Knochenschaufler, Brandstifter

, 17.01.2018

Gerade mal fünf Konzerte umfasste Watains Minitour durch Europa anlässlich ihres neuen Albums Trident Wolf Eclipse. Eines davon fand vor einer Woche im ausverkauften Berliner Lido statt. Die Band bot ein Spektakel mit brennender Bühne und neuen Songs, die sofort zündeten.

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Um die Knochen zu sehen, musste man weit vorne stehen. Durch das Verhau aus rostigen Dreizacken und anderem grobem Zaungerät sah man dann gerade noch auf die Haufen von Tiergebeinen, die Watain vor ihren Verstärkern aufgeschüttet hatten. Selbst bei erhelltem Raum nach dem Konzert fielen sie erst kurz vor dem Fotograben stehend ins Auge. Als würden die Knochen eher für die Band selbst dort liegen als für das Publikum. Nun gehören Watain zu den Bands, denen man zutraut, dass nur solche magische Aufladung des Bühnenraums ihre Seelen an den entrückten Ort zu bringen vermag, von dem aus sie so intensive Konzerte wie das im Lido in Berlin spielen. Dann verzeiht man ihnen auch, dass sie ihre Crew vor den Konzerten Knochen schaufeln lassen. Wobei, vielleicht übernehmen das die Bandmitglieder ja auch selbst, wie die Herstellung der Requisiten.

Erst mal die Bühne anzünden
Zu Watains spirituell aufgespritztem Furor kam am Mittwoch die Konstellation von ausgehungerter Band und ausgehungertem Publikum hinzu. Ihre letzte Tour haben Watain 2016 gespielt, zum letzten Mal in Deutschland 2014 und das Konzert im Lido war nach der Plattentaufe in Stockholm erst die zweite von fünf Stationen, an denen die Band ihr am 5. Januar erschienenes Album Trident Wolf Eclipse vorstellte.

Zum Einzug der Band tauchen bedrohliche Drones und gedimmtes Licht das Lido in gespannte Erwartung. Als letzter betritt Sänger und Zeremonienmeister Erik Danielsson mit einem brennenden Knochen die Bühne, der Fackelträger des von ihm besungenen schwarzen Feuers, mit fanatischem Blick Beschwörungen murmelnd, und zündet erstmal ein paar Bühnenelemente an. Die Eruption der Ekstase wird zwecks Aufbau von Aura nochmals hinausgezögert. Dann brettern Watain mit einer selbstvergewissernden Hymne los – und scharen das Publikum sofort hinter sich. «Legions of the black light / Chosen sons of snakes», hallt es gespenstisch durch das Lido, die Fäuste schiessen in die Luft, das Corpsepaint leuchtet, die Bühne brennt.

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Erik Danielsson trägt das Feuer ins Lido – auf einem brennenden Knochen

Der apokalyptische Wildwestroman Blood Meridian von Cormac McCarthy ist erklärtermassen eines von Erik Danielssons Lieblingsbüchern. Die Geschichte über eine Horde nihilistischer Skalpjäger, die Indianer abschlachten und von ihnen abgeschlachtet werden, liest sich wie ein Panorama für Watains Ästhetik und ihr Narrativ von der Black-Metal-Band als verheerend durch die Länder ziehendes Wolfsrudel, dem auch mal ein Mitglied wegstirbt. Wie Blood Meridian stellt auch Watains Bühne eine lebensfeindliche und abstossende Landschaft; der Raum, in dem die Band agiert, ist geprägt von Flammen, Knochen und rostigem Metall. Einen Eindruck davon gibt das an Halloween veröffentlichte Musikvideo zu «Nuclear Alchemy». Auch auf der Bühne inszeniert sich Danielsson als Dompteur der infernalischen Umwelt. Sekundenlang hält er den ledergeschienten Arm ins Feuer. Er stopft einen Tierschädel aus und zündet ihn an, worauf sich der Gestank verbrannter Haare im Saal ausbreitet. Und am liturgischen Ende des Konzerts bringt er die brennenden Dreizacke mit einer Armbewegung zum Erlöschen.

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Die Songs von Trident Wolf Eclipse funktionieren prächtig

Seinen Teil zur fanatischen Stimmung im Lido trug sicherlich auch Trident Wolf Eclipse bei, Watains bemerkenswertes neues Album. Vier Jahre nach dem epischen The Wild Hunt, dem deutlichsten Zeugnis von Watains seit Sworn to the Dark zunehmender Orientierung am Heavy Metal, dürften die Erwartungen an das neue Werk gemischt gewesen sein. Gut denkbar, dass viele neuere Fans erst mit dem zugänglichen The Wild Hunt zu Watain gefunden haben. Vielleicht ist das thrashig-brutale Trident Wolf Eclipse für einige von ihnen nun eine unheimliche Begegnung mit den harschen Anfängen von Watain.

Trident Wolf Eclipse überrascht und überzeugt
Die alten Fans hingegen dürften froh sein, dass das neue Album derart ruppig und eingedampft herausgekommen ist. Wie ein glühender Sturm fegen die 33 Minuten von Trident Wolf Eclipse über einen hinweg, statt ausladende Songs mit Mitsingrefrains gibt es haufenweise gerissene Tempowechsel und kakophone Soli. Von melodiösen Riffs und Leads getragene Momente sind selten, sie finden sich etwa in den «Sacred Damnation» oder «Towards the Sanctuary». In letzterem lodert die wilde Schönheit von Dissection, zu deren letzter Besetzung Danielsson (Livebass) und Sed Teitan (Gitarre) gehörten. Die Songs sind kürzer denn je und das ganze Werk erinnert in seiner Dichte an Klassiker des Thrash Metal wie Kreators Pleasure to Kill oder Slayers Reign in Blood. Dabei fühlt sich Trident Wolf Eclipse nicht regressiv, sondern wie ein atavistisch inspirierter Sprung nach vorne an.

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«Furor Diabolicus»: Alvaro De Lillo

Live funktioniert das Klick-Klick-Bang von «Nuclear Alchemy» oder «Furor Diabolicus» vorzüglich. Die frischen Songs bilden einen willkommenen Kontrast zu Hymnen wie «Sworn to the Dark» oder «Black Flames March». So ging es hin und her zwischen zügellosem Tempo und kontrollierten Märschen, zwischen berstenden Ausbürchen und messerscharf dargebotenen Riffketten. Auch das Spiel von Livedrummer Emil Svensson (Degial) passt perfekt in diese Dynamik zwischen dionysischem und apollinischem Prinzip. Und das Lido mit seinem vielen Holz und der hohen Decke erwies sich als perfekter Resonanzkörper. Watains Musik lebt, obschon direkt und sehr laut, auch von ihrem Detailreichtum, von der komplexen Einheit von überwältigender Soundwand und feinen Melodie- und Rhythmusfiguren. Im weiten Saal konnte sich diese Textur wunderbar entfalten ohne zu verwischen. Indoor? Unbedingt! Nur schon, um die von den entflammten Verstärkern und Dreizacken ausgehende Hitze zu spüren und den Gestank zu riechen. Aber bei allem Knochenkult und aller Brandstifterei waren Watain im Lido definitiv dort, wo sie heute hingehören: nicht mehr in den Keller, sondern in die Kathedrale.