Mit den Wölfen heulen

Schon bei ihrer letzten Europatour 2012 spielten Wolves in the Throne Room in Winterthur, damals im Salzhaus. Im Gaswerk zeigten sie nun mit einem brillanten Auftritt, was Live-Black-Metal im besten Fall ist: kein Leistungssport, sondern eine kollektive Anstrengung zur Beschwörung einer Atmosphäre. Mit der Vorband Wiegedood haben sie Seelenverwandte mitgebracht.

DSCF6707Wolves in the Throne Room

Nein, eine grazile Gestalt ist er nicht, dieser Nathan Weaver. Ziemlich klein gewachsen und von knorriger Statur, das Haar zerzaust, der Gang schlurfend. Der Sänger und Gitarrist von Wolves in the Throne Room steht zwischen den Regalen eines 24-Stunden-Shops einer Winterthurer Tankstelle und kauft Reiseproviant. Mir kommt bei diesem Anblick eine vom amerikanischen Gründervater Thomas Paine stammende Phrase in den Sinn, die Simon Maurer, der Kurator des Museums Helmhaus in Zürich, kürzlich an einer Vernissage zitiert hat: «from the sublime to the ridiculous», vom Erhabenen zum Lächerlichen. Paine wollte mit ihr darauf hinweisen, wie nahe die beiden nebeneinanderliegen, dass oft nur ein Schritt sie trennt. Und das ist hier wieder mal ganz frappant: Wüsste man nicht, was für eine triumphale Musik dieser Mann aus seinen Fingerchen zaubert und dass er zusammen mit seinem Bruder Aaron Weaver vor über einem Jahrzehnt den Black Metal neu erfunden hat, man müsste nicht so grinsen, wenn man ihn hier vor diesem Regal Chips und Bananen in eine Tüte stecken sieht.

Ein ein paar Hundert Meter oder eben ein Schritt weit entfernt im Gaswerk, wo Wolves in the Throne Room kurz nach dem Roadburn Festival zusammen mit den grossartigen Wiegedood auf ihrer ersten Europatour seit 2012 vorbeischauen, ist dieses Grinsen wieder meilenweit entfernt. Auf der Bühne tut die Band viel fürs Erhabene. Würziger Rauch liegt in der Luft, über unlesbaren, von Wurzeln umrankten Wörtern blicken Waldtiere von langen Bannern herunter, das gedämpfte Bühnenlicht schummert durch Nebelschwaden und die MusikerInnen wirken in ihr Spiel versunken, als wollten sie diese Musik eher sich selber als einem Publikum vorspielen. Trotz allem Gerede davon, Wolves in the Throne Room seien Post-Black-Metal oder sonst irgendwie frei von «trueness»: In ihrem Hang zum Rituellen ist die Band – Satan hin oder her – Black Metal durch und durch.

Unisono raspeln
Das gilt bis zu einem gewissen Grad auch für ihren musikalischen Ansatz. Wolves in the Throne Room verstehen Metal nicht als Leistungssport, sondern als eine kollektive Anstrengung zur Beschwörung einer Atmosphäre. Und darin ist diese Band – besonders live – geradezu lächerlich gut. Das Herzstück ihres Livesettings sind drei Gitarren, die klanglich und rhythmisch meist im Unisono-Modus raspeln – statt über- oder nebeneinander sind sie eher in- und durcheinander, zur Textur gebündelt. Ausnahmen bilden die Momente, in denen sich eine von Nathan Weavers triumphalen Lead-Melodien aus der Soundwand löst, um einem der weitläufigen Bögen Kontur zu geben.

Die meisten Songs von Wolves in the Throne Room dauern ziemlich lange. Das mag eine banale Feststellung sein. Überraschen kann es aber darum, weil in ihnen zwar keine schrecklich komplizierten Dinge geschehen, man aber dennoch nie die Erfahrung von Längen macht. Weil es einfach kaum möglich ist, sich nicht in ihnen zu verlieren. Wolves in the Throne Room machen Musik fürs Unbewusste.

Die überwältigende Wirkung, die dieser Soundstrudel entfaltet, ist umso erstaunlicher, als er vor allem aus Höhen besteht. Tiefen gibt es nur vom Synthesizer, aus dem ein flauschiger Bass unaufdringlich unter den Gitarren wabert. Das Schlagzeug tänzelt dazu angenehm hölzern den Puls im Hintergrund. Zusammen mit den verträumten Melodien, denen die Gitarren entlang wandeln, ergibt das ein ganz freundliches Schauspiel – gebrochen nur von Nathan Weavers Stimme, die in manchen Passagen wahrhaft abgründige Qualität annehmen kann.

Viel Vergangenheit
Bis auf einen einzigen neuen Song war die Setlist an diesem Mittwochabend fest in der Vergangenheit verwurzelt. Die Band spielte vor allem Stücke von Two Hunters, ihrem Durchbruchalbum von 2007. Wie sie es vor einer Dekade bereits gemacht hat, pflegt die Band ihre Konzerte auf dieser Tour mit dem epischen «I Will Lay Down My Bones Among the Rocks and Roots» abzuschliessen. Und auch dieser neue Song, «The Old Ones Are With Us» heisst er (hier in einer Aufnahme aus Wien), fügt sich nahtlos ein ins alte Material. Nach Celestite (2014), das komplett frei war von verzerrten Gitarren, zeigt die Band damit wohl an, dass sie auf dem anstehenden Album wieder das machen wird, was sie am besten kann: radikale Gitarrenverdichtung.

Nicht nur Club-Mate und vegane Hot Dogs
Mit Wiegedood haben sich Wolves in the Throne Room eine Art seelenverwandte Band mit auf Tour genommen. Das beginnt schon ganz oberflächlich mit dem Bühnensetting ohne Bassgitarre. Die Band aus dem belgischen Gent hat daher ein dekoratives Setting von je einem Bass- und einem Gitarren-Verstärker pro Gitarre hinter sich aufgetürmt. Doch was die Band auf einer tieferen Ebene verbindet, ist ihr Umgang mit dem Black Metal.

Wiegedood teilen zwei Mitglieder mit Oathbreaker, einer Band, die mit Hardcore, Post- und Black Metal arbeitet und bei der klare Vocals die Regel sind – ziemlich «post» also. Nun werden offenbar auch an Wiegedood-Konzerten Club-Mate und vegane Hot Dogs verzehrt, aber musikalisch ist das eine ganz andere Geschichte. Gut zu beobachten auf dem dieses Jahr erschienenen, bemerkenswerten Album De Doden Hebben Het Goed II.

Hier ist zu hören, wie Wiegedood immer wieder das Territorium der zweiten Black-Metal-Welle der neunziger Jahre vermessen: das meditative Riff etwa, das sich in «Cataract» gemächlich über einem geraden Beat ausbreitet, trägt deutliche Züge von Burzum; oder im ebenfalls langsam gehaltenen Titeltrack erinnert manche Wendung der Riffs an Gorgoroth. Im besten Fall sind diese Referenzen Inspiration statt Wiederholung – immer aber sind sie eingebettet in einen atmosphärischen Gesamtklang, hinter dem eine Bewusstsein von Bands wie Wolves in the Throne Room steckt.

Eine hippe Version von 1349
Wirklich brillant aber sind «Ontzieling» und «Smeekbede», der rasende Auftakt und Ausklang des Albums. In diesen Stücken, die auch das Konzert in Winterthur einklammern, klingen Wiegedood wie eine hippe Version der norwegischen Rabauken 1349. Die messerscharf und wendig gespielten Riffs unterscheiden sich klar vom meditativen Gestus der Gitarrenarbeit bei Wolves in the Throne Room. Bei Wiegedood herrscht oft blanke Raserei: das von einer exponierten Gitarre eingeführte Hauptriff von «Ontzieling», das sich anfühlt wie eine Fahrt in der Spur einer Carrera-Spielzeug-Rennbahn, oder der wüste Galopp von «Smeekbede».

Die Seelenverwandtschaft der beiden Bands besteht also darin, dass sie das klassische Repertoire des Black Metal nicht in dem Masse seinem rituellen Kontext entreissen, wie das Bands wie Oathbreaker oder Deafheaven tun, sondern es aus diesem Kontext heraus auf ein neues Level zu heben versuchen. Das ist eben nicht «post» Black Metal, sondern mitten in seiner Gegenwart.