Extrem Avantgarde

, 03.07.2017

Die Band Full of Hell schafft es mit extrem extremer Musik in die Empfehlungen von Popmagazinen. Die Gründe dafür waren am Freitag im Cassiopeia in Berlin zu erfahren.

fullofhell_joerg_kandziora2Dylan Walker von Full of Hell im Cassiopeia in Berlin. Bild: Jörg Kandziora

Wenn sich extreme Metalbands in den Fokus eines breiteren Publikums spielen, dann häufig, weil sie sich in Richtung Konsens entwickeln. Die einstmals schroffen Sludge-Bands Mastodon und Baroness etwa haben es zu generischen Metalbands gebracht, weil sie ihre Musik irgendwann um externe Elemente wie poppige Refrains und catchy Hooks erweitert und dadurch entsperrt haben. Am Konzert von Baroness im SO36 in Berlin war letzte Woche schön zu sehen, wie beliebt die Band aus Savannah, Georgia inzwischen bei einem breiten Rockpublikum ist. Baroness verfügen mittlerweile über eine abendfüllende Anzahl packender Hits, die von Fans in Shirts von Tool, Electric Wizard oder Marduk enthusiastisch mitgesungen werden.

Auch Behemoth haben ihre Reichweite mit dem grossen The Satanist stark vergrössert. Auf einem Riesenfestival wie dem diesjährigen Hellfest in Clisson spielten sie auf der Hauptbühne gegen die Abendsonne an statt mitternachts im Zelt gegen die Erschlaffung der Fans. Das kann zunächst erstaunen, weil Behemoths geschwärzter Death Metal auf den ersten Blick kaum den Rock-Appeal von Bands wie Steel Panther oder Airbourne bietet, die am Hellfest zu ähnlichen Zeiten auf den beiden Hauptbühnen spielten. Und doch: Mit ikonischen Riffs und aus-voller-Kehle-Refrains haben Behemoth mit The Satanist zumindest innerhalb des Metal einen gewissen Grad der Verallgemeinerbarkeit erreicht.

Keine musikalische Glasnost
Auch auf Nails und Full of Hell können sich inzwischen anscheinend eine Menge Menschen einigen. Nails füllten am Hellfest eine der grossen Zeltbühnen und spielten eines der intensivsten und am euphorischsten gefeierten Konzerte des Festivals. Und Full of Hell durften ihren tollwütigen Bastard aus Noise und Grindcore letzten Samstag im Cassiopeia in Berlin auf einen randvollen Keller loslassen. Doch an musikalischer Glasnost kann es hier im Gegensatz zu Baroness oder Behemoth kaum liegen.

Die jüngsten Alben beider Bands, You Will Never Be One of Us von Nails und Full of Hells Trumpeting Ecstasy, sind kompromisslose Werke. Und doch werden beide Bands seit einiger Zeit auf Musikblogs wie Pitchfork, Noisey oder The Needle Drop besprochen und empfohlen, die neben dem Monitoring von Klassikerbands (dann dürfen sie auch unhip sein) in erster Linie den Kanon für hippe neue Popmusik für sich beanspruchen. Über ein Konzert von Full of Hell berichtete letztes Jahr sogar die Berliner Zeitung. Diese Reichweite verdanken Full of Hell und Nails sicherlich auch der Zusammenarbeit mit dem Produzenten Kurt Ballou, einem zentralen Akteur des neuen, hippen US-Metal um Labels wie Southern Lord oder Profound Lore. Bei Full of Hell durften sich die KritikerInnen in den letzten Jahren zudem an Kollaborationen mit Künstlern wie dem legendären Noise-Musiker Merzbow oder den Sludge-Tüftlern The Body abarbeiten.

Unter dem abweisenden Panzer
Jedoch bieten Nails und Full of Hell Grindcore-Ungeübten abgesehen von ihrer frappierenden Extremität kaum Andockstellen. Zumindest offenbaren sie nicht sofort, was genau sie gegenüber anderen Bands des Genres auszeichnen soll. Die Songs haben meist die für Grindecore typische Kürze von unter einer Minute Spielzeit und das beschleunigte Gemenge aus Blastbeats, Screams und Gitarren ist so brutal, dass die Musik dadurch hermetisch wirkt. Dass Full of Hell die ohnehin kaum vorhandenen Lücken in dieser Textur noch mit beissendem Synth-Noise füllen, stärkt den abweisenden Panzer der Musik.

Konzerte von Nails und Full of Hell erhellen, warum diese Bands inzwischen auch jenseits des breiteren Metaldiskurses stattfinden. Bei ihnen kann Grindcore eine Erfahrung von Differenz und Transzendenz sein. Nails funktionierten am Hellfest unter anderem deshalb so gut als Stimmungsband, weil ihre verdichtete und maximalistische Musik rohen Punk in sich trägt. Die groovigen Muster, die manchmal wie Sinnestäuschungen ihre Hochgeschwindigkeitsorgien überziehen, sind ein perfekter Motor für Moshpits, in denen es sich dann ebenso gutmetallisch headbangen wie slamdancen lässt. Nails sind eine hybride Essenz, an der Death Metal, Hardcore und Grindcore teilhaben, ihr wunderbares Vermögen ist es, verschiedene Richtungen gleichzeitig zu affirmieren und zu transzendieren. So sieht das offenbar auch John Dyer Baizley von Baroness, der beim Konzert im SO36 ein Nails-T-Shirt trug und im Video zu «You Will Never Be One Of Us» kurz auftritt.

Die Entmystifizierung des Synthesizers
Bei Full of Hell in Berlin war erst mal nichts mit Pit. Das Konzert begann mit doomigen Gitarren und Dylan Walker, der an den Reglern seines Synthesizers drehte. Dazu gab Drummer Dave Bland, mit seiner animalischen Spielweise neben Dylan das zweite Zentrum der Aufmerksamkeit, in unregelmässigen Abständen spastische Ausbrüche von sich. So ging das ein paar Minuten, mit viel White Noise, verschrobenen Drones und überfallartigen Schlagzeugwirbeln. Auch später füllten Full of Hell die Räume zwischen den sich meist um eine Minute Länge herum bewegenden Grind-Platzregen mit Noise, Walker fiel dabei die spannungsvolle Doppelrolle von Rampensau und nerdigem Klanglaboranten zu. In einer Hand hielt er das Mikrofon, in das er unter zuckenden Verrenkungen unmenschlich schrie, während er mit der anderen an Rädchen, Schnüren und Steckern in seinem Synthie-Koffer herumwerkelte. Zwischen Raserei und noisigen Brüchen, in denen der Temporausch auch immer wieder in doomiger Viskosität stecken bleibt, kam die synchrone Bewegung der Körper im Mosphit zum Stillstand. Dann richteten sich alle Blicke darauf, was Walker da so trieb. Wie er manchmal auf seine Apparatur einschlug, an Kabeln und Schnüren riss, schien er zeigen zu wollen, dass sich ein Synthesizer genauso schön malträtieren lässt wie eine alte, abgewetzte Gitarre. Der Synthesizer als primitiver Gebrauchsgegenstand, als Instrument, das angeschlagen werden kann: Das war auch die Entmystifizierung eines Fetischs.

Bands wie Baroness oder Behemoth strahlen über den extremen und den Metal insgesamt hinaus, weil sie es innerhalb desselben zur Meisterschaft gebracht haben und zu Stars geworden sind. Nails transzendieren Metal und Punk und affirmieren dadurch beides. Full of Hell haben sich mit ihrem Avantgarde-Ansatz Zugang zu einer Rezeptionssphäre verschafft, in der sich Grindcore auch gut in hellen Galerien macht. Und wenn man «Noise» wörtlich nimmt, hat Grindcore dieser Welt ebenso viel zu sagen, wie Merzbow dem Metal.