«Dann musst du
Volksmusik spielen»

Tribes of Caïn sind zurück! Nach einigen Jahren ohne Album und Auftritte feierte die Black/Death-Metal-Band ihr Comeback auf dem Meh-Suff-Festival. Im Interview sprechen Gitarrist Reto Hofstetter und der neue Sänger Wojtek Chochlewicz über die Kunst des grossen Riffs und geben einen Einblick in die Arbeiten am neuen Album.

tribes_of_cain

Kurz nach ihrem Auftritt auf dem Hüttikerberg sitzen Gitarrist Reto Hofstetter und der neue Sänger Wojtek Chochlewicz auf einem abgewetzten Sofa im Backstagebereich des Meh-Suff-Festivals. Sie scheinen im Lot. Im Gespräch mit den beiden bestätigt sich der Eindruck von Tribes of Caïn als Band, die in ihrem längeren Sabbatical an Souveränität gewonnen hat. Auch ohne Emissionen sei die Band den Mitgliedern immer ein Bedürfnis geblieben, sagen die beiden. Tribes of Caïn wissen heute, was sie als Freunde und als Band erreichen wollen. Sie seien eher untot als tot gewesen, sagte Reto schon bei der Anfrage für das Gespräch. Was aber treibt eine untote Band?

Reto: Wir haben ein paar Jahre ohne Releases und Auftritte hinter uns, doch Tribes of Caïn war im Hintergrund immer aktiv. Einige Mitglieder hörten auf, neue kamen hinzu, wir haben geprobt, Musik geschrieben.

Was waren die Gründe für den Rückzug?
Reto: Das hing sicher mit dem Privatleben der Bandmitglieder zusammen. Chrigi (Sennhauser, der ehemalige zweite Gitarrist, rop) hat irgendwann geheiratet, die Zeit wurde bei allen knapp. Sven (Gryspeerdt, der ehemalige Sänger, rop) wollte andere Musik spielen.

Mussten Tribes of Caïn sich erneuern?
Reto: Ich wollte die Band sich auf natürliche Weise neu formieren lassen, ohne diesen Prozess zu beschleunigen, Anzeigen zu schalten oder so. Ich gehe nicht in den Bandraum, nur um Musik zu machen. Ich will mich auch auf die Leute freuen. Dann kann dir eine Probe am Freitagabend die Energie zurückgeben, die du unter der Woche liegengelassen hast.

Wojtek: Andere betrinken sich zusammen, wir machen Musik. Einfach, weil wir eine scheiss Freude daran haben.

dscf6061
Wojtek Chochlewicz und Reto Hofstetter

Wie ergab sich die neue Stimme, Wojtek?
Reto: Wir kannten uns schon lange, eigentlich hatte ich ihn als Gitarristen gespeichert. Irgendwann im Ausgang antwortete er auf meine Frage, ob er nicht auch singen könnte, mit:  «Klar, ich bin Sänger.» So ähnlich ist das auch bei den anderen neuen Mitgliedern gelaufen.

Die Band hat sich sozusagen organisch erneuert …
Reto: Ja. Auch als wir eine Weile zu dritt waren dachten wir: Wenn es so bleibt, ist das auch okay.

Euer Auftritt gerade eben war der erste seit über fünf Jahren. Hattet ihr dazwischen keine Angebote?
Reto: Doch, erstaunlicherweise immer wieder. Wir haben aber immer abgelehnt.

Woher kam der Sinneswandel?
Reto: Als Marc vom Meh Suff vor etwa eineinhalb Jahren anrief, wollte ich zuerst abblocken mit der üblichen Erklärung, wir seien nicht in der Verfassung. Dann erklärte er mir die Planung für das zehnjährige Jubiläum und wir fanden: Doch, das ist ein guter Anlass, um auf die Bühne zurückzukehren.

Ihr habt eingespielt gewirkt.
Woj: Es hat unglaublich Spass gemacht. Die meisten Bandmitglieder kenne ich seit einer Ewigkeit, heute stand ich zum ersten Mal mit ihnen auf der Bühne.

Reto: Das war auch unser Anspruch an heute: Spass haben und nachher zufrieden sein mit dem Auftritt. Dieses Ziel haben wir erreicht.

Reto, was hat es mit deinem Shirt und der russischen Ankündigung des neuen Albums auf eurer Facebook-Page auf sich? (Auf dem Shirt prangt ein kyrillischer Schriftzug, der sich mit «Russische Armee» übersetzen lässt)
Reto: Wegen meiner Liebe zu Sprachen, Literatur und Skandinavien habe ich Nordistik studiert und zwei Jahre in Schweden gelebt. Diese Liebe ist ungebrochen. Inzwischen habe ich begonnen, Russland zu entdecken. Ich bin dieses Jahr zweimal hingereist und war extrem fasziniert.

Russland ist auch ein grosser Markt, Bands wie Eluveitie feiern dort riesige Erfolge. Wollt ihr Russland erobern?
Reto: (lacht) Nein, sicher nicht. Der Einfall kam mir unter dem Eindruck der Reisen, dahinter stehen keine kommerziellen Überlegungen.

Ihr müsst auch kein Geld verdienen mit der Musik.
Reto: Nein, das anzustreben wäre utopisch und ist im extremen Metal den wenigsten Bands vergönnt. Wenn du das Geld vor Augen hast, beginnst du dich zu verbeugen. Plötzlich findest du ein Riff zu extrem – der Anfang der Selbstzensur. Das wollen wir auf keinen Fall.

Ihr habt für 2017 ein neues Album angekündet. Wie weit seid ihr mit dem Material?
Reto: Einige Songs existieren schon seit längerer Zeit, wurden aber wiederholt abgeändert. Zwei Drittel der Musik sind fertig und auch der Rest nimmt langsam Form an, ebenso das Artwork.

Wird es ein klassisches Tribes-of-Caïn-Album, also melodischer Black/Death Metal?
Reto: Wir hatten, was die Musik betrifft, nie Tabus, eher sowas wie natürliche Leitplanken. Darin werden wir uns auch in Zukunft bewegen, denke ich. Das neue Material ist aber strukturell ein bisschen simpler und dadurch atmosphärischer, finde ich.

Warum die Reduktion?
Reto: Wenn ein Song mit Riffs und Effekten überladen ist, kann ich plötzlich das Gefühl dafür verlieren. Wir versuchen uns zurzeit darin, simple, gute Songs zu schreiben.

Die Kunst des grossen Riffs …
Reto: Genau. Wenn Bands mit opulentem Bühnenbild und dünnen Keyboards versuchen eine «epische» Atmosphäre zu erschaffen, empfinde ich das oft als unlautere «Abkürzung» durch Ablenkungen, die nach kurzer Zeit in die gähnende Leere der Belanglosigkeit führen. Diese Aura nur mit Gitarre, Bass, Drums und Gesang hinzukriegen, wie das etwa Dissection meisterhaft beherrschten, darin liegt für mich die hohe Kunst.

Vom Sound her würde ich Tribes of Caïn wie gesagt als melodiebetonten Black Metal in der Tradition von Dissection bezeichnen. Auf der Bühne verzichtet ihr komplett auf die für das Genre typischen visuellen Elemente wie Schminke, Blut oder Kostüme.
Reto: Was die Einordnung unserer Musik betrifft, würde ich zustimmen, wenngleich ich der Meinung bin, dass sie an vielen Stellen davon abweicht. Auf der Bühne versuchen wir keine Show zu machen, sondern uns als Individuen zu präsentieren. Aber klar, wenn Woj plötzlich rosa Turnhosen anziehen wollte, würde das nicht passen (lacht).

Woj: So wie wir auf der Bühne sind, sind wir wirklich. Da ist nichts gespielt, alles echt.

Woj, hast du schon Texte geschrieben?
Woj: Noch nicht. Aber es ist der Wunsch der Band, dass ich mich da einbringe. Wir arbeiten kollektiv, wenn jemand einen geilen Text hat, bringt er ihn.

Reto: Diese Freiheit besteht nicht nur beim Gesang. Inti (der Drummer, rop) ist auch schon mit einem Riff in den Bandraum gekommen.

Ihr hattet auch schon französische oder schwedische Texte. Kommt also bald etwas in Polnisch?
Woj: Das wird es sicher geben …

Reto: Da haben wir einen hohen Anspruch. Nichts Schlimmeres als eine Band, die einen holprigen Text in gebrochenem Schwedisch oder so schreibt …

Man kann es auch zum Stilmittel erheben, wie Urfaust das tun …
Reto: Das ist dann aber humoristisch und wir wollen nicht lustig sein.

Steht eine Ideologie hinter Tribes of Caïn?
Reto: Wir haben kein Manifest im Bandraum hängen oder so. Alle sind jedoch gefestigte Persönlichkeiten und sehen sich als Individualisten. Wir gehen unseren Weg, ohne nach links und rechts zu sehen. Das kann man, wenn man will, als unsere Ideologie bezeichnen.

Wie wird der Vertrieb beim kommenden Album laufen? Seid ihr auf der Suche nach einem Label oder bietet ihr das Album wie die ersten beiden gratis zum Download an?
Reto: Die ersten beiden Alben haben wir von Anfang gratis zur Verfügung gestellt, aber auch physische Exemplare verkauft. Beim dritten hatten wir ein Label und das Bereitstellen der Musik zum kostenlosen Download wurde uns aus rechtlichen Gründen untersagt. Trotzdem, oder gerade deswegen, haben wir weniger davon verkauft als von den ersten zwei Scheiben. Wie das neue Album vertrieben wird, haben wir noch nicht besprochen. Wir pflegen gute Kontakte zu Labels. Ich persönlich würde es aber wieder zum Gratis-Download anbieten.

Worin seht ihr die Vorteile des Gratis-Downloads?
Reto: Wir haben nicht die Illusion, das grosse Geld mit unserer Musik zu verdienen. Und wenn jemand unsere Werke hören will, Spass daran hat und sich die Musik dadurch verbreitet, finden wir das super. Wer die Songs downloaden will, wird sie sowieso irgendwo finden.

Woj: Ich sehe es genau wie du. Wer wirklich Booklet und Artwork haben will, der bezahlt auch gerne für eine CD oder Vinyl.

Wie wird das gratis Abgeben der Musik  in der Szene bewertet?
Reto: Ich weiss nicht genau, wir sind halt nicht so Szenis (lacht). Es gab aber schon Zeiten, in denen sich die Bands beinahe gewerkschaftlich organisierten und sagten: Keine Band spielt mehr unter 500 Franken Gage. Doch wie gesagt: Wenn du mit Musik reich werden willst, musst du Volksmusik spielen.

Eluveitie sind ja auch irgendwie Volksmusik …
Reto: Zumindest nennen sie sich «New Wave of Folk Metal», ja. Für grossen monetären Erfolg ist es in der Schweiz wohl nach wie vor nötig, gänzlich aufs «Volk» zu fokussieren und den «Metal» zurückzunehmen. Ich kenne die Jungs gut (Kay Brem, Bassist von Eluveitie spielte von 2004-2006 in Tribes of Caïn, rop) und habe allergrössten Respekt davor, was Chrigel (Glanzmann, Kopf der Folk-Metal-Band Eluveitie, rop) mit seinem Ding erreicht hat. Im Zentrum der Band steht seit ihren Anfängen Chrigels Vision, die nie für kommerziellen Erfolg angepasst wurde. Obwohl die Musik von Eluvetie meinen Geschmack nicht ganz trifft, war es unglaublich beeindruckend zu sehen, wie in Moskau tausende Russen ihre Songs aus voller Kehle mitgesungen haben. Diese Gänsehautstimmung evozieren Eluveitie regelmässig, weltweit.

Wie beurteilt ihr die Entwicklung der Szene in der Schweiz? Junge Bands wie Bölzer oder Schammasch werden international stark rezipiert.
Woj: Ich denke es hat sich nichts gross verändert im Vergleich zu früher. Es gibt genauso viel gutes Neues, wie belangloses.

Reto: Dank der Verbreitungsmöglichkeiten des Internets nehme ich insgesamt mehr qualitativ gute Bands wahr als früher. Nimm etwa Bölzer. Als ich damals, einige Zeit nachdem ich sie erhalten hatte, eine ihrer EPs eingeschoben habe, hat es mich weggeblasen. Ich dachte: «Holy Shit, der Hammer!» Nicht umsonst sind sie und Deathcult beide bei Fenriz‘ «Band oft the Week» (breit gelesener Facebook-Blog des Darkthrone-Mitglieds Fenriz, rop) geworden und erfreuen sich inzwischen internationaler Bekanntheit.