Grundlagenforschung an den Ufern der Black-Metal-Ursuppe

Der Metal-Hammer-Journalist Dayal Patterson hat bereits das vierte Buch über Black Metal geschrieben. Zum Glück hat er noch lange nicht vor, damit aufzuhören.

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Braucht die Welt noch ein Buch über Black Metal? Dayal Patterson stellt die Frage in der Einleitung zu seinem neuen Buch gleich selber. Mit Blick auf die Äusserlichkeiten des Buchs könnte man sagen: Die Frage ist falsch gestellt. «Black Metal. Into the Abyss» ist unschwer als an Metaller gerichtet zu erkennen, es sich selbst verhält sich wie eine Underground-Veröffentlichung. Jedes Exemplar ist handschriftlich nummeriert, Cover und Seitenlayout sind in der Ästhetik der Fanzines gehalten, die das Entstehen des Genres in den Neunziger Jahren begleiteten. Schwarzweisse Bandfotos, Frakturschrift in den Titeln und ein gotisches Beinhaus als Seitenhintergrund setzen sich zu einem vertrauten visuellen Code zusammen. Nun sind Metalfans wie kaum eine vergleichbare Gruppe an Produktionsweise, Konzepten und Personalrochaden von Bands und an der Entwicklung von Genres interessiert. Und weil Black Metal weiterhin in unzähligen Schattierungen und in Tausenden Bands prosperiert, wird Pattersons Projekt einer umfassenden Dokumentation des Genres die Daseinsberechtigung noch lange erhalten bleiben. Der Welt hätte «The Evolution of the Cult» vielleicht gereicht. Die Metal-Welt hingegen dürfte schon auf das nächste Buch warten, denn: Die hellsten Erscheinungen der jüngeren Zeit, etwa die Bands der Reykjavíker Szene, sind am Horizont von «Into the Abyss» noch nicht einmal auszumachen.

Das Buch enthält 21 Interviews mit Bands verschiedener Strömungen des postmillenialen Black Metal an, den er in räumlich oder kulturell abgegrenzte Bereiche unterteilt. Der Metal-Hammer-Journalist fischt erneut in der von ihm eigentlich schon ziemlich ausgebeuteten norwegischen Ursuppe, doch nimmt diese, verglichen mit den vorherigen Bänden, weniger Raum ein. Auch der sogenannte Depressive Suicidal Black Metal (DSBM) und das lose Kollektiv «Let the World Burn» aus Kattowitz werden ausführlich behandelt. Damit schliesst das Buch an «The Cult Never Dies Volume One» an, das die Geschichte von DSBM und Black Metal aus Polen schon weit erzählte. Aber wie es so ist mit Black Metal: Wenn du glaubst, du hast sie alle…

Neben den angesprochenen Themenblöcken stehen auch immer wieder eigenwillige Formationen wie die uralten Mystifier oder die Viking-Metal-Band Helheim, mit der das Buch beginnt. Ein erster Schwerpunkt liegt auf der neuen norwegischen Orthodoxie der 2000er Jahre, die als regressive Reaktion von weniger bekannten alten und neugegründeten Bands auf Entwicklungen im Sound der Pionierbands gesehen werden kann. Bands wie 1349, Urgehal, Tsjuder oder Koldbrann erklären in den Gesprächen, wie sie sich der Pflege des «True Norwegian Black Metal» verschrieben, indem sie die Musik und Ästhetik der Neunzigerjahre puritanisch interpretierten. Natürlich wird da auch darüber nachgedacht, was Black Metal überhaupt ist, zum Beispiel im Gespräch mit Sänger Ravn von 1349. Dieser findet die gralsmässig gesuchte Essenz im Darkthrone-Albumtitel «Ravishing Grimness» formuliert: «The relentless grimness that is giving you this weird combination of chilling feeling and at the same time is euphoric.» Und daneben steht ein Foto, das die Band während einer Art satanischer Weihnachtsfeier zeigt: Alle sind adrett in schwarzen Roben gekleidet, mit dick aufgetragenem Corpsepaint, Drummer Frost hält ein Glas Wein, Sänger Ravn liest aus einem schwarzen Buch und Bassist Seidemann spielt Klavier.

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Die reglazialisierte norwegischen Urscholle wird dann von Vemod und One Tail, One Head aufgebrochen, die zum sogenannten «Nidrosian Black Metal» (Trondheim hiess in einer alten Sprache mal «Nidaros») gezählt werden. Dieses Netzwerk von musikalisch heterogenen Bands verschiedener Herkunft grenzt sich seit einiger Zeit erfolgreich von den alten Black-Metal-Zentren Oslo und Bergen ab. Verschiedene Veröffentlichungen des in Trondheim basierten Hauslabels Terratur Possessions erfuhren in jüngerer Zeit grosse Aufmerksamkeit, insbesondere Bands aus Reykjavík wie Svartidauði, Sinmara oder Misþyrming schlugen mit ihren Veröffentlichungen international hohe Wellen. Im Buch kommt mit Jan Even Åsli ein Akteur zu Wort, dessen Band Vemod sich auch aus dem heterogenen Katalog von Terratur Possessions abhebt. Im interessantesten Teil des Gesprächs geht es um die kulturelle Differenz zwischen Vemod und dem traditionell negationsfreudigen Black Metal: «I mean, ist’s a very positive thing for me, (…) that’s what I want to do, create something constructive», sagt Åsli über seine Auffassung von Musik als einem die menschliche Existenz affirmierenden Prozess, an dem HörerInnen und MusikerInnen gleichermassen beteiligt sind.

Im Gegensatz zu «The Evolution oft the Cult» vertextet Patterson die Interviews nicht. Die ausführlichen, meist ähnlich aufgebauten Fragebögen erinnern genauso an das Grundlagenmaterial von oral history wie der grosszügige Raum, der den Antworten eingeräumt wird. Der Originalton lässt die LeserInnen nahe an die Musiker (darunter keine Frauen) heranrücken. Wenn der in einer Psychiatrie arbeitende «Herr Suizid» von Nocturnal Depression etwa davon erzählt, wie seine eigenen und die Leiden seiner Patienten den sogenannten Depressive Suicidal Black Metal (DSBM) seiner Band beeinflussten, kann schon mal das Blut in den Adern gefrieren.

Die Zugehörigkeit der meisten Bands zu Black-Metal-Bewegungen nach der Jahrtausendwende bildet zwar einen inhaltlichen roten Faden für «Into the Abyss», doch das Buch ist auch die Summe von Gelegenheiten, die sich boten. Seit dem grossen Erfolg von «The Evolution of the Cult» scheint Patterson auf permanenter Recherche und «Into the Abyss» unterstreicht nochmals den enzyklopädischen Ansatz der «Black Metal»-Reihe. Patterson weist in den Einleitungen zu den Interviews gerne darauf hin, dass es Jahre des flüchtigen Kontakts und zufälliger Wiedersehen bedurfte, um einige der Gespräche aufzugleisen. Wenn er etwa am Rand des Inferno-Festivals im Hotelflur auf Mitglieder von Mystifier trifft, mit ihnen eine Flasche Rum leert und sich dabei zum Interview in London verabredet, dann muss das eben ins Buch; ebenso, wenn der medienscheue Bauernhofbewohner Olav Berland von Forgotten Woods nach langem Hin und Her endlich vor der Webcam sitzt. Patterson archäologische Neugier, flüchtige Gestalten auszugraben und die Konzepte und Netzwerke hinter dem Corpsepaint und den schillernden Logos und Albumcovers freizulegen, machen den Reiz des Buches aus. Da er gleichermassen akribischer Journalist wie unsterblicher Fan ist, geht er hervorragend informiert in die Gespräche. Häufig liegt er mit seinen Beobachtungen auch in den Augen seiner Gesprächspartner richtig. Das Wissen der Musiker, es in Patterson mit einem emphatischen Black-Metal-Nerd zu tun zu haben, schafft das Vertrauen für die teilweise epischen Gespräche (über zwanzig Seiten mit V’gandr von Helheim).

Einmal festgenagelt gelingt es ihm, seine Gesprächspartner, bei denen reserviertes Gehabe sonst zur Pflege der dunklen Aura gehört, in eine Art Sonntagsgespräch-Stimmung zu versetzen. Dank emphatischer Gesprächsführung mäandern die Gespräche oft abseits der zu Beginn eingeschlagenen Pfade, bis in die ideologischen Hinterstuben des Kopfs so mancher Band. Zum Beispiel im Interview mit der estnischen Band Loits fördert Patterson das krude esoterisch-nationalistische Weltbild zu Tage, das aus Lembetus Zeitdiagnose der von ihm beschriebenen estnischen Volkseele spricht: «Today we are living in the Western World, all the while retaining the animalistic senses of the forest people.» Generell fragt Patterson akribisch nach, wo immer er bei seinen Gesprächspartnern politisch problematische Ansichten vermutet, oder wo diese aus der Musik selbst gezogen werden können. Einige, wie Lembetu, antworten ausführlich, andere, wie Nag von Tsjuder, verbleiben in mehr oder weniger vagen Andeutungen. «(…)They [norwegische Black-Metal-Musiker] tend to share much of the same political views», kann auch als seinerseits pauschalisierendes Eingeständnis gelesen werden kann.

Im Interview Beelzeebubth von Mystifier werden die rassistischen Abgründe des Genres von aussen beleuchtet. Schon aus seinen Elaborationen über literarische Einflüsse klingt Beelzeebubths herrlich rotziger Ton, der das Gespräch zu einem der unterhaltsamsten des Buchs macht: «I use lots of stuff from Aleister Crowley, from Anton LaVey, something from philosophy like Schopenhauer and Nietzsche and mix all that fucking shit into Mystifier». Es folgen Erinnerungen an Mystifiers Kämpfe gegen Nazi-Bands in Brasilien und ein Rundumschlag gegen die skandinavische Szene der 90er Jahre. Beelzeebubht erinnert sich an den Auftritt von Mystifier am Bergener Inferno Festival 2014: «Our crowd was so different from those bullshit pop black metal stars» und endet mit: «Fuck Burzum. This kind of shit was annoying to hear.»

Es ist vielleicht die grösste Stärke des Buchs, dass es den Begriff «Black Metal» weit fasst. Das erlaubt Patterson, Bands mit divergierenden musikalischen, konzeptuellen und ideologischen Ausrichtungen zu versammeln und für sich sprechen zu lassen. Man könnte es Grundlagenforschung nennen. Er freue sich darauf, bald die Geschichten des Griechischen, schwedischen, finnischen oder amerikanischen Black Metal zu erzählen, sagt Patterson im Vorwort. Diese Bücher über Black Metal wird die Welt vielleicht dringender brauchen als dieses. Aber davor blieben noch ein paar Dinge zu sagen.

Dayal Patterson: Black Metal. Into the Abyss, Cult Never Dies 2016.