Power Trip und die Hardcore-Horde

Die Umstände waren Power Trip am Montagabend in Zürich nicht geneigt. Doch auch inmitten raubeiniger Hardcore-Bands schien ihre Klasse durch.

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Bild: Pawel Streit.

So richtig losgehen wollte der Abend leider erst nach dem Auftritt von Power Trip. Doch an der Band aus Dallas, Texas, die das Metaljahr 2017 mit ihrem Nightmare Logic so entscheidend geprägt hatte, lag das keineswegs. Es ist ja nicht so, dass der Komplex 457 in Zürich nicht gut klingen könnte, doch die Organisatoren oder die Umstände entschieden sich bei Power Trip dagegen. Wirklich gut hörte man bloss die Gitarren – aus den eigenen Verstärkern statt aus dem PA. Sänger Riley Gale musste die akustische Beschränkung mit übercooler Bühnenpräsenz wettmachen (was er ja kann).

Dominiert wurde die Hardcore-Fete unter dem Titel «Persistence Tour» – sechs Bands an einem hundsnormalen Montagabend – von anderen. Schon die tranigen Gitarren von Terror, die nach Power Trip spielten, donnerten anständig satt. Erst bei Madball und Hatebreed war der Sound dann richtig aufgedreht. Doch auch das Publikum war überwiegend dem Prügel-Hardcore der Headliner statt dem scharfkantigen Retro-Thrash von Power Trip zugeneigt. «Come closer, even if you have no clue who we are», schrie Gale vor einem der letzten Songs ihres Sets. Wo sich später der Pit drehen sollte, klaffte da noch eine grössere Lücke.

Schnauzer und Camouflage
Gale, der mit Schnauzer und Camouflage-Shirt den Inbegriff des hippen, urbanen US-Metallers abgibt, trug wohl nicht zufällig eine Slayer-Kappe. Just an diesem Tag nämlich hatten Slayer angekündigt, sich nach einer letzten Welttournee aufzulösen. Das Abtreten der Legende ist natürlich eine traurige Nachricht, doch wenn man die Band mit Bostaph und Holt auf der Bühne gesehen hat, kommt man nicht darum herum, den Schritt auch einfach als konsequent zu sehen. Den Thrash des 21. Jahrhunderts spielen sowieso schon lange andere: Vektor etwa mit ihrem spektakulären Sci-Fi-Prog, Havok, die den Furor und Spielwitz von Megadeth zu ihren besten Zeiten anzapfen, oder eben Power Trip, die viel stärker als jene Bands von der rohen Energie des Hardcore zehren.

DSC00865Riley Gale. Foto: Georg Gatsas.

Auch die stürmischen Liveauftritte, für die Power Trip bekannt sind, haben mit diesem Einfluss zu tun. Wenn sie an diesem Abend in Sachen Soundgewalt auch ein wenig zurückgebunden waren, liessen sie einen doch sofort ihren überschäumenden Spielwitz spüren. Power Trip laufen eigentlich durchgehend auf grösster Flamme, die Dichte an griffigen Hooks und Riffs ist stupend. Diese Musik ist so ansteckend, wie sie sein will, und trotz der düsteren Lyrics total erhebend.

Die Brillanz von Power Trip speist sich einerseits aus den unzähligen musikalischen Einflüssen der fünf Bandmitglieder, bei einer gleichzeitigen Verpflichtung zur unersättlichen Jagd nach guten Riffs und zu einem eingängigen Songwriting. Power Trip erreichen die Raffinesse des Metal, ohne die Gradlinigkeit des Punk zu verlieren (bloss keine Doublebass!).

DSC00872Nick Stewart und Chris Whetzel (v.l.). Foto: Georg Gatsas.

Madball, einst Teil des ursprünglichen New York Hardcore, sind an diesem Abend neben Power Trip die andere Band mit Charakter. Auch dank des locker-druckvollen Stils des metalerprobten Schlagzeugers Mike Justian wirkte die Band spielfreudig und vital. Auch das Auftreten der Musiker trug viel zu diesem Eindruck bei. Zwischen den Songs stand Bassist Jorge Guerra am Bühnenrand und scherzte mit den Roadies; als Sänger Freddy Cricien Probleme mit seiner Stimme hatte, sprangen einfach ein paar Sänger und Nichtsänger von anderen Bands hinter dem Mikrophon ein – alles für die Gang! Obwohl Madball vom Hersteller des Energydrinks «Monster» gesponsert werden, hat man im Vergleich zum verkrampften Elan von Hatebreed nicht das Gefühl, diese Band werde wie eine Firma geführt.

Im Vergleich zu Power Trip konnte man nach einigen Minuten Hatebreed zum Schluss kommen, dass hier gerade das Schlechte aus Hardcore und Metal kombiniert wurde: prollige Einfältigkeit mit geschmackloser Flammen-Totenkopf-Ästhetik und einem infantilen Drang, brutal zu wirken. Hatebreed fehlte die asketische Agilität des Hardcore, aber auch die nerdige liebe fürs Extreme des Metal. Man sieht also wieder einmal: Nicht die Mischung, sondern die Art der Mischung machts.