Mimesis ans Bewegende

, 10.05.2017

Oxbow und Sumac geben eine merkwürdige Tour-Konstellation ab. Doch die Dekonstruktion von Rock und Metal der beiden Bands lässt einen im Reinen mit der Vergänglichkeit von allem zurück.

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Aaron Turner von Sumac, Foto: Jörg Kandziora, kandziora-photo.de

Schon vorher hatte er sich kurz gezeigt, der schwarze Graf. Das Gesicht unter einem breitkrempigen Hut versteckt und den Mantelkragen trotz Hitze hochgeschlagen, drückte er sich im Keller des Berliner Klubs Cassiopeia herum und sah der ersten Band des Abends Maneki Nekro zu. Wie er da so stand, gab Eugene S. Robinson, Sänger der experimentellen Rockband Oxbow, schon ein seltsames Bild ab, hier unten so adrett gekleidet, in der Hitze. Es war ein Herumstehen, das gut zum Titel des aktuellen Albums der Band The Thin Black Duke passt. Hier könnte einem die von Rapper Eminem erschaffene Kunstfigur «The Real Slim Shady» in den Sinn kommen. Die volle Abseitigkeit der Figur des nicht so dünnen schwarzen Grafen entfaltet sich aber erst dann, wenn man Robinson auf der Bühne sieht.

Wie ein Boxer auf dem Weg zum Ring
Im Cassiopeia musste er sich den Weg dorthin erst einmal durch das dichtstehende Publikum bahnen – ein Akt, den er aus seiner Laufbahn als Kampfsportler kennen dürfte. Sowieso hat es Robinson mit dem Kampf. Für das Magazin Vice hat er Kampfsport-liebende Musiker in einer Kolumne nach der besten Einlaufmusik gefragt und er hat das Buch Fight: Everything You Ever Wanted to Know About Ass-Kicking but Were Afraid You’d Get Your Ass Kicked for Asking geschrieben. Auch beim Konzert am Freitag fehlte die Einlaufmusik nicht. Zwar handelte es sich dabei um eine verschrobene Kammermusik. Gerade dadurch erfüllte sie aber ihre Funktion, Publikum und Kämpfer, in diesem Fall die Band, in die angemessene Stimmung zu versetzen perfekt.

Was Oxbow auf der Bühne aufführen, trägt tatsächlich Züge eines Kampfs. Buchstäblich, wenn Robinson schattenboxend und ins Mikrofon ächzend hin und her, vor und zurück tänzelt und im Lauf des Konzerts, wie ein Boxer seinen Kampfmantel, Schicht um Schicht seiner Kleider ablegt, bis seine tätowierten Pentagramme, Schlangen und anderen okkulten Symbole zu sehen sind.

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Oxbow, Foto: Jörg Kandziora

An den blutigen Mixed-Martial-Arts-Kämpfen soll das geübte Auge ja die Ambivalenz zwischen gewaltsam und schön schätzen. Die Dekonstruktion diverser Rock- und Band-Konventionen, die die Gruppe aus San Francisco seit ihrem Debüt Fuckfest (1989) betreibt, ist vielleicht auf eine ähnliche Weise gewaltsam und schön. In der minimalistischen Musik wirkt eine Zentrifugalkraft, die die Instrumente und Robinsons Gesang permanent auseinanderzuzerren scheint. Robinson ächzt, stöhnt, jault – flüstert, haucht und singsangt aber auch. Alles in allem hat sein bizarres Crooning mit Gesang weniger zu tun als Black-Metal-Gekreisch.

Von Zeit zu Zeit hängt er ein bei einem eingestreuten 4/4-Takt oder einem harmonischen Akkord, dann wieder knirscht er seine rätselhaften Verse nachgerade autistisch, als würde er Busse tun, in sich hinein, während  Greg Davis (Schlagzeug), Dan Adams (Bass) und Niko Wenner (Gitarre, Piano) atonalen Miniaturen entlang jammen. Die technischen Fertigkeiten des Jazz, der Rotz von Punk und Dada, die Grantigkeit von Noise und die Experimentierlust der Neuen Musik verbinden sich bei Oxbow zu einem wendigen Klangmonster, das keine Hierarchien und kaum Synchronität kennt. (Für einen verstörenden ersten Kontakt sei das Album King oft the Jews empfohlen).

«This music is about love»
Auch Sumacs Musik kennt kaum lineare Verläufe. Wenn es mal im ruhigen Post-Rock-Wellengang dahingeht, fällt ein rhythmischer Bruch ein, wenn ein eingängiges Riff oder ein Melodiefragment aufscheint, wird es von einem Noise-Loch eingesogen. Nichts ist von Dauer. Blubbernde Gitarren steigern sich zu stampfenden Märschen, denen aber jeder Gleichschritt fehlt, weil Aaron Turner (Gitarre und Gesang), Nick Yacychyn (Schlagzeug) und Joe Preston (Bass, in Vertretung von Brian Cook) ihr Spiel oft in scheinbar getrennte zeitliche Dimensionen kapseln, die jedoch stets eng miteinander verwoben sind. An manchen Stellen scheint die rhythmische Bindung zwischen den Instrumenten jedoch tatsächlich aufgelöst. Doch dann treffen sie sich, der eine am Anfang, der andere am Ende seines Motivs stehend, plötzlich wieder für ein treibendes Riff, was jeweils wie eine mathematische Pointe anmutet. Ob der Fülle von Taktmustern, Riffs und Drones, die Sumac zu einer Chaos vorgebenden Textur verdichten, geht fast vergessen, wie minimalistisch das Dispositiv der Band mit Gitarre, Bass und Schlagzeug im Grunde ist.

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Foto: Jörg Kandziora

«This music is about love». Es gehe um das Leben, darum, einander und sich selbst zu lieben, aber auch um den Verlust von Liebe und Leben. Das waren die einzigen Worte, die Turner an das Publikum richtete, da war das Konzert bereits vorbei. In ihrem Licht erscheint Sumacs Musik mit ihren Brüchen und Diskontinuitäten, mit ihren Zuständen von Fülle und Leere, mit ihrer verworrenen Schönheit letztlich, tatsächlich als Mimesis an Liebe und Leben.

Mathematisch und emotional
An manchen Stellen steigen Turners gurgelnde Growls aus dem Chaos empor, röhren für einige Momente ausgestellt durch den Raum, gekitzelt nur von einem leise kratzenden, den abgedrückten Saiten entlockten Störgeräusch, um wieder im emotionalen Taumel aus tiefen Akkorden, Bass-Drones und ungreifbaren Schlagzeugmustern zu versinken. Emotional ist das, weil Sumacs Musik, auch wenn sie unglaublich komplex arrangiert ist, stets auf einer intuitiven Ebene funktioniert. Das Oszillieren zwischen Verdichtung und Auflösung, zwischen Blastbeats und zeitlupenartigen Noise-Improvisationen, gleicht einem Gefühlsgewitter von rasch aufeinanderfolgenden Ausbrüchen und Entspannungen.

Nichts ist von Dauer, und bei Sumac lässt das glücklich zurück. Denn der Trost lautet: Nichts verhärtet.