«Es muss ja nicht in Terminator-artigen Szenarien enden»

MMXL, das dritte Album der dresdner Band Nemesis Sopor, enthält neben mitreissenden Riffs ein lyrisches Konzept über den Advent der künstlichen Superintelligenz. Das posthumanstische Zeitalter vor Augen, klingt der Black Metal hier auch versöhnlich. Drummer und Texter F.K. und Gitarrist A.B. erklären den Weg vom Wald in die Zukunft.

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Ausgehend von einer Publikation aus der Zukunftsforschung nehmen sich Nemesis Sopor auf dem im Frühling erschienenen MMXL dem Thema der künstlichen Superintelligenz an. In einer von immer smarter werdenden technischen Objekten geprägten Welt ruft der Begriff der künstlichen Intelligenz noch immer mehr Geister des Untergangs als Boten aus dem Paradies herbei. Nemesis Sopor klingen auf MMXL hingegen lichter denn je. Klirrende Black-Metal-Riffs blenden in postrockige Teile über, während die Geschichte auf ihre posthumanistische Katharsis zuläuft. Wo sich die Zukunft des alten Menschen verdunkelt, dämmert dem Black Metal die Hoffnung, so scheint es.

Alpkvlt: Auf Wurzelloser Geist und der Split Rauhnächte (mit Drengskapur) habt ihr euch thematisch in einem klassischen Habitat des Black Metal bewegt: der Natur. Bereits auf Glas war davon nicht mehr viel übrig und mit MMXL steht ihr nun auf der anderen Seite: bei den Maschinen. Ist es euch im Wald langweilig geworden?
F.K.: Nicht unbedingt. Inhaltlich ging es in unserer Musik schon immer mehr um den Menschen als um die Natur. Unsere sprachlichen Mittel haben wir am Anfang jedoch vermehrt Naturbildern entlehnt. Je nach Thema ändert sich das. Nichtsdestotrotz nimmt die Natur stets einen speziellen Platz bei uns ein, weil sich mit ihr auch vieles auf bildhafte Weise ausdrücken lässt, was sonst profan oder banal wirken würde.

Obwohl: Black Metal kennt ja durchaus eine futuristische Linie. Welche Alben oder Bands aus dieser Richtung würdet ihr empfehlen?
A.B.: Obwohl ich die naturmystische Sparte des Black Metal bevorzuge, gibt es schon ein paar futuristische Black-Metal-Alben, die ich immer wieder gerne höre. Zuoberst stehen Darkspace, deren Kunst Atmosphäre aufzubauen meiner Meinung nach unerreicht ist. Weiter, vor allem klanglich der Richtung zuzuordnen: Rebel Extravaganza von Satyricon. An diesem Album scheiden sich die Geister; ich persönliche finde die kalte, sterile und unbarmherzig-misanthropische Klangwelt, die Satyricon auf diesem Album geschaffen haben, grandios. In letzter Zeit haben mich Luminiferous Aether von Mare Cognitum und Värähtelijä von Oranssi Pazuzu beeindruckt.

Mit seinem oft rohen Klang eignet sich Black Metal bestens zur Imagination ursprünglicher Welten. Warum taugt er auch dazu, die Zukunft auszumalen?
F.K.: MMXL ist ein Konzeptalbum über das Erreichen der technologischen Singularität, dem Punkt, ab dem sich Maschinen unter Nutzung künstlicher Intelligenz selbst verbessern. Für sich selbst reflektieren die Menschen diese Zukunft zumeist in extremen Szenarien: totale Vernichtung oder das Paradies auf Erden, dazwischen scheint es wenig zu geben. Extreme lassen sich in der klanglichen Sprache des Black Metal wohl einfach gut erzählen.

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F.K.

Warum hat es der Alltag im Black Metal dagegen schwer?
A.B.: Black Metal speist sich durchaus auch aus dem Alltäglichen, aus menschlichen Beziehungen und daraus erwachsenden Gefühlen. Als am stärksten empfinde ich ihn jedoch dort, wo er seine HörerInnen aus dem Alltag zu entrücken vermag. Daher denke ich, dass abstrakte, die Lebenswelt übersteigende Konzepte wie Naturmystik und Okkultismus eine natürliche Symbiose mit dieser Musik eingehen konnten. Mit der Zukunft ist es ähnlich.

Ein Artikel über die Entwicklung zur sogenannten künstlichen Superintelligenz diente dir als Inspiration für MMXL. Wie schreibt man Lyrics aufgrund eines Essays zur Zukunftsforschung?
F.K.: Insbesondere, weil von Anfang an eine konkrete Idee feststand, nach der sich Texte und Musik zu richten hatten. Ich habe zuerst das Konzept von MMXL entworfen, dann die Texte und Songs darum herum. Das war ein völlig anderer Ansatz als bei meiner sonstigen, eher inspirationsbasierten Arbeitsweise und erleichterte es mir, kreativ und fokussiert an den Songs zu arbeiten.

Inwiefern spiegelt die Dynamik zwischen sphärischen, Postrock-artigen Teilen und harschem Black Metal das Thema von MMXL?
F.K.: Die musikalische Gestaltung der einzelnen Titel ist eng mit deren jeweiligen Inhalten verflochten. Die entgegengesetzten Zukunftsvisionen, die an das Einsetzen der Singularität anschliessen, lassen sich gut mit gegensätzlichen Stilmitteln ausdrücken. Beispielhaft könnte man hier «Untertan» nennen: Der Song befasst sich mit dem Menschen, seiner Entwicklung und seinem rasenden Streben nach Fortschritt – einem eher traditionellen Thema für uns. Aus diesem Grund arbeitet der Song noch mit relativ typischen Stilmitteln unseres bisherigen Schaffens. Später im Album, wo wir mit der künstlichen Intelligenz thematisches Neuland betreten, brechen auch diese Strukturen etwas auf.

Besonders deutlich wird das beim Titeltrack. Zusammen mit der eher modernen Instrumentierung ist in diesem Titel der fast vollständige Verzicht auf Text ein Mittel, das die Neuartigkeit und Unbegreiflichkeit der künstlichen Intelligenz für den Menschen hervorhebt. «Zeit der Sterne» befasst sich mit dem transhumanistischen Gedanken des Verschmelzens von menschlichem Bewusstsein und Computerprogramm. In unserer Vision der allumfassenden KI erscheint dieser Vorgang unaufhaltsam und vom Menschen wenig beeinflussbar. Darin liegt jedoch auch eine fast versöhnliche Untergangsfantasie, in der das menschliche Leben in seiner bisherigen Form endet – jedoch auch das damit verbundene Leiden. So gesehen fungiert das ruhige Motiv in «Zeit der Sterne» als tröstlicher Rückblick auf die in «Untertan» begonnene und in «MMXL» fortgeführte Erzählung des menschlichen Fortschritts, die damit zu ihrem Ende kommt.

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R.S.

Bereits gibt es die ersten von Computern komponierten Pop-Songs. Werden Bands bald gänzlich durch Maschinen ersetzt?
A.B.: Ich bin mir sicher, dass KI-generierte Kunst beliebt und erfolgreich sein kann und wird.

Welche Rolle spielt der Künstler-Mensch in der Kunst der Zukunft?
A.B.:
In vielen Musiksparten, sicherlich auch im Metal, werden Algorithmen dereinst leichtes Spiel haben, gerade wenn Eingängigkeit und gefällige Melodien gefragt sind. Ich denke aber, dass der menschliche Geschmack wesentlich komplexer beschaffen ist, als dass ihn Algorithmen hinreichend versorgen könnten. Wenn es um unvorhersehbare und überraschende Musik geht, um den Einsatz von Dissonanzen, um Takt- und Melodiewechsel, werden menschliche KomponistInnen noch lange die Nase vorn haben. Bis heute ist handgemachte Musik entgegen mancher Voraussage ja nicht verschwunden.

F.K.: Ich rechne schon damit, dass Algorithmen dereinst in der Lage sein werden, geschmackvolle Kunst zu erschaffen. Einen Vorgeschmack auf das ästhetische Potential künstlicher Intelligenz liefern ja bereits Bilder von Googles neuronalen Netzen. So wie ich das sehe, hängt die Anziehungskraft von Kunst und besonders von Musik aber auch davon ab, wie stark sich Rezipienten mit Atmosphäre und Emotion identifizieren können. Ich denke, dass es Algorithmen in dieser Hinsicht noch lange schwer haben werden.

Horrorszenarien von autonomen Maschinen, die die Menschen beherrschen, geistern seit jeher durch Literatur und Film. Warum fällt es dagegen schwer, hochentwickelte künstliche Intelligenz in Utopien aufzunehmen?
F.K.: Der Fortschritt von Technologie hat im Menschen schon immer ambivalente Gefühle hervorgerufen. Das dystopische Potential der künstlichen Superintelligenz ist wohl auf ihr Vermögen zurückzuführen, ihren eigenen Fortschritt unabhängig vom Menschen zu organisieren.

Das Album endet mit den versöhnlichen Zeilen «Unser Blut ist Eisen / Die einsame Welt vergeht / Wir sind eins». Liegt in der Vorstellung der Maschinenherrschaft auch Erlösung?
F.K.: Die Entwicklung zum Transhumanismus ist in vollem Gang. Die Überwindung der eigenen Körper- und Geistesgrenzen wird ja vor allem von lebensverbessernden und -verlängernden Motiven angetrieben, es muss ja nicht in Terminator-artigen Szenarien enden. Vielmehr wird die Menschheit dadurch wohl irgendwann ihr grosses Ziel erreichen: die Unsterblichkeit.

Dieses Interview entstand aus einem E-Mail-Wechsel.