Nach dem Wolkenbruch ist vor dem Nuclear Blast

, 07.08.2019

Une Misère üben auf dem Basler Wagenplatz für die grossen Hallen. Dann regnet es ins Mischpult. Thou spielen doch noch. Mit Feuer und wenig Sound aus wenig Strom.

Wie sie tapfer ausharren, in ihren engen schwarzen Hemden und engen schwarzen Hosen, mit dem Rücken zu der Handvoll Leute auf einem Basler Wagenplatz, in der Containerbühne gerade so vom plötzlichen Wolkenbruch geschützt und darauf wartend, dass sie ihr Konzert vielleicht doch noch fortsetzen können, hat das auch etwas von Abschied. Als wäre eine verdiente Hardcore-Truppe zum letzten Mal vor dem Fussvolk angetreten. Dabei sind die sechs Isländer von Une Misère allesamt noch ziemlich jung. Dass sich an einer DIY-Show ein Schwall Wasser durch eine schwache Stelle im Blachenverdeck über das Mischpult ergiesst und ein Stromausfall den Sound plötzlich abreissen lässt, werden sie trotzdem nicht so bald wieder erleben.

Denn: Dies sei nun ein Song von ihrem Debütalbum, das in Kürze beim deutschen Mega-Metalabel Nuclear Blast erscheinen werde, hat Sänger Jón Már Ásbjörnsson noch kurz zuvor auf einer Box stehend das Publikum wissen lassen und darum gebeten, es möge bitte mitsingen, wer den Text kenne. Dabei klang er etwa wie der Sänger einer grossen amerikanischen Hardcoreband, oder zumindest wie einer, der für die grossen Hallen probt, vielleicht auch die in Amerika.

Une Misère

Das ist nicht despektierlich gemeint, schliesslich sind Une Misère mit ihrem trotz poppigen Refrains tektonisch-brachialen Hardcore eine der ersten Bands von der fernen Insel, die ich gesehen habe, bei der einen der nationale Zauber aus Feen, Vulkanen und ewigem Winter nicht aus jeder Faser der Musik anwispert – stilübergreifend.

Da hat es bereits zu regnen begonnen und einer der Organisator*innen des «Tales of Drone – Chapter I» betitelten Abends versucht zu Füssen der tatsächlich den Text der pumpenden Hymne mitsingenden Aficionados bereits hastig, Monitorboxen und Effektgeräte vom Bühnenrand weg ins Trockene zu schieben.

Als das Mischpult nass wird und die Boxen schweigen, drängen sich die Leute mit Farmer-Bier für die unbestimmt dauernde Pause gerüstet in den Skatepark des Wagenplatzes. Dort geben sich Une Misère beim Merchandise-Verkauf Mühe, trotz des gerade erlebten einen einigermassen ungerührten Eindruck zu machen. Auch wenn das Problem grösser zu sein scheint, als anfangs geglaubt – auch beim Tangokurs in der Hütte nebenan ist der Strom ausgefallen – bleibt die Stimmung heiter. Alle gehen irgendwie davon aus, dass es, wie auch immer, irgendwann weitergehen wird.

Dank Stromgenerator ging es nach dem regenbedingten Unterbruch weiter

Und dann: DIY! Neben der schlammfarbenen Ritterskulptur tuckert auf einmal ein kleiner Stromgenerator los und verströmt charmant Benzingeruch in der Skatehalle. Ein Kraftstoff…haben wir nicht gerade noch von Rammstein geredet und ihrer Solidaritätsbekundung für LGBTQ auf einem ihrer Konzerte in Polen? Egal, denn jetzt scheint es tatsächlich noch etwas zu werden mit Thou, der grossartigen Sludgeband aus New Orleans. Der Generator tuckert wacker, ein Soundcheck wummert, römische Einsen – für das erste Kapitel der «Tales of Drone» – brennen vor den beiden Containertürflügeln der Bühne und ein paar Fans klettern für einen guten Blick auf den nahen Schutthügel.

Sie hätten da etwas gebastelt und er könne ihnen anbieten, eine Punkshow zu spielen, habe er die Band gefragt, sagt der Organisator, der bei Une Misère noch versucht hatte, die Technik ins Trockene zu bringen. Die Band nimmt an und spielt die Punkshow. Das notdürftig zusammengehornbachte Setup – der Sound wird lediglich anhand einer Monitorbox gemischt – hält, man muss nur etwas näher ran. Intensiv wird das Konzert dadurch, die Fans stehen jetzt quasi mit auf der Bühne.

Dort tauschen die Gitarrist*innen und der Schlagzeuger immer wieder fragende Blicke, offenbar hören sie sich nicht besonders gut. Davor aber klingt das, was sie spielen, so wie eine Punkshow eben klingen soll: kratzig, schepprig und trotzdem mit viel Punch. Die dünnen Schreie von Gitarristin Kara Stafford beim Misfits-Cover «Hybrid Moments» passen genauso gut zum beinahe im Wortsinn postapokalyptischen Minimalismus des Konzerts wie die fiese Raspelstimme von Bryan Funck, die auch im extremen Metal ihresgleichen sucht.

Ob sie eine Punkshow spielen wollten, wurden Thou gefragt. Sie nahmen das Angebot an.

Es ist hier quasi im Aggregatszustand des Feststoffs zu hören und zu sehen, was an Thou Punk ist: die Zügellosigkeit, der Witz, die Haltung natürlich. Hingegen bleibt eher auf der Strecke, was an Thou Metal ist: das Schwere, Düstere und Erhabene, wie es High-End-Technik mit druckvollem Sound, der alle Tonhöhen und –nuancen differenziert klingen lässt, zu betonen vermag. Dieser Sound muss auch ein wenig schimmern, dichtes Fleisch muss am Knochen der monströsen Riffs hängen, damit sie sich entfalten und zu riesigen Walzen auftürmen können.

Doch hier in diesem gebastelten Pavillon, die Gitarren nur noch über die Verstärker laufend (mehr gäbe der Strom nicht her), der Gitarrensound im Vergleich zur Stimme geradezu dumpf, erscheinen Thou ein wenig, nun ja, nackt. Doch es ist schön sie so zu sehen, nicht nur das Charisma der Musiker*innen zu spüren, sondern auch ihre Agilität als Band zu beobachten.

Der Tatsache, dass man während des Konzerts vor und auf der Bühne – die beiden Räume fallen ja eh weitgehend in eins – kaum noch atmen kann, weil von den brennenden Ziffern her beissender Rauch alles einnebelt, begegnen Thou auflockernd: Der vegan und drogenlos lebende Sänger bittet die Leute in den vorderen Reihen darum, doch bitte die Zigaretten auszumachen. «Überall, wo wir hinkommen, werben wir dafür, mit dem Rauchen aufzuhören», witzelt Funck, lässt die Sonnenbrille auf die Nase rutschen, stampft mit den Flip-Flops und raspelt fröhlich weiter in die Nacht am Rheinhafen.

Mitarbeit: huz