«Manchmal denke ich, die Stadt ist
ein einziger grosser Drone»

, 09.08.2017

Regelmässig wie eine Maschine produzieren Ancst aus Berlin jedes Jahr mehrere EPs – wahlweise in den Genres Blackened Crust oder eine Mischung aus Dark Ambient und Drone. Im Interview spricht Songwriter und Sänger Tom über sein Verhältnis zu Black Metal und zur Grossstadt und erklärt, weshalb er rechte Tendenzen nicht primär als Problem der Subkultur sieht.

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Auf ihrer im Frühling erschienenen EP Furnace führen Ancst vor, was bei der gelungenen Fusion von Black Metal und Hardcore herauskommt: Musik, die brachial, melödiös und eingängig zugleich ist. Und auch wenn in knapp zwei Wochen die Split-EP mit King Apathy erscheint, wird das Fliessband nicht zum Stillstand kommen; zu Weihnachten könnte es nochmals besinnlich werden.

Alpkvlt: Ein Vierteljahrhundert nachdem in Norwegen die Kirchen brannten, macht böse Musik kaum mehr Angst. Machen Ancst böse Musik?
Tom: Überhaupt nicht. Im Endeffekt sind wir eher eine Emo-Band. Vom Norwegen der 90er Jahre sind wir ganz weit weg. (lacht)

Eine Emo-Band?
Von der inhaltlichen Ausrichtung her sicher eher als Black Metal. Wenn ich Emo sage, spreche ich von den Sachen aus den 90er/2000er Jahren, von DIY-Bands wie Jawbreaker, aber vor allem von Emoviolence-/Screamo-Bands wie Orchid, The Assistant oder deutschen Bands wie Acme oder Arsen aka König der Monster. Den Anspruch, gesellschaftskritische und politische Musik zu machen, teilen wir mit dem DIY-HC-Mikrokosmos.

Woher kommen die Black-Metal-Anteile?
In meiner Jugend wurde ich mit extremem Metal sozialisiert, auch mit viel Black Metal. Doch irgendwann war mir der Rock’n’Roll und was manche Bands an rechtsextremer Haltung an den Tag legten zuwider, auch wenn ich die Musik nach wie vor sehr gerne hörte. Darum habe ich irgendwann den Sprung zum Hardcore gemacht. Der war mir inhaltlich näher an meinem Leben dran als Metal.

Meist läuft die musikalische Sozialisierung ja umgekehrt: als Steigerungsparcours in Richtung extremer Metal.
Mein erstes Metalalbum war mit zwölf Jahren Napalm Deaths Inside the Torn Apart. Musikalisch konnte es also von Anfang an kaum noch extremer werden. (lacht)

Der Rückgriff auf Black Metal war ein zufälliger Effekt deines Musikgeschmacks?
Das erste Demo habe ich zu einer Zeit aufgenommen, als es mir persönlich nicht so gut ging. Meine ganzen alten Black-Metal-Platten passten dann ganz gut zu meinem Gemütszustand und ich hab mich neu verliebt in die Musik, mit der ich aufgewachsen bin. Ganz zufällig sind die Black-Metal-Anteile also nicht.

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Euer Stil wird oft «Blackened Crust» genannt. Gibt es für die Entwicklung von Ancst wichtige Bands dieser Richtung?
Sicherlich Iskra. Eine explizit antifaschistische Band mit kritischen Texten, die aber streckenweise fast reinen Black Metal spielt, inklusive Covers von Immortal und Marduk. Auch Suicide Nation sollte ich hier nennen. Unser leider ausgeschiedener zweiter Sänger Torsten und ich waren geradezu vernarrt in den Song «Collapse & Die».

Ist linke Aneignung von Black Metal Teil von Ancsts Konzept?
Ich sehe es vor allem als musikalische Neuinterpretation. Wir sind im Kern eine Crossover-Band. Wir mischen Hardcore mit melodischem Death oder Black Metal von At the Gates bis Dissection. Auch Metalcore, wie ihn die frühen Undying oder Heaven Shall Burn gespielt haben, ist mit drin. Bands aus Norwegen haben mich, abgesehen von Ulver und Immortal, kaum beeinflusst. Ich bevorzuge eher den schwedischen Sound von Bands wie Dark Funeral, Marduk und neuerdings auch sowas wie Gates of Ishtar oder Vinterland.

Neben Black Metal auch Ambient zu machen, ist schon ziemlich Burzum…
Da habe ich mir tatsächlich gedacht: Die Norweger haben das doch in den 90ern auch gemacht. Aber davon abgesehen gibt es in unserem Mucker-Freundeskreis eine gewisse Tradition, neben dem Geballer immer mal wieder mit Drone, Noise oder Ambient zu experimentieren und das Ganze dann auf Tape zu veröffentlichen. Auch Ulvers Schritt von Metal hin zum Avantgardekram und insbesondere die beiden EPs Silence Teaches You How to Sing und Silencing the Singing haben grossen Einfluss auf mich gehabt.

Zurück zu Burzum. Machst du die Trennung von Autor und Werk nicht mit?
Das fällt mir immer noch schwer, auch wenn ich über die Jahre etwas entspannter geworden bin. Die letzte Platte von Mgła habe ich zum Beispiel total genossen, obwohl ich bei denen auch nicht durchblicke, wo die politisch stehen. Aber ja, ich mache die Trennung nicht mit. Ich habe kein Bedürfnis, Menschen mit für mich fragwürdigen Ansichten zu supporten. Für mich sind KünstlerIn und Werk unbedingt im Kontext zu betrachten. Was NSBM-Bands (National Socialist Black Metal, rop) angeht, sind wir strikt. Wer bei unseren Konzerten mit Absurd-Shirt aufkreuzt, fliegt raus.

Prüft ihr bei Festivalauftritten das Lineup, bevor ihr zusagt?
Bis heute spielen wir hauptsächlich in selbstverwalteten DIY-Locations, oft in besetzten Häusern, da stellt sich die Frage nicht. Es werden aber auch immer häufiger Metalshows, was ich super cool finde. Und da würde ich jetzt nicht unbedingt absagen, nur weil auch eine Band spielt, mit deren Ansichten ich nicht übereinstimme. Mir ist es wichtiger, hinzufahren, Flagge zu bekennen und das Maul aufzukriegen. Wir haben einen emanzipatorischen Anspruch und inhaltlich was zu sagen. Subkulturelle Freiräume wie AJZ und besetzte Häuser, wo wir auch heute noch meistens und gerne spielen, sind wichtig für die Entwicklung von diesen Diskursen und müssen verteidigt werden. Aber dort ist man halt schon meistens einer Meinung. Warum sollten wir nicht auch vor Leuten spielen, bei denen das nicht unbedingt der Fall ist? Mit einer meiner anderen Bands, Henry Fonda, sind wir auf einem Festival einmal in dieses Spannungsfeld geraten.

Was ist geschehen?
Es war auf einem kleinen Metalfestival in Deutschland, auf dem auch viele Nazis mit tätowierten Hakenkreuzen und schwarzen Sonnen auf der Brust herumliefen. Mit Fonda machen wir auch politische Ansagen und, sagen wir mal so, es erging uns nicht besonders gut auf dem Festival. Wir gingen da nicht mehr alleine auf die Toilette. Aber neben den ganzen Rechten, die uns ausgebuht und am Merchandise-Stand belämmert haben, kamen auch viele alteingesessene Metaller zu uns, die sagten, wie gut sie es fänden, dass wir auf dem Festival spielten und dass wir uns klar gegen Rassismus, Homophobie und Sexismus positionierten. Es gibt genügend Leute, denen die Szene etwas bedeutet. Die sollte man nicht alleine lassen, vor allem ausserhalb der Grossstädte.

Das sagten auch Ultha, nachdem sie im Frühling in Teilen der linken Subkultur in Ungnade gefallen waren, weil sie auf einem Festival aufgetreten waren, auf dem auch die Band Inquisition spielte, die eine problematische Vergangenheit hat.
Ich finde es gut, dass Ultha auf dem Vendetta Fest gesagt haben, dass sie als Black-Metal-Band mit antifaschistischem Hintergrund auch weiterhin dahin gehen wollen, wo es wehtut. Ich finde es legitim als Band auch Leute ausserhalb des eigenen Mikrokosmos an deinen Ideen und Ansichten teilhaben zu lassen. Auf der anderen Seite halte ich es aber auch für das gute Recht von Konzertlokalen und VeranstalterInnen, selber die Regeln festzulegen, ab wann eine Band für sie nicht mehr tragbar ist. Absagen wenige Stunden vor einem Auftritt, wie sie bei Ultha offenbar auch vorgekommen sind, finde ich hingegen nicht hinnehmbar. Auch was da sonst noch abgegangen ist, mit Drohungen gegen die Band und unser Label Vendetta: Da wurde eine Grenze überschritten.

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Sind die Probleme mit rechten Tendenzen im Black Metal hausgemacht?
In Szenen und damit auch Konzerten oder Festivals spiegeln sich meiner Meinung nach generelle gesellschaftliche Tendenzen. Rechte Unterwanderung ist nicht ein Problem der Subkultur – und übrigens ist längst nicht nur Metal davon betroffen, auch in Teilen der Hip-Hop- und Hardcoreszene ist sie zu beobachten –, sondern der ganzen Gesellschaft. Auch linke Musikszenen sind keine «safe spaces», so schön das auch wäre. Klar, du siehst dort keine Faschos rumrennen, aber Sexismus, Homophobie und Rassismus finden auch dort statt.

Findest du dennoch, dass RassistInnen in der Metalszene zu viel Freiheit gewährt wird?
So ist leider teilweise meine Erfahrung. Wenn du VeranstalterInnen von Metalfestivals fragst, wie sie es mit verfassungsfeindlichen Symbolen halten, kriegst du oft zu hören: «Solange die Leute nicht gewalttätig sind, unternehmen wir nichts.» Nach dem Motto: «Ich kann mit allen Bier trinken, lass uns nur nicht über Politik reden.» Diese Attitüde stört mich ganz klar. Auch der weltweite Rechtsruck ist in diesem Licht zu sehen. Wenn sich ganz Deutschland darüber echauffiert, dass ein paar Autos beim G20-Gipfel ausbrennen, aber es anscheinend kein Problem ist, dass pro Jahr fast 1000 Übergriffe auf Geflüchteten-Unterkünfte stattfinden, frag ich mich, was eigentlich los ist.

In Berlin ist das Leben als Linker doch ziemlich angenehm…
In der Innenstadt sicher, hier trauen sich Nazis nicht wirklich auf die Strasse und wenn sie es tun, ist das eher eine Lachnummer. Draussen in Marzahn-Hellersdorf oder so kann es aber auch anders aussehen.

Auch in ländlichen Gebieten in Schleswig-Holstein oder Mecklenburg-Vorpommern ist Rechtextremismus verbreiteter und alltäglicher sichtbar.
Absolut! Die Landflucht junger Menschen in die Grossstädte ist da nicht besonders hilfreich, muss ich anmerken. In der Blase der Grossstadt siehst du viel zu selten, was in den ländlichen Teilen Deutschlands passiert. Das ist nicht gut. Ich finde es wichtig, auch in Gegenden zu spielen, wo wir sonst nicht so hinkommen. Es geht ja nicht darum, den Leuten meine Ansichten aufzudrängen, geschweige denn, Rechtsextreme zu überzeugen. Aber ich diskutiere gerne nach Konzerten – auch über Politik – und finde es wichtig, mich gegen den Rechtsruck zu engagieren.

Songs wie «Urban Tomb» oder «Spark» drehen sich um negative Aspekte des Lebens in der Grossstadt. Wie steht es um das Verhältnis von Ancst zur Stadt?
Es ist auf jeden Fall ambivalent. Drei von uns sind in Berlin aufgewachsen, das Urbane prägt uns als Menschen wie als Band und ist definitiv unser wichtigstes Thema. Einerseits schätzen wir an Berlin die aktive und gut vernetzte Subkultur, in der wir uns auch bewegen. Aber ich sehe auch vieles kritisch. Die Partykultur und den Umgang mit Drogen etwa, wie ihn viele hier praktizieren. Ich kenne viele Leute, die in eine Art Sumpf geraten sind, zum Teil auch mit schweren psychischen Problemen. Ich bin davon überzeugt, dass das oft mit dem urbanen Setting zu tun hat. Ich meine damit die tägliche Reizüberflutung, den Stress, den Lärm, oberflächliche, schnelllebige soziale Konstrukte, beschissene Jobs, Armut, Flucht in Drogen, Partys etc. Manchmal komm‘ ich mir vor wie in einem grossen Beton-Gefängnis mit lauter Irren drin.

Also nichts wie raus aufs Land?
Ich bin trotzdem ganz froh in der Stadt zu leben. Es gibt diese Momente, in denen ich mich total im Urbanen gefangen fühle und die Stadt verabscheue. Geh mal in einer Samstagnacht über die Warschauer Brücke, dann weisst du, was ich meine. Da sehne ich mich manchmal schon nach einer ruhigen Hütte im Wald. Wir sind aber definitiv keine Öko-Black-Metal-Band wie Wolves in the Throne Room. Auch mit anderen Formen von romantischer Überhöhung der Natur, die ja gerade im Black Metal häufig nationalistisch gefärbt ist, haben wir selbstredend nichts zu tun.

Sind die Dark Ambient/Drone-Veröffentlichungen der Soundtrack zur Flucht aus dem Trubel?
Nein, auch das ist für mich Stadtgeräusch. Wenn ich nach einer Dark-Ambient-Session auf dem Balkon eine Zigarette rauche, denke ich manchmal, dass die Stadt ein einziger grosser Drone ist.

Der vereinzelte Musiker, der in seinem Schlafzimmer seine Musik aufnimmt: wieder eine typische Black-Metal-Geschichte.
Irgendwie schon. (lacht) Ich nehme die Musik von Ancst grösstenteils alleine auf, übernehme das Mastering und die Gestaltung der Artworks. Nach dem Ausstieg unseres zweiten Sängers Torsten schreibe ich nun auch alle Texte.

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Weshalb bezeichnet ihr euch trotzdem als «Kollektiv»?
Als es noch keine Pläne für Veröffentlichungen gab, dachte ich, es wäre cool, wenn alle möglichen Leute in irgendeiner Form an diesem Projekt mitwirken würden. Als Vendetta In Turmoil als LP rausbringen wollte, musste ich mir Leute suchen, die Lust hatten, das live zu spielen. Vendetta konnte ja nicht auf 500 Platten sitzenbleiben. So ist Ancst zu einer Band geworden.

Wie würdest du die Black-Metal-Szene in Berlin beschreiben?
Grundsätzlich sind die Hardcore- und die Metalszene in Berlin eher getrennt. Da ich mich eher in ersterer bewege, kenne ich mich nicht so aus. Allerdings gibt es um unser Label Vendetta eine kleine alternative Szene, die korrektem Black Metal relativ offen gegenüber steht. Vendetta selbst war ja mal ein Hardcore-Label. Irgendwann haben die ex-Emos halt angefangen, Black Metal zu spielen. (lacht) Auch neuere, düstere Hardcore- und Screamo-Bands wie Love/Lust, Frvst oder Hektik mischen die beiden Genres immer wieder neu.

In eurer Diskographie steht einer grossen Anzahl von EPs und Splits mit Moloch nur eine «vollwertige» Veröffentlichung gegenüber. Habt ihr etwas gegen Alben?
Ich selbst bleibe häufig bei Split-Releases und EPs hängen, wogegen es mir Probleme bereitet, ein ganzes Album am Stück durchzuhören. Einerseits spiegelt dieser Veröffentlichungsmodus also eine persönliche Präferenz wider. Auch aus geschäftlicher Sicht ergibt die Veröffentlichung von EPs für mich Sinn. Täglich tauchen neue Bands auf und verschwinden wieder. Mit mehreren Veröffentlichungen pro Jahr bleibst du im Gespräch.

Nicht alle Labels lassen den Bands diese Freiheit.
Vendetta macht uns keine Vorschriften. Als DIY-Band sind wir uns diese Freiheit gewöhnt und wollen sie auch nicht aufgeben. Wir werden auch weiterhin Splits, EPs und den Ambient-Kram veröffentlichen. (lacht)

Mit Furnace habt ihr in diesem Jahr schon eine EP veröffentlicht. Im August kommt eine Split mit King Apathy. Ist zu Weihnachten also noch eine Ambient-Platte fällig?
Gegen Ende des Jahres könnte schon nochmal etwas in die Richtung kommen. Voraussichtlich kommt davor sogar noch eine Split. Ausserdem könnte es bald eine Kollaboration mit dem Dark-Ambient-Projekt Voydn aus Halle geben.

Gibt es auch Pläne, die Ambient/Drone-Sachen live zu spielen?
Bisher dachte ich immer, dass das für die Leute unglaublich langweilig wäre, sich zwei Stunden diese wabernden Flächen anzuhören. Ich schliesse es aber nicht aus. Ich habe auch schon mit Midi-Controler, Keyboard und Sampler rumprobiert. Damit Dark Ambient oder Drone ein Erlebnis sein kann, sind aber gutes Licht, vielleicht ein paar Videoprojektionen und eine sehr gute Anlage nötig. Vor allem die Bässe müssen im ganzen Körper spürbar sein. Wenn sich ein Setting ergibt, in dem alle diese Bedingungen stimmen, warum nicht!

Eine kurze Liste von Tom mit Bands, die «einen ganz guten Spagat zwischen Hardcore und Black Metal hinlegen»: Iskra, Depravation, No Haven, Welk, Love/Lust, Cara Ceir, Whorls