Mit Engeln unter der strahlenlosen Sonne

, 19.05.2018

Von auratisch bis messianisch: Das Roadburn Festival stellte auch in diesem Jahr das Aufregenste aus Metal und Umgebung aus. Die Nachlese zum heavy Rave in Tilburg.

wasteofspaceorcherstra-RB17-NielsVinck-1
Das Waste of Space Orchestra mit Mitgliedern von Oranssi Pazuzu und Dark Buddha Rising

Die Abendsonne hing schon tief über Tilburg, als wie aus dem Nichts der Freund aus Berlin angerannt kam. Es war das erste Mal, dass wir uns begegneten, auf einem Festival mit knapp 4000 BesucherInnen, und es war bereits Samstag. Dass man am Roadburn eben gut aneinander vorbei festivieren kann, zeigte auch unser anschliessendes Gespräch über die bisherigen Konzerte. Wir hatten es beide geschafft, kaum eine Band gesehen zu haben, von der der andere vorschwärmte – bis auf Hällas, darauf konnten sich an diesem Wochenende viele einigen. Die Konzerte von San-Diego-Bands in der Skatehalle vor skatenden TilburgerInnen? Klingt toll, aber leider verpasst. Auf die Frage, ob er jetzt wenigstens zu Mizmor kommen würde, meinte er nur: «Wir gehen zu Volcano tanzen» – und war wieder weg. Bis zum Ende des Festivals sollten wir uns nicht mehr sehen. Zwischen Black Metal und dem sonnigen Psychedelic Rock des zum «San Diego Takeover» gebündelten Gastspiels verschiedener Bands aus der Szene der kalifornischen Metropole bot das Wochenende in Tilburg eben wieder die Möglichkeit zu ganz verschiedenen Parcours, die sich nicht einmal kreuzen mussten. Ein Festival kann auch trennen statt verbinden.

Neue Altare
Sorgsam in Häppchen war auf dieses Jahr die Erweiterung des bewährten Festivalgeländes rund um den mitten im historischen Tilburg gelegenen Multiplex «013 Poppodium» angekündigt worden. Insbesondere vor der Kirchenbühne «Het Patronaat» waren die Anstehzeiten in den letzten Jahren zunehmend eskaliert. Wer dabei war, wird sich etwa an den Ärger vor dem Auftritt der Basler Band Schammasch im letzten Jahr erinnern. Die Hinzunahme der beiden Bühnen «Koepelhall» und «Hall of Fame» lag also nahe. Und doch war es erstaunlich zu sehen, wie organisch und stilvoll man ein Indoor-Festival in einer nicht ganz so grossen Stadt wachsen lassen kann. Tilburg scheint einen nicht enden wollenden Vorrat an famosen Konzerthallen zu haben. Gelegen in einem alten, zwischenzeitlich von Hausbesetzern verwalteten Industrieareal mauserte sich insbesondere die «Koepelhall» auf Anhieb zum Dach für denkwürdige Konzerte.

kikagakumoyo-RB17-NielsVinck-6
Die neue Koepelhall beim Konzert der japanischen Band Kikagaku Moyo

Zwei davon spielten Thaw und Furia, beide aus Polen. Verbunden zwar durch den in beidem Gruppen spielenden Artur Rumiński, liegen sie in Klang und Präsentation doch Welten auseinander. Nach Thaw mit ihrem von tonnenschweren Doom-Schlägen gebrochenen Black Metal mit Synthesizer und Minimalästhetik gaben Furia die vielleicht böseste Band des Festivals ab. Bemalte Gesichter, nackte Oberkörper und der immer wieder neben dem Mikrofon polnisch Flüche ins Publikum raunzende Michał «Nihil» Kuźniak – Furia boten ein Black-Metal-Spektakel der alten Schule. Mit den verschrobenen Riffs und Anleihen an Psychedelic Rock und Folk sind Furia musikalisch jedoch recht progressiv unterwegs und damit für viele Grund genug, auf Converges zeitgleiche Darbietung ihres Klassikers You Fail Me auf der Hauptbühne zu verzichten.

Furia-1Black-Metal-Spektakel der alten Schule: Furia

Der Gestaltungswille der VeranstalterInnen zeigt sich auch in der Sprache, in der sie ihr Festival verkaufen. Das beginnt bei den Facebook-Posts zu neuen Bands und endet bei der Beschreibung des neuen Campingkonzepts. Ja, selbst die Verarbeitung und Einordnung des Konzertgeschehens vom Vortag kann sich der schmeichelnden Hand der Roadburn-Care nicht entziehen und wird vom täglich erscheinenden, in der Ästhetik alter DIY-Fanzines gehaltenen Rückblick «Weirdo Canyon Dispatch» unterstützt.

Jedes Jahr kümmert sich ein wechselnder Kurator um einen Teil des Lineups, in diesem Jahr war es Jacob Bannon, Sänger und Coverkünstler, der mit seinen Bands Converge und Wear Your Wounds insgesamt drei Konzerte spielte. Doch bei allem Bestreben zum Vermeiden von Wiederholung und Redundanz gibt es Konzerte, die sich durch ein Element der Erfahrung oder die Position der Bands im momentanen Diskurs der «heavy» Musik ähneln. Nachfolgend ein Versuch, die Distinktion zu typisieren.

Messianische
Musikalisch und politisch ist in den letzten Jahren einiges in Bewegung geraten im Metal. Und weil das Neue nirgendwo in der Szene so geschätzt wird wie am Roadburn, ist das Festival der ideale Ort, die Bands zu feiern, bei denen etwas Ersehntes anbricht. Im letzten Jahr kam diese messianische Rolle dem Basler Manuel Gagneux und seiner Band Zeal & Ardor zu, deren gefeierter, auch von technischem Ungemach nicht aufzuhaltender Auftritt Black Metal und Black Music versöhnte. Eine ähnliche Stimmung herrschte dieses Jahr beim Konzert der Liverpooler Black-Metal-Band Dawn Ray’d, die letztes Jahr mit antifaschistischer Agenda und dem hervorragenden The Unlawful Assembly haben aufhorchen lassen. Ihr Auftritt in der Hall of Fame war ein dreckiges, hingerotztes Stück Punk, roh dargeboten mit Gitarre, Geige und Schlagzeug. Die Stimmung war euphorisch, wenngleich die Besetzung mit nur einer Gitarre soundtechnisch an Grenzen stiess. Es ging bei diesem Auftritt mehr um die Präsenz von Geschichte als um die Geschichtlichkeit einer brillanten Darbietung.

Hãllas-4Die Erlösung des Retro-Rocks: Hällas

Auf eine andere Art sehnlich erwartet worden war der Auftritt der Retrorocker Hällas. Ihr Messianismus ist ein nostalgischer, der einer aus der Rockvergangenheit gesandten Band, die einen Hauch vergangenen Glücks in die düstere Gegenwart verpflanzt. Wie gut passt da der Titel ihres gefeierten Albums: Excerpts from a Future Past. Diese Hymnen, allen voran «Starrider», diese Hammond-Schauer, diese Zwillingsgitarren, diese Chöre und vor allem der engelhafte Tommy Alexandersson mit seiner Hotness zwischen David Bowie, Anni-Frid Lyngstad und Xenia (ja, die aus der Trash-Serie) – Hällas‘ Glanz erteilt der anhaltenden Retrorock-Welle die Absolution! Und weil die Schweden ihre auf Tonträger weich und warm klingenden Hits wie «The Golden City of Semyra» oder «The Astral Seer» live mit metallischem Druck und Schärfe spielen, flogen zwischen den tanzenden Berserkern und Elfen auch die Haare.

Rare
Bands aus Übersee oder überhaupt Bands, die man schon immer mal sehen wollte, die aber kaum in Europa spielen oder ein Album haben, auf dem man besonders diese zwei Songs aus der zweiten Hälfte liebt, von dem die Band aber immer nur den einen Hit spielt – am Roadburn gehen unerfüllte Wünsche manchmal in Erfüllung. Mit Panopticon wurde wie mit Wolves in the Throne Room im letzten Jahr eine der Ur-Bands des sogenannten Cascadian Black Metal aus den nordamerikanischen Wäldern auf die Hauptbühne geholt.

Bandkopf Austin Lunn hat erst vor einigen Jahren eine Band zusammengestellt, mit der er seine Black-Metal-Epen über Wälder, Mythen, Anarchismus und Arbeiterkämpfe live spielt. Während die Aufführung des neusten Streichs The Scars of Man on the Once Nameless Wilderness tags zuvor in Het Patronaat sehr gut gewesen sein soll, verwehte Panopticons typisch verwaschene Klangtextur in der weiten Halle vor der Hauptbühne leider etwas. Schon Wolves in the Throne Room war es ähnlich ergangen und es stellt sich die Frage, ob Bands, deren charakteristischer Klang verwaschen und von Hall dominiert ist, im 013 am besten aufgehoben sind.

Die Koepelhall erwies sich für atmosphärischen Black Metal als besserer Resonanzraum. Das zeigte sich etwa beim Auftritt von Mizmor, einer weiteren raren Gelegenheit, die das Festival bot. Es war erst das zweite Konzert der Gruppe überhaupt und das erste Mal, dass Mizmor in Europa zu sehen waren. Präzise und ohne Showelemente gespielt, ohne dabei die lovecraftsche Unbehaglichkeit einzubüssen, die das in voller Länge gespielte Album Yodh wie ein kalter Strom unterspült. Überraschend war auch A.L.N.‘s Performance als Frontmann, der mit schlichtem grauem T-Shirt und schickem Kurzhaar eher aussah wie ein hipper New Yorker Werbemensch als eine obskure Kellerassel, aber dank der Mimik eines Heimgesuchten das Abgründige nicht vermissen liess.

Mizmor-3
Hip, aber mit lovecraftscher Tiefenkälte: Mizmor

Mit Cult of Luna wurde ich bislang nie so richtig warm. Umso beglückender, dass mich die Aufführung von Mariner, einer Kollaboration der Post-Metaller aus Umeå mit der New Yorker Sängerin Julie Christmas von 2016, mit am nachhaltigsten beeindruckte. Wunderbar, wie helle Drones und zarte Arpeggien immer wieder von Gewittern aus monolithischen Riffs, Schlagzeugwirbeln und Elektro-Synthies zugeschüttet wurden, um sich dann wieder auszugraben.

Cult of Luna & Julie Christmas-4_paul_verhagen
Behielten elegant Distanz zueinander: Julie Christmas und Cult of Luna

Erstaunlich wie das sonst oft zum Kitsch neigende Wechselspiel von harschen Shouts und zartem Klargesang bezauberte und die beiden Stimmen dabei elegante Distanz zueinander hielten. Souverän, wie Christmas‘, mal glockenhell und fein singend, dann wütend kreischend, für sich stand, ohne sich dem Metal anzubiedern.

Schwere(lose)
In den Hallen, den Kellern und Kirchen von Tilburg wird jedes Jahr von neuem eine momentane Definition dessen versucht, was «heavy music» ist. Dazu werden immer auch Bands eingeladen, deren Musik ästhetische Schnittmengen mit Metal im weitesten Sinne teilt, ohne Metal zu sein. Letztes Jahr etwa waren die Rap-Gruppe Dälek oder die Experimental-Rocker Oxbow solche geliebten Nachbarn. In diesem Jahr kam mit Godspeed You! Black Emperor gar der Headliner aus der Aussenwelt. Die beiden Auftritte der legendären PostrockerInnen aus Kanada gehörten zu den beklemmendsten und schönsten des Festivals.

GodspeedYou!BlackEmperor-Koepelhal-Roadburn2018-21042018-JostijnLigtvoetFotografie-23
 Godspeed You! Black Emperor mit live produzierten Super-8-Visuals

Die oft über eine Viertelstunde hinweg evolvierenden, bald schwebenden, bald stampfenden Instrumentalstücke wurden von Super-8-Aufnahmen von zerfallenden Städten und kargen Landschaften begleitet, die ein sehr beschäftigter Techniker live auf vier Projektoren abspielte. Wie der Filmmann ständig zwischen den wie an einer Garderobe aufgehängten Filmbändern und Projektoren hin und her hastete war ein produktionstechnisches Spektakel für sich, das auch den genau beobachtenden Einar Selvik in den Bann zog, nachdem er einige Stunden zuvor mit seinem Nordic-Folk-Orchester Hugsjá selbst die Hauptbühne bespielt hatte.

Als gitarrendominierte steht die Musik von Godspeed! dem Roadburn-Sound zumindest produktionstechnisch nah. Ganz anders verhält es sich mit der Zusammenarbeit von Zonal, dem elektronischen Nebenprojekt von Godflesh-Gitarrist Justin Broadrick,  und der Rapperin Moor Mother, die am Sonntag direkt nach dem überragenden Konzert von Wiegedood für den maximalen Kontrast der musikalischen Mittel, nicht so sehr jedoch des Temperaments sorgte. Gerade hatte die aggressivste Formation aus dem belgischen Kollektiv Church of Ra, unter anderem mit Mitgliedern von Amenra und Oathbreaker, das mit Abstand beste Black-Metal-Konzert des Festivals gespielt. Scharf und wuchtig bestrahlte das Trio die gefüllte Halle mit seinen hypnotischen Songs, gleissend in den rasenden Teilen und durchaus groovig in den gedrosselten.

zonal-RB17-NielsVinck-1
Ein apokalyptischer Föhnorkan: Zonal & Moor Mother

Auf die Black-Metal-Band ohne Bass folgten nun elektronische Bässe wie Föhnorkane und hektische Breakbeats, auf denen Moor Mothers verstörender Flow tanzte. Mit ihrem apokalyptischen Grundton fügte sich die Zusammenarbeit zwischen Broadrick und der vom Afrofuturismus inspirierten Musikerin, Lyrikerin und politischen Aktivistin Camae Ayewa nahtlos in den sich zu diesem Zeitpunkt bereits seinem Ende nähernden Metal-Rave.

Singuläre
Zonal feat. Moor Mother hätte auch in die letzte Kategorie dieser Typologie von Roadburn-Konzerten gepasst: die singulären. Oder, wie man mit Walter Benjamin vielleicht sagen könnte: die auratischen. Denn um die «einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag» (Benjamin), um das ausserhalb eines bestimmten Settings nicht Reproduzierbare, geht es, wenn Musiker verschiedener Bands Kompositionen extra für das Festival schreiben, so geschehen bei Vánagandr: Sól Án Varma und Waste of Space Orchestra.

Letzteres, bestehend aus den Psychedelic-Black-Metallern von Oranssi Pazuzu und den Experimental-Stonern Dark Buddha Rising, beide Teil des finnischen «Wastement»-Kollektivs, eröffnete am Donnerstag das Programm auf der Hauptbühne: ein stündiges Konzert mit zwei Schlagzeugern, zwei Synthie-Stationen und verschiedenen Sängern, insgesamt zu zehnt waren sie auf der Bühne. Das Waste of Space Orchestra erzählte eine esoterische Geschichte über drei Charaktere: The Shaman, The Seeker und The Possessor. Aus einem hypnotischen Strom typischer Oranssi-Pazuzu-Grooves eruptierten schrille Tremolos und übersteuerte Screams, die dicke Synthesizer und schwere Stonerriffs in Bodennähe hielten. Beeindruckend, wenngleich der kritische Zuschauer nebenan raunte, die Synthese, insbesondere der beiden Schlagzeuger, sei nicht ganz gelungen, und meinte, es spielten hier zwei Bands zu sehr nebeneinander her.

wasteofspaceorcherstra-RB17-NielsVinck-6
Was bist du, Schamane oder Seher? Das Waste of Space Orchestra

Zum ersten Mal ausgestellt wurde das isländische Black-Metal-Schaffen am Roadburn 2016, als Misþyrming «Artist in Residence» waren und drei Konzerte spielten. Ereignisse wie das energische Konzert von Naðra und der Überraschungsauftritt von Misþyrming im letzten Jahr oder die Kollaboration von NYIÞ und Wormlust mit dem Namen Hieros Gamos in diesem Jahr hinterliessen ihre russigen Spuren in den heiligen Hallen von Tilburg.

So gesehen war das monumentale Sól Án Varma (übersetzt etwa Sonne ohne Strahlen) auf der Hauptbühne die Krönung der mehrjährigen Regentschaft des isländischen Black Metal über Tilburg. Vor der gigantischen, ständig die Färbung wechselnden Animation einer Nahaufnahme der Sonne spielten sich sieben Mitglieder, unter anderem der oben genannten Bands, durch eine Stunde mäandernde Klanglava zwischen rasenden Ausbüchen, psychedelischen Dissonanzen und zähen Drones.

VÁNAGANDR-RB17-NielsVinck-2
Die Krönung der Regentschaft des isländischen Black Metals über Tilburg

Ausser einer beim Eingang an alle Fans verteilten Auflistung der als «Variante 1 bis 10» nummerierten Stücke («Afbrigði I-XI») gaben Vánagandr keine Informationen zum von Svartidauði-Sänger Sturla Viðar erzählten Stoff. So lag es am Publikum selbst, sich zu erklären, weshalb die Musiker nach etwas mehr als der Hälfte des Konzerts in diese unsäglichen weissen Kostüme aus Jeans und ärmellosen Shirts schlüpften. Ein bisschen Rockoper-Käse musste wohl sein. Beiden Auftritten, die sich mit ihren Konzepten und ihrem erzählenden Charakter wirklich als «Black-Metal-Opern» beschreiben lassen, gelang es, ein Gefühl von einmaliger Präsenz zu wecken. Zumindest bis zur nächsten Aufführung von Sól Án Varma und Waste of Space Orchestra und den «Live At Roadburn»-Alben davon. Beides, war sich der raunende Kritiker nebenan sicher, wird bestimmt nicht lange auf sich warten lassen.