Goethe ist Teufel

Bölzer tauften im Kiff in Aarau ihre Heldengesänge. Dazu luden sie eine weitere angesagte Power-Duo-Formation ein: Urfaust, die zum ersten Mal in der Schweiz spielten. Dieses Aufeinandertreffen ist auch: Überwältigung gegen Hypnose.

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Urfaust

 

Johann Wolfgang von Goethe – ein weiterer Metal-Philosoph? Beide Bands jedenfalls, die an diesem Abend im Kiff in Aarau auftreten, zeigen eine Verbindung zum deutschen Dichter. Bei Urfaust, die zum ersten Mal in der Schweiz spielen, ist sie offensichtlich: Die Band ist benannt nach der Urfassung von Goethes «Faust». Bei Bölzer muss man etwas genauer hinschauen, ins Booklet des Debutalbums Hero. Dort liest man Buchstaben, die stark an anthroposophische Typografie erinnern (vgl. hier). Oder aufs Albumcover – ein Wasserfarbenbild, das ebenfalls aussieht wie anthroposophische Kunst. Okoi Jones, Gitarrist und Sänger von Bölzer, und Drummer Fabian Wyrsch besuchten nämlich einst – ja, genau – eine Rudolf Steiner Schule, und sie sagen auch, dass sie das besonders bei Hero ästhetisch beeinflusst habe. Und der Säulenheilige der Steiner Schule wiederum ist – ja, genau – Goethe.

Gut, die Kombiniererei wird schnell dämlich. Doch auch weil Urfaust und Bölzer ja gerade ziemlich angesagte Bands sind, verdient die Sache des Goethe-Metal vielleicht einmal eine eingehende Untersuchung. Diese müsste sich wohl vor allem auf den Black Metal stützen, das Metalgenre mit der grössten Affinität zu Goethe. Zu diesem Projekt nur ein paar Stichworte als Gedankenanstösse: Goethes Nähe zum Pantheismus in Verbindung mit seiner ans Religiöse grenzenden Verehrung der Natur, das Motiv der Hybris aus dem «Faust» und natürlich, aus demselben Werk: der Pakt mit dem Teufel.*

Nun, natürlich brauchen diese beiden Bands keinen Goethe, um in Kombination zu brillieren. Sowieso erreichen sie das weniger über ihre Ähnlichkeit – was die Tatsache, dass beide in derselben Power-Duo-Formation spielen, vielleicht vermuten liesse – sondern über ihre Differenz. Ein schwarzes Herz, das haben beide Bands, doch sie leben es in unterschiedliche Richtungen aus: Bölzer verstellen ihren Black Metal mit dornigem Death-Metal-Gehacke; Urfaust dagegen pflegen ein minimalistisches Liedermachertum, einen schwarzen Minnesang.

Keine Zeit für Geschwätzigkeit
Bölzer taufen an diesem Abend ihr bereits im Herbst erschienenes Hero. Doch das heisst nicht etwa, dass Jones nun mehr zum Publikum sagen würde als sonst (eine kurze Danksagung, nachdem Urfaust abgetreten sind, das ist alles). Nein, Bölzer sind keine geschwätzige Band. Schon wenn HzR und KzR (Pseudonyme wie Dolchstösse) die Bühne betreten, ist ihre Anspannung immens – ein bisschen wie bei einer Raubkatze, die zum tödlichen Sprung ansetzt. Das explosive Gitarrenspiel und die wuchtigen Drumschläge wären sonst kaum möglich.

Bei Urfaust ist ab dem ersten Ton alles anders. Schwer fällt bereits zu sagen, welches der erste Ton überhaupt ist. Es ist ein Anfang, wie ihn auch Electric Wizard pflegen: das raspelnde Fade-In. IX steht verpeilt vor seinem Amp und schrummelt an seiner Gitarre herum, als wollte er prüfen, ob alles funktioniert. Dann merkt man: Es hat bereits angefangen. Vielleicht hat der Gitarrist das selber erst jetzt bemerkt oder beschlossen.

Wenn Bölzer-Drummer HzR die ersten Wirbel von «The Archer», dem ersten Stück auf Hero, über seine Trommeln jagt, ist die Band gleich voll präsent. Statt zum abdriften einzuladen, wie Urfaust das tun, werfen Bölzer einen schockhaft vor eine Entscheidung: mitzurennen oder überrollt – oder eben: umgebölzt – zu werden. Die bissigen Riffs folgen Zahn auf Zahn, Raum zum Atmen gibt es kaum. Im klaren Klangbild im Kiff ist das alles wunderbar zu hören, treten auch die einzelnen Elemente dieser Raserei als solche hervor, wodurch sie für die Hörerin zu bewältigen ist. Aber das macht auch Arbeit. Wer Bölzer dagegen schon in einer Situation wie beim Party.San 2014 erlebt hat – breiiger Sound, aufgedreht bis zur Schmerzgrenze ­–, kennt die Überforderung, die diese Band auch auslösen kann. Aber das macht nichts, Bölzer zu hören und dabei aus dem Publikumsgraben ehrfürchtig an Jones’ gewaltiger Erscheinung hochzublicken, hat ja auch mit Masochismus zu tun.

Die primitive Kraft des Ur-Metal
Aber es liegt nicht nur daran, dass Bölzer heute auf Bühnen mit besserem Sound spielen, dass sich das Erlebnis ihrer Konzerte gewandelt hat. Entscheidend trägt auch Hero dazu bei, genauer: die Rolle, die der Gesang darauf einnimmt. Schon immer hat Jones seine raspligen Growls gelegentlich mit halbklaren Rufen durchsetzt. Das ist ja auch eine offensichtliche Referenz zu Celtic Frost («Ugh») und damit zur primitiven Kraft des Ur-Metal (die andere wichtige Referenz ist die Mikrofonständerposition von Lemmy). In den neuen Songs nun werden diese Rufe zu vollwertigen, triumphierenden, manchmal auch traurigen, Heldengesängen ausgebaut. Die Wirkung ist erstaunlich: Plötzlich tauchen Inseln der Erholung auf, auf denen man sich vor dem klaustrophobischen Druck kurz in Sicherheit bringen kann.

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Bölzer

Das ist die entscheidende Frage bei Hero: ob diese Momente der Entspannung und der höhere Grad an Kunstfertigkeit, den der neue Gesangsstil zumindest ausstrahlt, jener primitiven Kraft schadet, ohne die Bölzer kaum denkbar sind. Oder führt die Rein-raus-Bewegung zwischen Klaustrophobie und Entladung am Ende gar noch tiefer hinein in den Bölzerschen Schlund? Jedenfalls bildet das als Zugabe vorgetragene «Entranced by the Wolfshook» von der EP Aura immer noch den intensivsten Moment des Konzerts.

Verführung statt Schock
Urfausts schleppende «Space Meditations» (laut dem Titel ihre im Herbst veröffentlichten Albums) unterscheiden sich drastisch von Bölzers oft hektischen Verdichtungen. Ihre Wirkung auf den Hörer ist eher eine sanfte Verführung als ein Schock. Man will den hypnotischen Wendungen dieser Stimme folgen, sich ihrem Bann unterwerfen. Das macht zwar weniger weh als bei Bölzer, ist aber nicht weniger durchdringend. Urfaust klingen auf der Bühne instrumental eintöniger als auf manchen Studioaufnahmen (auch die Synthesizer fehlen), sie schreiten in einem süchtig machenden Trott, der von subtilen Wechseln oder Steigerungen kanalisiert wird, voran. Dadurch wird der Gesang umso besser getragen.

Wenn man sich darauf einlässt, dann kann sich diese Musik zeitweise so anfühlen, als würde eine wohlige Wärme den Raum fluten. Und wenn man beim Versuch, das zu beschreiben, in Eso-Hippie-Vokabular abzudriften droht, dann kann das auch gut und gerne im Sinne der Band sein, die ihre Musik ja als «Lo-Fi Black Magick» bezeichnet, wodurch sie Metal quasi zur schwarzen Transzendentalkunst erhebt. «Magick» ist einerseits die frühneuenglische Schreibweise von «magic», man könnte es aber auch auf das gleichnamige Konzept des Oberokkultisten Aleister Crowley beziehen. Doch bei aller Schwärze: IXs plastischer und ausschweifender Einsatz der Stimme wirkt stets erbaulich und einladend, als würde er eine Geschichte erzählen und uns zum aufmerksamen Zuhören bringen wollen.

Dadurch auch unterscheiden sich Urfaust von einem ihrer wichtigsten musikalischen Paten: Burzum. Nur selten nähert sich IX an diesem Abend, im Gegensatz zu manchen Urfaust-Aufnahmen, mit seinem Gesang der blanken Verzweiflung, die dem frühen Varg quasi das musikalische Lebenselixier war. Nein, es geht um die Arbeit an den Instrumenten. Es geht um eine Idee von Black Metal, dessen Essenz ganz ohne raffinierte Technik und sportliche Fingerarbeit zu erreichen ist, der mit Rockmusik so gar nichts mehr zu tun hat. Es geht um Black Metal, der stufenlos in Ambient (wo Urfaust herkommen) übergehen kann, der kaum Abwechslung in Rhythmus und Harmonie braucht und stattdessen mit Monotonie und Wiederholung arbeitet, der auch nicht «hart» ist, obwohl er sich in extrem verzerrten Klangfarben bewegt. Es geht um Black Metal als Dekonstruktion von Metal, als Avantgarde.

Wenn Burzum den Metal im Hass ertränkt, ertränken ihn Urfaust in der Liebe.

 

*Abstracts oder komplette Essays können jederzeit bei redaktion@alpkvlt.ch eingereicht werden.