Im duftigen Reich
von Russ und Rauch

, 11.12.2017

Das Beste kommt zum Schluss. Die «Astral Maledictions»-Tour brachte zum Jahresende feinsten Black Metal aus dem Underground ins Urban Spree in Berlin: Almyrkvi und Sinmara zeigten die vulkanische Schönheit des Reykjaviker Black Metal. Sortilegia verwandelten den Konzertraum in eine infernalische Schwitzhütte.

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Gitarristin und Sängerin Koldovstvo von Sortilegia erhebt den Messkelch

Black Metal und der Geruch pflegen seit jeher ein inniges Verhältnis. Dead von Mayhem soll an Tierkadavern gerochen und seine Bühnenkleider vergraben haben, um sich in Stimmung zu bringen, Wikipedia weiss vom «extremen Gestank», der bei früheren Konzerten von Watain von toten Tieren auf der Bühne ausgegangen sein soll. Diese profane Seite des Todeshauchs, Verwesung und Moder, droht BesucherInnen von Black-Metal-Konzerten heute nur noch selten, worüber die meisten froh sein dürften, wenngleich NostalgikerInnen des authentisch Bösen das womöglich anders sehen. Ganz anders sieht es dagegen mit dem sakralen Odeur aus. Weihrauch und andere liturgische Düfte, die sich Bands aus was-weiss-ich-nicht welchen Kulten entlehnen, wehen an Konzerten gerne aus Räucherkerzen und Duftschalen in die stickigen Klubs.

Infernalische Schwitzhütte
Auch Sortilegia, Headliner der wunderbaren Tour «Astral Maledictions», verbrennen während ihren Konzerten zuhauf Weihrauch auf einem mit Kerzen, Totenschädel und liturgischem Kelch drapierten Altar. Nebel, Feuchtigkeit und Rauch füllten im Berliner Klub Urban Spree die wenige verbliebene Luft zwischen den dicht stehenden ZuschauerInnen und drangen bis in den hintersten Winkel des Raums, während Gitarristin und Sängerin Koldovstvo ihre betörend monotonen Riffs in die Saiten kratzte. Auch dieser synästhetischen Totalität verdankte Sortilegias Auftritt seine berauschende Wirkung. Der Raw Black Metal des Duos und der Duft gingen eine ästhetische Symbiose ein, die das Erlebnis im niedrigen Raum nochmals verdichtete. Die ungeheuer laut gespielten Variationen des bombenalarmartigen Dröhnens aus Koldovstvos‘ Gitarre und Haereticus‘ grollenden Schlagzeugs schienen eher kontinuierlich durch den Raum strömen, als dass sie in einer eindeutigen Absender-Empfänger-Relation zwischen Band und Publikum standen. In dieser Schwitzhütte hielten sich Riffs und Rauch für den Rest der Show in der Luft und brachten alle Dinge darin in einen Transzendenz stiftenden, sinnlichen Zusammenhang. Nichts, keine Schallwelle, kein Tröpfchen Schweiss, kein Russpartikel schienen zu entweichen.

Ein Hauch von Hochglanz
Der Vulkan kommt nicht zur Ruhe. Seit Svartidauðis Flesh Cathedral (2012) spucken Island und insbesondere die Hauptstadt Reykjavik unablässig glänzende Brocken Black Metal in den dunklen Äther. Auch das sich neigende Jahr machte da keine Ausnahme. 2017 brachte teils herausragende EPs, Splits und Alben etwa von Svartidauði, Sinmara, Misþyrming, Almyrkvi und Rebirth of Nefast, ausserdem bespielte eine ganze Kohorte von Bands aus Island im April das Roadburn-Festival. Isländischer Black Metal strahlt längst über die Grenzen der Insel und des tiefsten Underground hinaus. Ein Hauch von Hochglanz umweht das in diversen Artikeln und Fotostrecken geprägte Bild eines verschworenen Zirkels von Musikern, die mit Henkerkapuzen und auf Stöcke gepflanzten Tierschädeln durch felsige Mondlandschaften wandern. Viele isländische Bands, den genannten wären in diesem Zusammenhang etwa noch Mannveira und Wormlust hinzuzufügen, schaffen es dank Zurückgezogenheit und elitärer Imagepflege credibility und den Respekt der Szene zu bewahren – trotz musikalischer Innovation.

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Almyrkvi liessen etwas Luft zum Atmen

Dieser Status zwischen kvlt und Trend liess sich im Urban Spree auch am Publikum ablesen. Bei Sinmara und davor Almyrkvi, im Island-typischen Postkutschenräuber-Look mit bis an die Nasenwurzel hochgezogenen Tüchern, waren kontemplierende Hornbrillenträger ebenso auszumachen wie ekstatisch durch die Luft zitternde Hände. Almyrkvis für Black-Metal-Verhältnisse eher im langsameren Tempo wallende, von extensiven Riffs und hallenden Klangflächen geprägte Musik bot nach den brachialen I I etwas Luft zum Atmen. Sinmara verkörperten dann mit sorgfältig getünchten Kahlschädeln und angerussten Armen das Bild von in Schnee und Vulkanen hausenden Kreaturen.

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Sinmara

Neben dem zeitlosen «Mountains of Quivering Bones» zum Schluss bestachen der Titelsong und «Ormstunga» von der in diesem Sommer erschienenen EP Within the Weaves of Infinity, auf der Sinmara ihre dissonanten Klangskulpturen neu auch mit eingängigen Einlässen aufhellen. Momente wie das Eröffnungsriff von «Ormstunga» oder die Melodien in «Within the Weaves of Infinity» versetzen Sinmaras Musik emotionale Schübe.

Die «Astral Maledictions» hat gezeigt, was Black Metal anno 2017 sein kann, wo er sich aus den allermodrigsten Löchern auf die Bühnen des weiter gefassten Underground traut: ein sinnliches Spektakel, das eher betört als anekelt.