinen Körper und deinen Geist kontrolliert. Zunächst taten sich meine Eltern schwer mit meinen neuen Ideen und versuchten es mit Verboten und Strafen. Doch es zeigte sich, dass Lesen und Reden die stärkeren Waffen sind. Wenn du in einer politischen Szene bist, kommst du zu immer mehr Quellen und Argumenten. Damit lassen sich Weltbilder verändern.

Damit konntest du deine Eltern überzeugen?
Als sie sahen, wie gut mir diese Art zu leben tat, begannen sie nachzudenken, darüber, wie sie die Macht über ihre Gedanken und ihre Körper bekommen können.  Und sie erkannten, dass es alternative Lebensstile jenseits der normativen Zwänge gibt. Das hätte ihnen zuvor grosse Angst eingejagt.

Eine Verwirklichung von Musik als befreiende Kraft.
Ich finde, Subkultur sollte für die Menschen, die Teil davon sind, immer etwas verändern. Punk hat mich aus meiner Blase geholt, Metal gab mir die Stärke und den Stahl. (lacht) Mit unserem «Metalpunksteel» wollen wir die rebellischen Kräfte von Metal und Punk bündeln und weitergeben.

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Bild: Jörg Kandziora

Wozu der Zusatz «steel»?
(Schneidet eine Grimasse) Wir sind aus Stahl. Ausserdem können sich Metalheads gut mit Stahl identifizieren. (lacht)

Wie geht es Punks mit eurer Musik, die ja eher Speed oder Thrash Metal ist?
Nach unseren Konzerten höre ich oft den Satz: «Ich mag keinen Metal, aber Indian Nightmare finde ich geil». Oft sind das «klassische» Punks mit bunten Kämmen und so. Das mögen wir am liebsten: wenn die Mohawks und Mähnen nebeneinander fliegen.

Retro-Speed- und Thrash-Bands wie Vektor, Vexovoid oder Hexecutor sind seit einigen Jahren en vogue. Euch gibt es seit 2014. Seht ihr euch als Teil dieser Bewegung?
Unser Gitarrist Butch, der auch Riffs schreibt, mag diese Bands sehr gerne. Man kann uns also teilweise sicher zu dieser Welle rechnen. Dennoch würde ich sagen, dass wir noch stärker von obskuren Metalpunk-Bands aus Japan und Grossbritannien beeinflusst sind.

Weil wir uns unter «obskuren Metalpunk-Bands aus Japan und Grossbritannien» nicht allzu viel vorstellen konnten, haben wir César gebeten, eine Liste mit seinen Favoriten zusammenzustellen.

Japan: Saber Tiger, Ghoul, Casbah, M.O.B.S., Birth Ritual, Doraid, Grave New World, G.A.T.E.S., Sacrifice, Sabbat, S.D.S., Virus, Rosenfelde, The Execute, Bitousha, Death Side, G.I.S.M., Gas Mask, The Sexual, Poison, Zouo, Kuro, Sabbrabels, Parasite
UK: Anihilated, Sacrilège, AD Nauseam, Amebix, Antisect

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Gitarrist Butch, Bild: Jörg Kandziora

Indian Nightmare ist eine Berliner Band, sie wurde in Berlin gegründet und auch die meisten eurer Konzerte finden hier statt. Wie bist du in die Stadt gekommen?
Vor rund sechs Jahren war Monterrey die gefährlichste Stadt Mexicos. Es liegt nahe an der Grenze zu den USA und ein grosser Teil des Drogenschmuggels zwischen den beiden Ländern führt durch Monterrey. Du schaltest den Fernseher an und hörst, dass gestern in deiner Nähe dreissig Menschen in einer Schiesserei gestorben sind. Das kam regelmässig und immer häufiger vor. In gewisser Weise bin ich also geflohen. Ausserdem wurde es mir in der Szene allmählich langweilig. Eine Freundin sagte mir, ich solle nach Berlin kommen, es würde mir hier gefallen. Sie hat in der Koepi (eines der grössten alternativen Hausprojekte Berlins, Anm. rop) gewohnt. Als ich ankam, habe ich da angeklopft.

Ihr hab schon oft in der Koepi gespielt, wie im März, als ich zuletzt ein Konzert von euch gesehen habe. Wie ist deine Beziehung zu diesem Ort?
Ich hege starke Gefühle für dieses Haus. Als ich in Berlin ankam, durfte ich in der Koepi schlafen und essen. Auch unser erstes Konzert haben wir dort gespielt.

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Schlagzeuger Lalo, Bild: Jörg Kandziora

Wie habt ihr euren Stil gefunden?
Bald, nachdem sich einige von uns auf einer Party kennengelernt haben, stellte sich heraus, dass wir alle ein Faible für urigen Punk und Metal haben. Wir wollten eine Band, die die Ideen und die rohe Energie des Punk mit der Magie des Metal, mit seiner Virtuosität und seinen Soli verbindet.

Ihr tragt Frisuren wie aus den 80ern, selbstgemachte Artefakte aus Knochen und Metall und Corpsepaint, wie man es aus dem Black Metal kennt. Bietet Metal mehr Möglichkeiten zur Inszenierung?
Absolut. Wir nutzen den Raum, den Metal für verspielte Konzepte lässt. Unsere Ästhetik mit Leder, Knochen und Feuer und an Corpsepaint angelehnter Ritual- und Kriegsbemalung ist ausserdem von indigenen Kulturen inspiriert. Sie ist als Ausdruck von Respekt und Achtung ihnen gegenüber zu verstehen und als Mittel, ein Bewusstsein für sie zu schaffen. Aber natürlich lieben wir die Ästhetik des Heavy Metal. Wir lieben Ketten, Nieten, Stiefel, Leder und die langen Haare. (lacht)

Was bedeutet der Name Indian Nightmare?
Zuerst haben wir uns Iron Hammers genannt, weil der Name so nach Metal klang. (lacht) Doch wir beschlossen, dass unsere politische Botschaft auch im Namen stecken soll. Der Name Indian Nightmare, übrigens auch ein Song der Heavy-Metal-Band Expect No Mercy, passte perfekt.

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Bassist Cedro, Bild: Jörg Kandziora

Erzähl…
Indian Nightmare beschreibt die Angst, verdrängt zu werden; aus deinem Land, deinem Haus oder deiner Komfortzone. In den USA ist der Begriff zu einem geflügelten Wort geworden. Die Bezeichnung «Indian» wurde fälschlicherweise den Menschen der Region «Abya Yala» gegeben, dem heutigen Amerika, benannt zu Ehren des Mannes, der eines der grössten Massaker der Geschichte einleitete: Américo Vespucio. Mit dieser Geschichte im Hinterkopf liegt es nahe, die Bezeichnung «Indian» als beleidigend und respektlos aufzufassen.

Ihr verwendet den Begriff aber auch losgelöst von seinen historischen Wurzeln?
Indian Nightmare hat eine kollektive Bedeutung, die sich nicht auf eine einzelne Kultur bezieht. Wir solidarisieren uns mit jeder und jedem da draussen, der oder die gegen Unterdrückung kämpft. Man kann den Namen aber auch anders verstehen. Wenn sich die Unterdrückten erheben und ihr Land zurücknehmen, wird der Indian Nightmare zum Alptraum der Unterdrücker – natürlich ein kontroverser Name.

Weil er einer bestimmten postkolonialen Erfahrung entspricht, Stichwort kulturelle Aneignung?
Ja. Die Europäer haben die indigene Bevölkerung der kolonisierten Gebiete Indianer genannt, wodurch das Wort eine abwertende Konnotation bekam. «Indio» ist in Mexico ein beleidigendes Wort. Doch nach dem Ende des Kolonialismus hat das Wort «Indianer» eine ermächtigende Kraft entfaltet. Indigene Bevölkerungen von Alaska bis Patagonien solidarisierten und organisierten sich auf verschiedene Weise und eigneten sich das Wort wieder an. So gewann ein Wort, unter dem während Jahrhunderten Menschen ausgebeutet, missbraucht, getötet und ihrer Kultur beraubt wurden, eine neue, identitätsstiftende Wirkung. Die eigenen wir uns nicht an, der «Indian Nightmare» entspricht für einige in der Band einer realen Erfahrung.

Die Erfahrung, aus Lebensräumen gedrängt zu werden, lässt sich ja auch in Berlin machen…
Definitiv. Subkulturen und mit ihnen die BewohnerInnen von Häusern wie der Koepi sind ständig bedroht, vom Kapital aus ihren Räumen gedrückt zu werden. Immer mehr besetzte Häuser werden von der Polizei geräumt. Und nicht nur Hausprojekte sind betroffen. Dank steigender Mieten werden auch immer mehr «normale» MieterInnen aus ihren Wohnungen verdrängt.

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Bild: Jörg Kandziora

In Berlin habt ihr Kultstatus erreicht, die LeserInnen des Deaf Forever haben euch unter die Newcomer des Jahres 2017 gewählt. Warum seid ihr noch nicht bei einem grossen Label?
Neuigkeiten dazu demnächst. (lacht)

Wie wichtig ist es euch, dass Bands, mit denen ihr tourt oder auf Festivals die Bühne teilt, eure Prinzipien teilen?
Wir sind eine multikulturelle Band und wollen eine bessere Welt. Uns ist schon wichtig, dass sich keine RassistInnen oder Vergewaltiger in Bands befinden, mit denen wir touren. Wir sind aber nicht neurotisch. Wir würden jetzt kein Festival absagen, weil da irgendwann auch eine Band spielt, zu der es alte Geschichten oder Gerüchte gibt.

Du kommst aus Mexiko, Dodi (Gitarre) aus Indonesien, Cedro (Bass) und Lalo (Schlagzeug) aus Italien, Butch (Gitarre) aus Deutschland und der Türkei. Unterhaltet ihr Kontakte in die Szenen dieser Länder?
Ja. Dass wir Labels und Veranstalter in Indonesien, Malaysia, Mexiko, Brasilen, Kolumbien, Peru und überall in Europa kennen, ist einer der Vorteile dieser Konstellation. Touren und Promotion in diesen Ländern zu kriegen, wäre also gut möglich.

Fühlt ihr euch von eurer DIY-Ethik manchmal auch eingeschränkt?
Natürlich würden wir gerne grössere Touren spielen oder aufwendige Musikvideos drehen, Dinge, die mit Unterstützung eines Labels sicher einfacher wären. Punktuell arbeiten wir ja auch mit Labels wie Plastic Bomb oder Dying Victims Productions zusammen, etwa für die zweite Pressung unseres Debüts Taking Back the Land. Was wir aber strikt nicht wollen, sind Verträge, bei denen wir gewisse Rechte an unserer Arbeit, etwa von Neupressungen und Merchandise, abgeben müssten. Aber wie ich bereits sagte, Neuigkeiten dazu demnächst.