«Eine Band hat kein Recht aufzutreten»

Im zweiten Teil unseres Interviews sprechen Dawn Ray’d über die heuchlerische Auslegung des Rechts auf freie Rede und erklären, warum Folk, Black Metal und die Nostalgie der Gegenwart gut zusammengehen.

Alpkvlt: Es scheint, als würden wir gerade Zeugen, wie ein politisches Bewusstsein der breiteren Metalszene erwacht: In den USA geht die Antifa militant gegen rechte Bands vor, in Schweden wurde mit #MetalToo eine feministische Bewegung im Internet lanciert. Beobachtet ihr das auch so?
Fabian: Es musste irgendwann so kommen. Im Metal wurden rechte Ideen und Bilder früher oft eingesetzt, um anstössig und provokativ zu sein. Aber immer mehr Leute sind sich bewusst, dass die damit verbundenen Ideen abscheulich und schädlich sind. Man kann jetzt vermehrt beobachten, wie etwa Veranstalter sagen: Egal wie gut eure Riffs sind, wenn ihr von gewissen Ideen Gebrauch macht, dann könnt ihr hier nicht spielen, wir geben euch keine Plattform.

Was haltet ihr davon, dass Taake wegen Aktionen der Antifa kürzlich ihre ganze US-Tour absagen mussten?
Simon: Ich bin klar der Meinung: Wenn jemand in einer multikulturellen Gegend ein Lokal betreibt und herausfindet, dass eine Band rassistische oder andere rechtsextreme Dinge gesagt hat, unabhängig von der Intention, und diese Leute dann entscheiden, dass sie eine solche Band nicht bei sich spielen lassen wollen, dann ist das ihr gutes Recht. Wenn sie diese Ideen in ihrer Community nicht haben wollen, dann ist das doch völlig in Ordnung. Es liegt nicht an uns, diese Frage für sie zu entscheiden. Umgekehrt hat eine Band kein Recht, irgendwo aufzutreten.

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Matthew Broadley, Bild: The Dude Abides Photography

Die sogenannten VerteidigerInnen der freien Meinungsäusserung verteidigen derzeit ständig solche abstrakten Rechte – als ob es nicht darauf ankäme, in welchem Kontext man etwas sagt. Der Linken wird dann jeweils vorgeworfen, sie würde Sprechverbote erteilen…
Matthew: Für die Leute, die auf diese Weise die freie Meinungsäusserung verteidigen, gilt dieses Recht meist nur in einer Richtung: Rede ohne Gegenrede. Aber es muss in beide Richtungen gehen, jemand muss nein sagen können. Alles andere ist ein Reflex, um Kritik mundtot zu machen.
Simon: Wenn MusikerInnen bestimmte Symbole einsetzen, um kontrovers zu sein, auch wenn sie nicht an die Ideologie hinter dem Symbol glauben, und damit dann eine heftige Gegenreaktion auslösen, dann können sie verdammt nochmal nicht überrascht sein! Wenn du die Reaktion nicht ertragen kannst, verwende einfach diese Symbole nicht!

Niemand ist zu blöd, um zu begreifen, was ein Nazi ist.
Simon: Mich hat noch nie jemand einen Nazi genannt, weil ich eben nicht mit Hakenkreuzen herumlaufe. Handlungen haben Konsequenzen. Wenn du lange Haare trägst, schmuddelige Kleider und einen Nietengurt, dann wird man denken, du hörst Heavy Metal. Und wenn du gewisse Symbole oder Logos verwendest, werden die Leute eben Vermutungen zu deiner politischen Gesinnung anstellen. Ob diese wahr sind oder nicht, du hast die Logos ausgewählt.

Ist die NSBM-Bewegung nicht längst irrelevant geworden und bis auf ein paar lokale Überbleibsel geschrumpft?
Fabian: Völlig einverstanden. Oder wann geschah es zum letzten Mal, dass eine dieser rechtsextremen Bands wirklich Einfluss auf den Black Metal hatte? Es gibt so viele herausragende Bands, die dieses Genre heute vorantreiben – aber keine davon hat mehr Kontakt zu rechtsextremen Ideologien. Die Leute haben den NSBM einfach als das erkannt, was er ist: langweilig, rückwärtsgewandt und musikalisch uninteressant. Natürlich halten gewisse Leute aus politischer Überzeugung an dieser Musik fest, aber abgesehen davon sehe ich nicht, wie es damit weitergehen soll.

Es gibt Leute, die sagen: Ich lehne alles ab, wofür diese Bands stehen, aber ich mag den Hass, der in ihrer Musik zu hören ist.
Simon: Das ist doch kein Argument! Ich habe so viel Hass zu geben und bin auch kein Nazi. (lacht)

Hat der orthodoxe Black Metal das Problem, dass seine musikalischen Möglichkeiten ausgereizt sind?
Simon: Jede Musikszene, die längerfristig überleben will, muss ständig vorwärtsschreiten. Das Aufregende an Musik ist, wie sie sich weiterentwickelt.

An eurer Musik fällt der starke Folk-Einfluss auf, eine magische Atmosphäre. Im Gegensatz zu den meisten im Black Metal kanalisiert ihr diese Stimmung aber nicht in Naturromantik und Nationalismus, sondern ganz im Gegenteil in kämpferische Arbeiterlieder…
Matthew: Folk ist Arbeitermusik. Durch diese Musik wird eine Verbindung zu einem Herkunftsort möglich, völlig unabhängig von Regierungen, Staaten oder Nationalitäten. Dafür eine Verbindung zu Arbeiterkämpfen – darum geht es im Folk, wie wir ihn verstehen. Die Magie und die Nostalgie kommen von dieser Verbindung zu etwas, das älter und grösser ist als wir selbst. Es ist eine Magie, die um Gemeinschaft und Selbstorganisation geht und sich gegen Staaten und Nationen richtet.

Ist es einfacher als an anderen Orten, diese Folk-Magie in England zu sehen, wo ihr herkommt? Die Verbindung zwischen Folk und Arbeiterbewegung ist vielleicht nicht überall so offensichtlich, wie sie für euch ist…
Simon: Wir können nur von den Gemeinschaften sprechen, die wir kennen. Aber in England, Schottland und Irland war Folk immer die Musik der Arbeiterklasse und ihrer Kämpfe. Diese Verbindung ist für uns ganz natürlich, wir müssen sie nicht herstellen.
Matthew: Wir sind um Folk und andere traditionelle Musik aufgewachsen, bevor wir mit Metal in Kontakt kamen. Darum fühlt es sich für uns sehr natürlich an, sie in unsere Musik einfliessen zu lassen.

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Simon Barr, Bild: Thomas Brooker

Wie verhält sich diese Magie in eurer Musik zur Politik?
Matthew: Wenn wir über trockene Theorie singen würden, würden wir die ganze Wärme verlieren, um die es in der Politik geht.
Simon: Wir können in unseren Texten nicht spezifische Streiks oder die Regierung behandeln. Die Politik muss sich dem Black Metal anpassen, denn dieser ist für uns viel mehr als ein Träger einer politischen Botschaft. Meinem Verständnis nach ist Metal wütende Musik und politische Themen sind halt das, was mich am meisten wütend macht. Wenn ich über Dungeons and Dragons oder Satan singen würde, wäre ich unaufrichtig oder zynisch.

Über was regen sich wohl die Leute auf, die über Dungeons and Dragons singen?
Matthew: Wenn das für gewisse Leute wichtig ist und es ihnen einen Sinn gibt, dann sollen sie unbedingt darüber singen. Auch Eskapismus ist enorm wichtig.

Kommen wir nochmals auf die Nostalgie zu sprechen: Wie sieht eigentlich eine linke Nostalgie aus?
Simon: Die Welt wird jeden Tag schlechter: Mit jedem Tag werden die Armen ärmer und die Reichen reicher, mit jedem Tag die Ozeane mehr vergiftet und Tierarten ausgerottet. Wir können nostalgisch sein über die wunderbare Welt, die uns umgibt und die zu Ende gehen wird, wenn wir nichts tun.

Also eine Nostalgie der Gegenwart?
Simon: Genau: eine Nostalgie für Dinge, die vor unseren Augen zerstört werden. Ich weiss, wie grossartig die Menschen und die Welt um sie herum eigentlich sind. Ich will, dass sie und die Schönheit der Welt erhalten bleiben.
Matthew: Auch die Nostalgie für die Vergangenheit kann links sein. Man kann riesige emotionale Inspiration aus vergangenen Kämpfen ziehen, dem Spanischen Bürgerkrieg zum Beispiel. Dabei geht es nicht um die Vergangenheit selber, sondern um den Einfluss auf die eigenen Handlungen, die Bewegung in die Zukunft.